Dienstag, 16. Juli 2019

Sewings riskanter Rettungsplan Warum der Deutschen Bank im Erfolgsfall die Übernahme droht

Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing
Michael Probst / AP
Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing

Die größte deutsche Bank streicht 18.000 Arbeitsplätze - doch der politische und gesellschaftliche Aufschrei bleibt aus. Offenbar haben sich alle daran gewöhnt, dass vom Branchenprimus nichts als schlechte Nachrichten kommen. Es scheint, als käme es auf eine mehr oder weniger nicht mehr an. Schließlich bauen alle Banken und Sparkassen im Land Personal ab und schließen Filialen. Der Wunsch der Kunden spielt keine Rolle mehr, die Kosten müssen runter. Ob dies langfristig zu weiter sinkenden Erlösen führt, die dann wieder neue Kostensenkungen nach sich ziehen, ist für den Moment erst einmal unerheblich. Und so steigt die Gefahr, einen Abwärtsstrudel auszulösen, immer weiter.

Markus Schön
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    Markus Schön ist Vermögensverwalter und Autor mehrerer Bücher. Daneben engagiert er sich ehrenamtlich für die gemeinnützige GIVING TREE Stiftung, die benachteiligte Kinder und Jugendliche unterstützt.

Immerhin: An den Börsen werden Warnsignale gesetzt. Nachdem die Aktie der Deutschen Bank zu Handelsbeginn nach der Ankündigung des Kahlschlagprogramms zunächst noch stieg, ging sie wenig später in einen Sturzflug über. Vom Tageshöchststand bis zum Tiefpunkt fiel sie um rund 10 Prozent, am Dienstag fiel sie um weitere 5 Prozent auf rund 6,5 Euro.

Und damit ist das Unternehmen immer noch zu hoch bewertet. Der eingeschlagene Weg, das Investmentbanking weiter zu stutzen, den globalen Aktienhandel faktisch aufzugeben und risikoreiche Derivate in eine Bad Bank auszulagern, mag gesellschaftlich konsensfähig sein; richtig ist er deswegen noch lange nicht.

Asiatische Banken drehen im Investmentbanking das große Rad ...

Wenn man die vor 20 Jahren noch größte Bank der Welt neu ausrichtet, ohne ein signifikantes Investmentbanking vorzuhalten, was bleibt dann noch von der Deutschen Bank? Die Internationalität des Hauses war identitätsstiftend - und hat sicherlich zu einer gewissen Arroganz auch in Kleinstadtfilialen geführt, die weder dort noch im geschäftlichen Umgang insgesamt angemessen war. Jetzt aber raubt man der Deutsche Bank die Seele, um offensichtlich vor allem dem deutschen Zeitgeist zu entsprechen.

Heute sind es asiatische Banken, die im Investmentbanking weltweit das große Rad drehen. Ganz vorn dabei sind auch die US-Institute, die letztlich alle nur dank Staatshilfe überlebten. Einen Schritt, den die Deutsche Bank direkt nie gehen musste. Dies ist aber durch die Skandale der vergangenen Jahre komplett in Vergessenheit geraten. Die Bank hatte nicht nur ein Problem im Investmentbanking, sondern vor allem in der Aufsicht und Kontrolle über dieses und viele weitere Geschäftsfelder. Als man die Moral dem Geschäftserfolg unterordnete und offensichtlich nicht mehr kontrollierte, hat die Bank ihre Orientierung verloren.

Dieses Chaos nun dadurch zu beenden, dass man nur noch die Geschäfte machen will, die alle machen, und damit nach der unternehmerischen Seele und Orientierung auch noch die letzte Hoffnung auf einen unternehmerischen Mehrwert aufzugeben, ist genau der falsche Weg. So verschafft man sich vielleicht neue Akzeptanz in den - ohnehin kaum noch vorhandenen - Kleinstadtfilialen.

Aber die Frage, was die Deutsche Bank besser als ihre dortigen regionalen Wettbewerber kann, bleibt unbeantwortet. Dies gilt umso mehr, da nun der Privatkundenvorstand geht, der strategisch in der Lage gewesen wäre, stationäre Filialen, mobilen Vertrieb und Digitalisierung wirklich miteinander zu verzahnen. Dann hätte - mit vielen Jahren Verspätung - Josef Ackermanns Plan aufgehen können, mit der Integration der Postbank eine ergänzende und vielleicht sogar ausgleichende Säule zum Investmentbanking zu schaffen. Jetzt hat sich die Deutsche Bank selbst zu einer deutschen Großsparkasse degradiert und scheint zu vergessen, dass man andere nicht überholen kann, wenn man ihnen auf ihrer Erfahrungskurve folgt.

... Wettbewerber dürften bieten, sind die Risiken erst abgebaut

Dieser Plan lässt außer Acht, dass die Deutsche Bank eine Marke ist, die man liebt oder hasst, aber die kaum jemanden egal ist. Dieses Image, das derzeit mehr Fluch als Segen ist, tauscht man ein gegen eine neue Beliebigkeit, die rasch zur Belanglosigkeit führen wird.

Denn selbst im Erfolgsfall wird der Sanierungsplan für den Wirtschaftsstandort Deutschland zu einem Misserfolg: Sind die Risiken erst einmal abgebaut und läuft das operative Geschäft am Ende tatsächlich ganz gut, wird ein Wettbewerber kommen und die Bank kaufen. Sie wird selbst bei einer Kurserholung ein Schnäppchen bleiben. Sogar bei einer Kurssteigerung von 150 Prozent auf den Kurs Ende 2015 hätte sie gerade einmal 10 Prozent des Börsenwerts ihres früheren Wettbewerbers JP Morgan erreicht.

Misslingt der Rettungsplan des Vorstandschefs Christian Sewing, verschwindet die Deutsche Bank. Gelingt er, wird sie zum Übernahmekandidaten - und deutsche Spareinlagen refinanzieren künftig das blühende Investmentbankinggeschäft asiatischer oder amerikanischer Banken.

Markus Schön ist Geschäftsführer des DVAM Vermögensverwaltung GmbH und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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