Sonntag, 8. Dezember 2019

Erster Cum-Ex-Prozess beginnt in Bonn Cum-Was? Alles über die Milliarden-Steuer-Trickserei

Banken-Skyline von Frankfurt: In einigen dieser Gebäude dürften Cum-Ex- und Cum-Cum-Investments ausgetüftelt worden sein.
Max Rumpenhorst / DPA
Banken-Skyline von Frankfurt: In einigen dieser Gebäude dürften Cum-Ex- und Cum-Cum-Investments ausgetüftelt worden sein.

4. Teil: Wie funktioniert ein Cum-Ex-Geschäft?

Das Grundprinzip des Cum-Ex-Geschäftes wurde bereits beschrieben. Nun zur Darstellung im Detail (wobei auch dies nur ansatzweise möglich ist, die Wirklichkeit ist selbstverständlich doch deutlich komplizierter).

Wer das Cum-Ex-Geschäft durchblicken will, stellt es sich am besten schrittweise vor, und zwar mit fünf Beteiligten: Einem Unternehmen (zum Beispiel der Allianz Versicherung Börsen-Chart zeigen), drei Investoren (es müssen institutionelle Investoren sein, der Einfachheit halber nennen wir sie hier jedoch Karl, Franz und Dieter) - und dem Staat, der dabei in die Röhre schaut.

Schritt 1: Karl besitzt Allianz-Aktien im Wert von 150.000 Euro. Er freut sich schon auf die Dividende für sein Aktienpaket, die in diesem Jahr 5000 Euro betragen wird. Auf diese 5000 Euro hat auch Franz ein Auge geworfen, besser gesagt: Auf die Steuererstattung dafür. Franz erwirbt deshalb unmittelbar vor der Dividendenauszahlung ebenfalls Allianz-Aktien für 150.000 Euro.

Schritt 2: Franz kauft seine Allianz-Aktien von Dieter. Das ist insofern bemerkenswert, weil Dieter die Aktien gar nicht besitzt. Er ist ein Leerverkäufer, der sich die Papiere von Karl zunächst lediglich leiht. Das heißt: Er schließt mit Karls Aktien ein Geschäft ab, das er erst einige Zeit später ausführen muss. Und Franz zahlt an Dieter 150.000 Euro für ein Aktien-Paket, dass er erst später geliefert bekommt.

Schritt 3: Tag der Dividendenauszahlung. Karl bekommt 5000 Euro (er hat seine Aktien ja lediglich verliehen, besitzt sie aber noch) - aber nicht in voller Höhe vom Unternehmen. Die Allianz überweist lediglich 3750 Euro. Weitere 1250 Euro (25 Prozent) hat das Unternehmen als Kapitalertragssteuer bereits an den Fiskus abgeführt. Karl erhält also eine Bescheinigung, mit der er sich die Steuer erstatten lassen kann.

Schritt 4: Dieter hatte die Aktien von Karl bereits "leer" an Franz verkauft und 150.000 Euro dafür erhalten. Jetzt erwirbt er die Papiere tatsächlich von Karl - allerdings nicht zum ursprünglichen Kurs - "Cum-Dividende" - von 150.000 Euro, sondern "Ex-Dividende", also für nur noch 145.000 Euro (am Aktienmarkt ist es üblich, dass der Kurs einer Aktie am Tag der Dividendenzahlung ziemlich genau um den Betrag der Dividende je Aktie fällt).

Schritt 5: Dieter liefert diese Aktien nun endlich an Franz, der ja schon dafür bezahlt hat. Doch Moment: Franz hatte 150.000 Euro bezahlt, erhält nun aber Papiere, die nur noch 145.000 Euro wert sind. Als Ausgleich erhält er von Dieter weitere 3750 Euro. Und noch wichtiger: Von seiner Bank erhält er eine Steuerbescheinigung, mit der auch er sich die Kapitalertragssteuer in Höhe von 1250 Euro vom Finanzamt erstatten lassen kann.

Schritt 6: Zum Schluss kann Franz die Aktien für 145.000 Euro wieder an Karl zurückgeben. Damit hätte sich das Karussell einmal im Kreis gedreht und alles wäre wieder beim Alten. Bis auf eine Kleinigkeit: Der Staat hat von der Allianz in diesem Beispiel lediglich einmal 1250 Euro an Kapitalertragsteuer für diesen Dividendenanteil kassiert. Den gleichen Betrag hat der Fiskus jedoch zweimal wieder ausgezahlt.

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