Credit-Suisse-Chef baut radikal um "Wie kommen Sie darauf, unsere Strategie einen Schrumpfkurs zu nennen?"

Der neue Chef Tidjane Thiam verordnet der Credit Suisse einen radikalen Umbau - und bricht in einem bemerkenswerten Auftritt mit dem Kurs seines Vorgängers. Der neue Deutsche-Bank-Chef John Cryan dürfte Thiams Ansagen mit Interesse verfolgen - Cryans Auftritt folgt in der kommenden Woche.
Tidjane Thiam: "Große Pläne zu entwerfen, steht nicht in meiner Stellenbeschreibung. Ich bin hier, um Resultate zu liefern"

Tidjane Thiam: "Große Pläne zu entwerfen, steht nicht in meiner Stellenbeschreibung. Ich bin hier, um Resultate zu liefern"

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Spätestens bei der ersten kritischen Nachfrage zur Strategie zeigt Tidjane Thiam, dass er weit mehr ist als nur ein blendender Unterhalter, lässig-elegant im Auftritt und mit ansteckender Begeisterungsfähigkeit. "Wie kommen Sie darauf, unsere Strategie einen Schrumpfkurs zu nennen? Wie kommen Sie darauf? Ich kann das nicht nachvollziehen!", attackiert der neue Credit-Suisse-Chef jenen Schweizer Journalisten, der es gewagt hat, seinen Plan für die kommenden Jahre als fantasieloses Sparpaket zu geißeln.

Dann rattert der Ivorer, der schon den britischen Versicherer Prudential zur Gewinnmaschine getrimmt hatte, all jene Punkte herunter, von denen er glaubt, dass sie sehr wohl geeignet sind, die Schweizer Großbank wieder zur Cashcow zu machen. Mit Erfolg: Der Fragesteller gibt Ruhe, die Thiam-Show kann weitergehen.

Es ist früh am Mittwochmorgen, in einem Nebengebäude der Konzernzentrale am Zürcher Paradeplatz gibt Tidjane Thiam seine Regierungserklärung für die kommenden Jahre ab. Anschließend wird er nach London zum Investor's Day eilen und die Analysten unterrichten. Eine Pressekonferenz mit Schweizer Medien war ursprünglich gar nicht vorgesehen. Erst tags zuvor hatte die Pressestelle hektisch eingeladen. Fast so, als ob ihr im letzten Moment plötzlich eingefallen sei, dass sie nicht nur Universalbank globalen Zuschnitts ist, sondern vor allem eine mit Schweizer DNA.

Schmeichelei für die Schweiz - doch nun sind die Flitterwochen vorbei

Geschickt hatte Thiam in seinen ersten Wochen seine neue Heimat umschmeichelt. Immer wieder hatte er auf den legendären Bankgründer Alfred Escher und dessen Bedeutung für die Schweiz rekurriert, war in alle Landesteile gereist, um Niederlassungen zu besuchen und mit geschliffenem Deutsch und Französisch die Herzen der Mitarbeiter zu erobern. Sein Vorgänger Brady Dougan war auch nach acht Jahren im Amt jener US-Investmentbanker geblieben, als der er einst gekommen war. Eine Landessprache zu lernen, kam ihm nie in den Sinn. Sein Nachfolger von der Elfenbeinküste hat einen französischen Pass und Deutsch in der Schule gelernt.

Doch inzwischen sind die Flitterwochen vorbei, Thiams Strategie steht. Und sie hat es in sich: Die Kosten müssen abermals um 3,5 Milliarden Franken herunter, obwohl die aktuelle Kürzungsrunde noch läuft.

In der Schweiz fallen zehn Prozent der Arbeitsplätze weg, gestärkt wird dafür das Asiengeschäft. Das Investmentbanking schrumpft um 200 Milliarden Franken, vor allem der Anleihehandel muss bluten. Viele langjährige Vorstände werden ausgetauscht, drei neue Divisionen (Schweiz, Asien-Pazifik, Vermögensverwaltung) geschaffen. Private Banking in den USA wird an den Konkurrenten Wells Fargo  verkauft, es ist zu teuer.

Hinzu kommt eine Kapitalerhöhung um satte 6 Milliarden Franken und die Ankündigung, das Schweiz-Geschäft bis 2017 separat an die Börse zu bringen, um kleinere Banken in der Eidgenossenschaft leichter übernehmen zu können.

Ein ehrgeiziges Programm - und ein Zukunftsmodell auch für die Deutsche Bank?

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John Cryan macht fast alles neu: Gewinner und Verlierer des Radikalumbaus der Deutschen Bank

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Ein ambitioniertes Programm, das in Teilen dem des Platzhirschen UBS  ähnelt. Der fährt seit Jahren seine Investmentbank kontrolliert herunter und stärkt die Vermögensverwaltung, vor allem in Asien. Und es erinnert an das, was die Deutsche Bank  unter ihrem neuen CEO John Cryan vorhat.

Beide Geldhäuser haben einen ähnlichen Zuschnitt mit vergleichbaren Problem: zu hohe Kosten, vor allem im inzwischen hoch regulierten und von US-Rivalen dominierten Kapitalmarktgeschäft, zu wenig Kursperformance an der Börse.

Immerhin hat die Credit Suisse ihre Rechtsstreitigkeiten weitgehend beigelegt, während die Deutsche Bank allenfalls zwei Drittel der Strecke geschafft hat.

Wie sehr ihn das unberechenbare Investmentbanking nervt, macht Thiam an den Zahlen zum dritten Quartal deutlich. Dass der Konzerngewinn stärker als erwartet auf 779 Millionen Franken von gut einer Milliarde sank und die Kapitalmarktsparte sogar 125 Millionen Franken verlor, gehe auf die fragile Lage in China und die darob ausgebliebene Zinswende in den USA zurück - Ereignisse, die so nicht zu erwarten gewesen seien.

Alles auf Investmentbanking: "Dieses Spiel spiele ich nicht mit!"

Und da das Geschäft in den nächsten Jahren durchaus volatil bleiben werde, sei leider keine Prognose für das Renditeziel möglich. "Wissen Sie, in den vergangenen zehn Jahren haben sämtliche Banken sämtliche Renditeziele verfehlt, weil die von zu vielem abhängen, das wir nicht beeinflussen können. Dieses Spiel spiele ich nicht mit!" Ungewohnte Töne in einer Branche, die den Return on Equity, also den Ertrag auf das eingesetzte Eigenkapital, jahrelang wie eine Monstranz vor sich hertrug.

Umso eifriger nennt Thiam stattdessen seine Sparziele. Selbst im Asiengeschäft, dem Wachstumsmotor schlechthin, müsse künftig viel stärker auf die Kosten geachtet werden. "Es reicht eben nicht, zum Kunden-Lunch einen teuren Anzug zu tragen, da muss auch etwas bei herumkommen!", sagt Thiam, der zuweilen Schweizer Franken mit Pfund Sterling verwechselt.

Er spricht auf Englisch und frei, also ohne Manuskript. Womöglich zum Schrecken seiner PR-Leute, die sich freilich nichts anmerken lassen. Sie kennen ihren neuen Chef und sein Talent, sich mit geschliffener Rhetorik und unkonventionellem Auftritt von der Masse abzuheben.

"Ich bin hier, um Resultate zu liefern, nicht um große Pläne zu entwerfen"

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John Cryan macht fast alles neu: Gewinner und Verlierer des Radikalumbaus der Deutschen Bank

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Zweifel an seinem Kurs lässt er nicht zu. Thiam macht klar, dass er jetzt liefern muss und wird. "Große Pläne zu entwerfen, steht nicht in meiner Stellenbeschreibung. Ich bin hier, um Resultate zu liefern." Spricht's und schaut zu seinem Verwaltungsratspräsidenten Urs Rohner, der neben ihm sitzt.

Der frühere Pro7Sat.1-Chef, der lange an Dougan festgehalten hat und deshalb selbst unter Beschuss stand, nickt zufrieden. Rohner hat Thiam für die Credit Suisse gewinnen können und ist damit den anderen Banken zuvorgekommen, die zeitgleich auf Chefsuche waren: Deutsche Bank, Barclays, Standard Chartered.

Und er hat mit Thiam einen Manager an Bord geholt, der knallhart seine neue Strategie durchziehen wird wie einst bei Prudential, sie aber auch gegenüber der Öffentlichkeit souverän kommunizieren kann und nötigenfalls mit Angriffslust gegen Kritik verteidigt.

Eigentlich ist das eine notwendige Selbstverständlichkeit in Zeiten maximaler Transparenz. Und andererseits offenbar auch wieder nicht: John Cryan, der neue Deutsche-Bank-Chef, traut sich jedenfalls nicht vor Publikum. Er wird seine neue Strategie kommende Woche nur per Telefonschalte vorstellen. Es sei denn, seine PR-Berater stimmen ihn in letzter Minute noch um. Bei der Credit Suisse haben sie es gerade noch so geschafft.

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