Dax 10.000 Zehn Irrtümer über Aktien

Der Dax hat die Marke von 10.000 Punkten geknackt. Höchste Zeit, sich von einigen Aktien-Irrtümern zu verabschieden. Zum Beispiel davon, dass man Aktien nur kaufen sollte, wenn sie billig sind.
Wohin mit dem Geld? Aktien sind wieder gefragt - für viele aus Mangel an Alternativen

Wohin mit dem Geld? Aktien sind wieder gefragt - für viele aus Mangel an Alternativen

Foto: Boris Roessler/ picture alliance / dpa

Hamburg - Dax 10.000: Eine Glückszahl für diejenigen, die Geld in Aktien investiert haben. Eine Horrorzahl für diejenigen, die zwar Geld, aber keine Aktien haben. Solange die zweite Gruppe in der Mehrheit, dürften die Kurse weiter steigen: Eine Börsenparty ist erst dann vorbei, wenn alle feiern.

Diejenigen, die jetzt noch mit Geld abseits stehen, haben eigentlich nicht viel falsch gemacht. Sie haben vielleicht schon bei einem Dax-Stand von 9000 Punkten gesagt, dass Aktien nicht mehr billig seien. Sie haben zudem eine der wichtigsten Regeln des Börsen-Altmeisters Warren Buffett beherzigt, die besagt: "Kaufe Aktien, wenn sie billig sind. Verkaufe Aktien, wenn sie teuer sind. Wiederhole das möglichst oft."

Das Problem ist nur: Wenn Geld immer billiger wird, werden Geldanlagen (wie Aktien und Immobilien) teurer. Warum sollten Anlageziele im Preis fallen, wenn Investoren weltweit verzweifelt versuchen, ihre Cash-Bestände anzulegen?

Wenn Kurse jahrelang - von kleineren Rücksetzern abgesehen - steigen, dann gibt es keinen Schlussverkauf, um die begehrten Aktien billig einzusammeln. Wer nur im Schlussverkauf einkaufen mag, bleibt draußen - und sieht die Kurse klettern. Zeit also, um einige populäre Börsenthesen zu durchleuchten.

Irrtum 1: Immer nur günstig kaufen

Natürlich kennt auch Warren Buffett, einer der reichsten Männer der Welt, das Problem der stetig steigenden Kurse. Er hat seiner Regel "günstig kaufen - teuer verkaufen" deshalb eine weitere hinzugefügt: "Es ist besser, ein großartiges Unternehmen zu einem durchschnittlichen Preis zu kaufen, als ein durchschnittliches Unternehmen zu einem großartigen Preis."

Sprich: Wenn man von dem Geschäftsmodell eines Unternehmens überzeugt ist und in der Zukunft steigende Erträge von diesem Unternehmen erwartet, dann kann man dafür auch einen höheren Preis bezahlen. Im Dax notierten Aktien wie Linde  oder BASF  zum Beispiel schon Anfang 2013 auf dem nominal höchsten Kurs ihrer Geschichte - und sind seitdem noch einmal kräftig gestiegen.

Die ewige Frage, ob Aktien "billig" oder "teuer" sind, hat mit dem Preis einer Aktie und ihrem Wert zu tun. Auch hier hilft Buffett weiter: "Der Preis ist das, was du bezahlst. Der Wert ist das, was du dafür bekommst." Diese Einsicht hilft zu entscheiden, ob man den Dax bei 10.000 Punkten noch kaufen kann.

Irrtum 2: Der Dax ist mit 10.000 Punkten zu teuer

Die Zahl 10.000 ist eine herrlich runde Zahl, mehr nicht. Sie lädt zu schönen Titelzeilen ein, wie "Dax an der Decke" oder "Dax 10.000 - Börsen laufen heiß". Doch warum sollte die Grenze zwischen "billig" und "teuer" ausgerechnet zwischen 9500 und 10.000 Punkten verlaufen und der Dax bei einer fünfstelligen Zahl zwangsläufig an eine "Decke" stoßen?

Die Aktienrally begann vor rund fünf Jahren: Mitte 2009 notierte der Dax bei rund 4800 Zählern, nachdem er Anfang März seinen Tiefpunkt erreicht hatte. Die operativen Gewinne der 30 Dax-Unternehmen (Ebit) betrugen im ersten Quartal 2009 insgesamt knapp 16 Milliarden Euro. Heute notiert der Dax mehr als doppelt so hoch, doch die Dax-30-Unternehmen haben im ersten Quartal 2014 mit rund 32 Milliarden Euro auch mehr als doppelt so viel operativen Gewinn eingefahren. Zudem sind die Cash-Reserven der Dax-Konzerne kräftig gestiegen.

Nimmt man die operative Ertragskraft der Dax-Konzerne als "Wert" des Dax an, bekommt man heute zum doppelten Preis auch den doppelten Wert - der Dax ist also verglichen mit 2009 nicht teurer geworden.

Irrtum 3: Jetzt geht die Party richtig los

Die Gefahren eines deutlichen Kursrückgangs sind aus einem anderen Grund gestiegen: Nicht, weil Aktien gemessen an ihren Gewinnen plötzlich "teuer" sind, sondern weil viele Dax-Anleger inzwischen viel Geld zu verlieren haben. Die Verkaufsneigung nimmt also deutlich zu.

Mitte 2009 war ein vergleichsweise sicherer Zeitpunkt zum Einstieg: Kaum jemand wollte Aktien haben, der Dax hatte sich seit der Lehman-Pleite im Herbst 2008 halbiert. Investoren hatten viel Geld verloren und entnervt ihre Papiere verkauft. Heute dagegen gibt es viele Investoren, die irgendwann zwischen 2009 und 2014 wieder eingestiegen sind - und die nicht zulassen wollen, dass ihre Aktiengewinne binnen weniger Wochen verrinnen. Sie sind bereit, Gewinne mitzunehmen - sie haben "schwache Hände".

Das heißt: Der Dax hat nur dann noch etwas Luft nach oben, wenn a) die Unternehmen ihre Gewinne weiter steigern und b) genug Investoren mit genug Geld noch an der Seitenlinie stehen, um den Aktionären mit "schwachen Händen" ihre Aktien abzunehmen. Wird die Zahl dieser kaufbereiten Nachzügler zu klein, reicht schon ein kleiner Anlass, um Dax & Co kräftig ins Rutschen zu bringen. Doch was könnte dieser Anlass sein?

Irrtum 4: Nach fünf Jahren Kursrally ist Schluss

Die These, dass ein Aufschwung am Aktienmarkt nach spätestens fünf Jahren zu Ende gehen muss, speist sich aus Erfahrungen der Vergangenheit: Dax-Anleger haben seit 2000 zwei schmerzhafte Crashs erlebt. Nach dem Platzen der Internet-Blase taumelte der Dax im März 2003 auf sein Tief, um dann bis Herbst 2008 stetig anzusteigen. Dann der zweite Crash: Die Kurse erreichten im März 2009 ihren Tiefpunkt, um dann erneut mehr als 5 Jahre lang zu klettern.

Die These, dass der Dax spätestens im Herbst 2014 erneut abstürzen wird, drängt sich beim Blick auf den Langfrist-Chart auf. Doch sie hat einen Makel: Es macht an der Börse keinen Sinn, Kursverläufe aus der Vergangenheit auf die Zukunft zu übertragen.

Börse bedeutet Unsicherheit. Aktienkurse entstehen nur deshalb, weil sie nicht planbar sind: Könnte man aus der Vergangenheit auf die Zukunft schließen, gebe es keinen Börsenhandel, denn dann wüssten alle Marktteilnehmer, wohin die Reise geht und die Kurse würden sich sofort bei diesem vorhersagbaren Niveau einpendeln. Die Versuchung, Kursmuster aus der Vergangenheit fortzuschreiben, liegt in der menschlichen Natur: Viele Börsenbriefe leben davon ("Diese Aktie hat sich verdoppelt - und wird sich erneut verdoppeln"). Nur wenige Menschen (außer den Börsenbrief-Autoren) haben mit dieser Strategie Geld verdient.

Irrtum 5: Zinserhöhungen der Notenbanken werden die Aktienrally beenden

Apropos planbare Ereignisse an der Börse: Natürlich werden die Notenbanken die Zinsen bald schrittweise erhöhen. Da Börse die Zukunft handelt, ist die Erwartung langsam steigender Zinsen bereits in den Kursen eingepreist.

Der Tag der ersten Zinserhöhung durch Fed oder EZB wird auch nicht der Tag sein, an dem die Kurse kräftig zu fallen beginnen: Viele Investoren dürften sich schon früher aus dem Markt verabschieden, denn mit der Zinserhöhung passiert etwas Erwartetes.

Ein Crash an der Börse kommt dann, wenn etwas Unerwartetes passiert - siehe 11. September 2001, siehe Lehman-Kollaps im Herbst 2008. Über die Zinswende der Notenbanken ist schon so viel gesprochen worden, dass sie die Börsen sicherlich bewegen werden - aber ihr Crash-Potenzial haben sie verloren.

Irrtum 6: Abwarten macht reich

Dass der Dax  nach einem Anstieg über die 10.000-Punkte-Marke irgendwann auch mal wieder kräftig fallen wird, ist eine Börsenweisheit, die derzeit niemanden weiterbringt. Ja, der Dax hat sich seit 2009 nach Punkten mehr als verdoppelt: Der Index könnte sich jetzt wieder halbieren, er könnte aber auch noch einmal kräftig steigen.

Anleger können jetzt auf Nummer sicher gehen und bis zum nächsten großen Kursrutsch warten. Das ist keine schlechte Strategie - sie erfordert aber Geduld. Investoren können auch bei "Dax 10.000" ins Risiko gehen und mit etwas Glück eine Risikoprämie kassieren, falls der Dax bis auf 11.000 Zähler steigen sollte. Keine Prämie ohne Risiko.

Klar, der Crash kommt - irgendwann: Das ist zumindest ein Trost für diejenigen, die jetzt mit viel Geld abseits stehen. Eines Tages kommt der Zeitpunkt, an dem man Aktien wieder günstig kaufen kann.

Irrtum 7: Diesmal ist alles anders

Sie erinnern sich noch an die Dot-Com-Hysterie 2000? Geldverbrenner wie EM.TV oder Intershop kamen auf Bewertungen in Milliardenhöhe. Der Einwand, dass Unternehmen irgendwann auch einmal Geld verdienen sollten, interessierte niemanden. Diesmal ist alles anders, hieß es: Nicht Gewinne zählen, sondern künftige Umsätze. Das Ende dieser Phase ist bekannt.

Auch heute heißt es oft, die Notenbanken hätten durch ihre Geldflut neue Spielregeln am Aktienmarkt geschaffen. Da sich Staaten durch billiges Geld und eine künftige Inflation bequem entschulden wollten, müssten Aktien komplett neu bewertet werden - es gebe für Investoren keine Alternative mehr zu Aktien.

Die Geldflut der Notenbanken ist unbestritten der wichtigste Treiber der Aktienhausse. Doch auch Ex-Fed-Chef Alan Greenspan hatte immer wieder die Märkte mit Geld geflutet - was Investoren nicht hinderte, im Herbst 2001 und im Herbst 2008 panikartig Aktien zu verkaufen. Ein Unternehmen, dessen Bewertung deutlich steigt, muss dies durch steigende Umsätze und Gewinne rechtfertigen - unabhängig davon, welchen Kurs die Notenbanken gerade fahren.

Irrtum 8: Es gibt keine Alternative zu Aktien

Anleihen und Zinskonten sind nach Abzug der Inflation ein Verlustgeschäft, Immobilien können sich nur wenige leisten - also bleibt Sparern nichts anderes übrig, als ihr Geld in Aktien anzulegen. Dieses Argument zählt zu den Lieblingsargumenten der Vermögensverwalter, doch es gilt nur bedingt.

Entscheidend für eine Geldanlage ist nicht die absolute Rendite, sondern das Verhältnis von Ertragschance und Risiko. Natürlich kann man mit Aktien immer noch gute Renditen erzielen - doch das Risiko, durch einen Kursrutsch deutliche Verluste zu erleiden, ist stark gestiegen.

Anders sieht es bei Anleihen aus. Bei spanischen, italienischen oder griechischen Staatsanleihen sind zwar seit Mitte 2013 die Renditen gesunken - das bedeutet, die Staaten müssen Investoren weniger Zins bieten. Gleichzeitig ist aber auch das Ausfallrisiko gefallen. Warum also nicht in eine 10-jährige spanische oder italienische Staatsanleihe investieren? Die Renditechancen sind zwar bescheiden, doch für vorsichtige Investoren durchaus eine Alternative zur hochgelobten (und hochgelaufenen) Aktie.

Irrtum 9: Es ist leicht, mit Aktien Geld zu verdienen

Geld bringt Geld - und wer reich ist, wird durch Gelderträge schneller noch reicher als jemand, der sich Wohlstand durch Arbeit verdienen muss. Die Thesen des französische Ökonom Thomas Piketty besagen, dass die Kapitalvermögen in einer Volkswirtschaft durchschnittlich stets stärker wachsen als die Volkswirtschaft insgesamt. Damit hat Piketty auch in Deutschland eine Kapitalismus-Debatte ausgelöst.

Einkünfte aus Kapitalvermögen werden in Deutschland mit 25 Prozent besteuert, während Steuern auf Arbeitseinkommen bis zu 45 Prozent betragen. Auf diese Weise werden Besitzer großer Vermögen bevorzugt. Dennoch ist Deutschland alles andere als ein Paradies für den normalen Aktienanleger.

Der private Aktiensparer, der durch Investitionen am Aktienmarkt seine Altersvorsorge verbessern will, hat es in Deutschland weiterhin schwer. Der jährliche Steuerfreibetrag ist mit 801 Euro lächerlich niedrig im Vergleich zu anderen europäischen Ländern, und die so genannte "Riester-Rente" ist so kompliziert gestaltet, dass die meisten Riester-Sparer lieber eine schwach verzinste Versicherung mit hohen Abschlusskosten wählen.

Einfache, steuerbegünstigte Sparpläne wie in den USA oder Schweden, wo die langfristige Rendite zudem durch niedrige jährliche Verwaltungskosten stark verbessert wird, sind in Deutschland Fehlanzeige. Statt dessen wird der Aktiensparer nach Kräften besteuert und als "Spekulant" schief angesehen - dabei will er oft nur die Summe, die später in der gesetzlichen Rente fehlen wird, mit Hilfe des Kapitalmarktes ausgleichen. Und Hand aufs Herz: Der Dax  hat sich seit 2009 mehr als verdoppelt - doch wer ist seitdem schon ununterbrochen dabei?

Irrtum 10: Schlauer sein als alle anderen

Es gibt keinen besseren Verkaufstrick als den Blick in den Rückspiegel: Man nehme zwei, drei Kursraketen, wähle den idealen Einstiegs- und Ausstiegszeitpunkt und führe dies potenziellen Aktienkäufern vor Augen.

Der Dax  hat sich seit 2009 mehr als verdoppelt - hättest Du den Index gekauft, hätte sich auch dein Geld mehr als verdoppelt. Die Aktie von Apple  hat sich zwischen Oktober 2005 und Oktober 2012 auf Dollar-Basis mehr als verzehnfacht - warum hast Du dein Geld nicht ebenfalls verzehnfacht? Wär doch so einfach gewesen.

Unerwähnt bleibt bei diesen Rückblicken stets, dass in diesen Zeiträumen sehr viele börsennotierte Unternehmen auf der Strecke geblieben sind - über die jetzt niemand mehr redet. Und auch mit den scheinbaren "Gewinnern" kann man zum falschen Zeitpunkt viel Geld verlieren: Nach ihrem Hoch im Herbst 2012 hat die Apple-Aktie in kurzer Zeit rund 30 Prozent an Wert verloren - und der Dax stürzte zwischen September 2008 und März 2009 um 50 Prozent ab.

Hinterher ist man immer schlauer. Und auch beim nächsten Dax-Crash wird es wieder heißen, er sei "überfällig" gewesen. Fragt sich nur, wie lange es bis dahin noch dauert. Wochen? Monate? Jahre? Zumindest eine Börsenregel lässt sich kaum als Irrtum kennzeichnen: Kurse steigen meist länger, als man glaubt - und fallen dann schneller, als man glaubt.

Wie lautet ihr Lieblings-Irrtum über den Aktienmarkt? Schreiben Sie uns unter finanzen@manager-magazin.de - wir freuen uns auf Ihre Post!

Fotostrecke

Volle Kassen: Die Cash-Könige im Dax

Foto: STRINGER/GERMANY/ REUTERS
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