Sonntag, 26. Januar 2020

Stadt 4.0 Testlabor Deutschland: Wie wir in Zukunft leben werden

Frankfurt bei Nacht: Die Stadt der Zukunft vereint technischen Fortschritt, wirtschaftliche Prosperität, nachhaltige Entwicklung und gesellschaftliche Lebensqualität.

Manch einer wird sich im Wissenschaftsjahr 2015 bereits gewundert haben, warum so viel von der Stadt von morgen, der Stadt der Zukunft oder Smart Cities geredet wird. Die klare Antwort ist: Wenig wird unsere gesellschaftliche und wirtschaftliche Zukunft so bedeutend verändern wie die Transformation unserer Städte als Lebens- und Wirtschaftsraum.

Die großen Umwälzungen im 21. Jahrhundert, sei es Digitalisierung, Energiewende, Globalisierung oder demografischer Wandel werden unweigerlich auf der Ebene der Stadt als mittlerweile zentralem Lebensraum unserer Gesellschaft entschieden. Der frühere Bürgermeister der Stadt Denver, Wellington Webb, prägte das folgende Zitat: "Das 19. Jahrhundert war das Zeitalter der Weltreiche, das 20. Jahrhundert das Zeitalter der Nationalstaaten und das 21. Jahrhundert wird das Zeitalter der Städte sein."

Ganz aktuell wird für die kommende Habitat-Konferenz der Uno bereits diskutiert, welche Rolle Städte zukünftig in der globalen Politik haben werden. Städte werden zu den größten Investitionsmaßnahmen unserer Zeit. Experten erwarten in den nächsten Jahren durch die globale Urbanisierung ein wirtschaftliches Potenzial von fast 30 Billionen Euro. Allein in den 50 größten Städten Baden-Württembergs besteht ein "SmartCity"-Potenzial von mehr als drei Milliarden Euro.

Hans-Jörg Bullinger
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    Hans-Jörg Bullinger war von 2002 bis 2012 Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft, der größten Organisation für angewandte Forschung in Europa, heute ist er Senator der Fraunhofer-Gesellschaft und Berater der EU-Kommission in Fragen des Forschungs- und Innovationsmanagements. Das manager magazin kürte ihn 2009 zum Manager des Jahres und nahm ihn 2013 in die Hall of Fame der deutschen Wissenschaft auf.
Zum Vergleich: Die deutsche Automobilwirtschaft erwirtschaftete im vergangenen Jahr einen Umsatz von 367,9 Milliarden Euro, also etwas mehr als ein Prozent davon. Doch die globale Urbanisierung lässt sich kaum als Branche beschreiben, höchstens als komplexes Geflecht von Branchen, aufgeteilt zwischen privaten und öffentlichen Akteuren. Dennoch haben sich einige Unternehmen und Konzerne bereits positioniert, mehr oder weniger erfolgreich. Das Ganze ist wahrlich kein Selbstläufer.

Eigentlich könnte uns dies auch egal sein in Deutschland. Nur wenige Städte wachsen merklich, der Urbanisierungsgrad beträgt bereits 75 Prozent, der Umgang mit bestehenden Infrastrukturen scheint mühsam und große Stadtentwicklungen wie Stuttgart21, die Hafencity in Hamburg oder München-Freiham lassen sich an einer Hand abzählen. Gleichzeitig versetzt dies uns aber in eine Vorreiterrolle - wir sind ein hochurbanisiertes "Living Lab" für die globale nachhaltige Zukunft.

Auch Milliardenländer wie Indien haben mittlerweile ein Smart-City-Programm initiiert mit dem Ziel, 100 bestehende Städte zu intelligenten und zukunftsfähigen Metropolen zu machen. Dies bedeutet, dass im globalen Maßstab dringend Lösungen gesucht werden, Investitionen in die smarte und nachhaltige Stadt von morgen "diskontierbar", also wirtschaftlich greifbar, zu gestalten. Das Systemwissen um die nachhaltige und technikgestützte Transformation der Stadt wird aus meiner Sicht der Schlüssel sein für die großen Herausforderungen unserer Zeit.

Wer Industrie 4.0 sagt, muss auch Stadt 4.0 sagen. Beides sind designierte Zukunftsprojekte der Hightech-Strategie 2020 für Deutschland, also tragende Säulen für Nachhaltigkeit und Wohlstand in der Zukunft. Während die Industrie 4.0 als Initiative relativ schnell als eine Art Leitbild von der Wirtschaft aufgenommen wurde, ist die Stadt der Zukunft als Handlungsfeld ungleich komplexer, versehen mit einer interessensdivergenten Multi-Stakeholder-Struktur. In einemnationalen Agendaprozess wurde, auch koordiniert durch die Fraunhofer-Gesellschaft, bereits von 2013 bis 2015 ein "Bauplan" erstellt, die koordinierten Maßnahmen der Politik werden Anfang 2016 erwartet.

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