Dienstag, 12. November 2019

Nachfolgeregelung für Aufsichtsratschef gefordert - Aktie vor HV auf Rekordtief Großaktionäre der Deutschen Bank proben Aufstand gegen Achleitner

Paul Achleitner: Der Aufsichtsratschef der Deutschen Bank gerät unter Druck. Einige Großaktionäre fordern eine Nachfolgeregelung

Kurz vor der Hauptversammlung der Deutschen Bank drängen Insidern zufolge mindestens drei Großaktionäre der Deutschen Bank Börsen-Chart zeigen auf einen vorzeitigen Abgang von Aufsichtsratschef Paul Achleitner (62). Sie forderten eine Nachfolge-Regelung für Achleitner, um den Österreicher vorzeitig ablösen zu können, sagten zwei mit der Sache vertraute Personen am Dienstag der Nachrichtenagentur Reuters.

Achleitners Amtszeit läuft 2022 aus. Ein Sprecher der Deutschen Bank lehnte eine Stellungnahme ab, auch im Namen des Aufsichtsratschefs. Am Donnerstag kommen in der Frankfurter Festhalle die Aktionäre des Instituts zur jährlichen Hauptversammlung zusammen.

Achleitner steht seit 2012 an der Spitze des Kontrollgremiums. Seit seinem Amtsantritt ist der Aktienkurs um gut 70 Prozent gefallen - ein Ende der Talfahrt ist nicht in Sicht. Am Dienstag rutschte die Aktie der Deutschen Bank Börsen-Chart zeigen zeitweise auf 6,58 Euro ab. Es ist das tiefste Niveau seit 47 Jahren.

Auch die mehrfachen Chefwechsel und Strategieänderungen lasten Kritiker dem 62-jährigen Achleitner an. "Es ist Zeit, dass Achleitner die Verantwortung übernimmt", sagte einer der Insider.

Glass Lewis und ISS kritisch gegenüber Deutsche-Bank-Führung

Auch die mächtigen Stimmrechtsberater Glass Lewis und Institutional Investor Services (ISS), nach deren Empfehlungen sich viele institutionelle Anleger wie Fonds oder Pensionskassen aus den USA und Großbritannien richten, haben die Geduld verloren. "Wir sind bislang nie so weit gegangen, zu empfehlen, Vorstand und Aufsichtsrat nicht zu entlasten", erklärte ISS. "Ab einem bestimmten Zeitpunkt sollten die Aktionäre aber ihren Bedenken Gehör verschaffen."

Union Investment und DSW wollen Führung entlasten

Dagegen stärkte die Fondsgesellschaft Union Investment Achleitner und Konzernchef Christian Sewing den Rücken. "Wir werden Vorstand und Aufsichtsrat entlasten", sagte Fondsmanagerin Alexandra Annecke dem "Handelsblatt". "Das ist angesichts der gewaltigen Probleme und Altlasten, mit denen die Bank immer noch zu kämpfen hat, keine Selbstverständlichkeit." Union Investment wolle Sewing und Achleitner die Chance geben, den Restrukturierungskurs konsequent fortzusetzen. Auch die Aktionärsvereinigung DSW will Vorstand und Aufsichtsrat entlasten.

Letztendlich wird es aber auch in diesem Jahr vom Votum von Großaktionären wie dem Finanzinvestor Cerberus oder Katar abhängen, ob das Management auf der Hauptversammlung eine Schlappe einstecken muss.

In der Vergangenheit hat Achleitner, der auf den Aktionärsversammlungen fast schon traditionell unter Beschuss steht, sie hinter sich wissen können. Obwohl sich auch im vergangenen Jahr bereits heftige Kritik an dem Aufsichtsratschef entzündet hatte, stimmten letztendlich über 84 Prozent für eine Entlastung.

Für eine Abwahl von Achleitner - die auch in diesem Jahr zur Abstimmung steht - votierten damals lediglich gut neun Prozent der Anleger.

Die Entlastung der Führungsmannschaft hat zwar nur symbolische Bedeutung und keine rechtlichen Konsequenzen, aber sie gilt als Gradmesser für das Vertrauen der Aktionäre. Daran mangelt es in diesem Jahr bei einigen wichtigen Unternehmen: So kassierte etwa Bayer-Chef Werner Baumann wegen der Monsanto-Übernahme eine Niederlage, die Führung der Schweizer Großbank UBS wurde ebenfalls abgestraft und nicht entlastet.

von Tom Sims und Hans Seidenstuecker, Reuters

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