Wie es zum Corona-Crash kommen konnte Diese Fehler wurden vorher gemacht

Von Markus Schön
Die Kurse an den Börsen sind steil und abrupt nach unten weggebrochen. Doch das ist nur ein Symptom - die Gründe für die heftige Reaktion liegen tiefer und haben eine Geschichte..

Die Kurse an den Börsen sind steil und abrupt nach unten weggebrochen. Doch das ist nur ein Symptom - die Gründe für die heftige Reaktion liegen tiefer und haben eine Geschichte..

Foto: Wang Ying/ dpa

In einem politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umfeld, in dem Krisen und Abschwünge unerwünscht waren, stellte sich in den vergangenen Jahren immer mehr die Frage, was denn überhaupt noch eine Krise auslösen konnte. Bei dem Treffen der Reichen und Mächtigen im Januar in Davos maß man der damals in China bereits ausgebrochenen Corona-Epidemie keine besondere Bedeutung bei. Heute weiß man, dass selbst ein hinsichtlich der Sterblichkeit relativ harmloses Virus die Kraft hat, marktwirtschaftliche Gewissheiten zu sprengen.

Die drei großen Fehler vor dem Crash

Markus Schön
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Markus Schön ist Vermögensverwalter und Geschäftsführer der Schön & Co GmbH . Er hat mehrere Bücher geschrieben und 2007 die gemeinnützige Giving Tree Stiftung gegründet, die benachteiligte Kinder und Jugendliche unterstützt.

Tatsächlich kann selbst eine unter der Droge Notenbankgeld stehende Weltwirtschaft mit immer größer werdenden Volkswirtschaften noch ins Straucheln geraten. Aus dem, was zu nächst wie eine harmlose Bereinigung überhöhter Bewertungen wirkte erwächst nun die Gefahr einer wirklichen Weltwirtschaftskrise. Das es soweit kommen konnte, liegt an drei fatalen Entwicklungen vor der Viruskrise, die sich jetzt rächen.

Rund zehn Jahre nach der Finanzkrise hat man das Gefühl, Europa und insbesondere Deutschland hätten sich nie wirklich davon erholt. Zunächst hatte man die Sprengkraft der US-Hypotheken für die globalen Finanzmärkte unterschätzt, aber dann war man viel schneller und besser durch die Krise gekommen, als man dies erwartet hatte. Anders als in den USA waren industrielle und gesellschaftliche Verwerfungen insbesondere in Deutschland nicht zu erkennen.

Politisches Kollektivversagen

Dies aber hat zu einem Entfremdungsprozess zwischen den nordeuropäischen Staaten - angeführt von Deutschland - und den südeuropäischen Staaten mit Frankreich an der Spitze geführt. Die EU als größter Binnenmarkt der Welt wurde so zu einem zahnlosen Tiger, der der aufstrebenden Weltmacht China und den USA unter Donald Trump nichts entgegensetzen konnte.

Deutschlands relative Robustheit wäre der Finanzkrise hat aber auch eine politische Hybris befördert, nämlich die, dass man der deutschen Industrie alles zumuten könne, ohne dass die nennenswerte Folgen für die Realwirtschaft hätte. Durch den politisch verordneten Irrweg Richtung Elektromobilität taumelt die deutsche Automobilindustrie auf den Abgrund zu. Der Maschinenbau kann seine Potenziale in der Digitalisierung nicht entfalten, weil man politisch kraftlos im digitalen Niemandsland verharrt. Die deutsche Bankenlandschaft mit einer Deutsche Bank, die vor 20 Jahren noch zu den Weltmarktführern zählte, ist nur noch ein Trümmerfeld.

Seit Gerhard Schröders Agenda 2010 hat Deutschland ein Leben in der politischen Komfortzone geführt. Das hat das Land in einen Dämmerzustand gebracht, aus dem man jetzt möglicherweise unter stärksten Schmerzen wieder aufwacht.

2. Entfesselte Notenbanken

Die politische Feinsteuerung hat die Regierungen in den vergangenen Jahren den Notenbanken überlassen. Die US-Notenbank Fed hatte immer das Ziel, Wirtschaftspolitik zu betreiben. Die EZB war - in der Tradition der Deutsche Bundesbank - anders aufgestellt. Sie sollte klassische Geldpolitik machen. Während in der Eurozone die Geldwertstabilität im Fokus stand, hat in angelsächsisch geprägten Volkswirtschaften der Einfluss der Notenbank auf die jeweilige Wirtschaftskraft eine wesentlich größere Bedeutung.

Da nach der Finanzkrise kein Staat in Europa die wirtschaftspolitische Verantwortung übernehmen wollte, schloss spätestens mit Beginn der Eurokrise der damalige EZB-Präsident Mario Draghi mit seinem legendären "Whatever it takes" diese Lücke. Der Euro wurde gerettet, aber der Preis war hoch und wie immer in solchen Fällen kommt die Rechnung später: Der Wert des Geldes sinkt. Es geht hierbei nicht um Kaufkraft oder Inflation, sondern um den Preis, Geld zu bekommen.

Notenbanken haben Risiken billigend in Kauf genommen

Wenn ein Kredit zwischen nichts und wenig kostet, explodieren alle anderen Vermögenspreise. Dies hat man so bereits 1929 erlebt und auch jetzt wird dadurch der Crash beschleunigt, weil die Kursanstiege an der Börse zu einem nicht unwesentlichen Teil mit fremdem Geld und Spekulationen erreicht wurden. Dieses Risiko haben die Notenbanken vor allem in Japan und Europa billigend in Kauf genommen. Deswegen verfügen sie jetzt über keine wirkliche geldpolitische Kraft mehr, um zielgerichtet auf die Krise zu reagieren.

Ob dies Notenbanken überhaupt könnten, ist ohnehin fraglich. Schließlich ist die panische Zinssenkung der US-Notenbank in der vergangenen Woche nicht nur wirkungslos verpufft. Vielmehr hat sie die Ängste sogar massiv befeuert. Gleichzeitig fehlen hochverschuldeten Volkswirtschaften wie den USA, aber auch Japan und insbesondere Italien die Finanzmittel, auf die virusbedingte Wirtschaftskrise wirtschaftspolitisch zu reagieren. Bei dem in Europa am stärksten von der Corona-Epidemie betroffenen Land rächt sich - möglicherweise nun ähnlich wie in Griechenland, Irland und Zypern - der gemeinsame Wirtschafts- und Währungsraum, der vergleichbare Lebensbedingungen in ganz Europa versprach.

3. Das große Nivellieren

Wenn alle Eurostaaten identische Rahmenbedingungen hätten, wäre es vermutlich nicht einmal abwegig, ähnliche Lebensbedingungen in ganz Europa zu schaffen. Doch niemand hat innegehalten und sich gefragt, ob dies überhaupt erstrebenswert ist. Europa war immer ein Kontinent der Vielfalt und unterschiedlicher Lebensart. Während die Deutschen regelmäßig glauben, sie müssten alle Lasten dieser Welt schultern, beneideten sie gleichzeitig die Leichtigkeit, mit der die Mehrheit der italienischen Bevölkerung wirtschaftliche Krisen und alltägliche Probleme hinnahm. Nicht ohne Grund war Italien der deutsche Sehnsuchtsort nach dem Zweiten Weltkrieg.

Ebenso wenig innegehalten hat man bei dem impliziten Versprechen der Notenbanken, für ewiges Wachstum zu sorgen. Kapitalismus ohne Pleiten ist wie Fußball ohne Tore. Heute reicht bereits eine unsinnige Idee - meistens irgendetwas mit Nachhaltigkeit oder Digitalisierung -, um Millionen- oder gar Milliardenbewertungen zu rechtfertigen. Es ist, als hätten wir die Dotcom-Blase nach der Jahrtausendwende vergessen. Der Nachweis eines zumindest perspektivisch rentablen Geschäftsmodells wird nicht mehr benötigt. Glücksritter verdrängen Unternehmer, Risikokapitalgeber ersetzen Kreditentscheider und vernichten so in großem Stil Geld - nicht ihr eigenes, natürlich, das Risikokapital kommt ja von anderen Investoren. Von Anlegern nämlich, denen man lange genug eingeredet hat, dass es keine Zinsen mehr gibt und der risikolose Zins ohnehin negativ oder nie vorhanden gewesen sei.

Glücksritter verdrängen Unternehmer, Risikokapitalgeber ersetzen Kreditentscheider

Auf dieses Umfeld trifft nun ein exogener Schock in Form einer weltweiten Epidemie. Da man aber schon die Lehren aus der Weltwirtschaftskrise 1929, der Internetblase 2001 und der Weltfinanzkrise 2008 vergessen hatte, muss man sich auch nicht an das Jahr 1918 zurückerinnern. Damals brach mit der Spanischen Grippe eine Viruskrankheit aus, die hinsichtlich der Ansteckung noch deutlich aggressiver und wesentlich tödlicher war als das Coronavirus. Dennoch kam das gesellschaftliche Leben nicht in dem Maße zum Erliegen, wie es in China, Südkorea und Italien feststellbar und in Deutschland zunehmend absehbar wird.

Nun muss man nicht jeden Fehler wiederholen, aber im Internetzeitalter nahezu minütlich neue Wasserstandsmeldungen zu geben und sich gegenseitig im Alarmismus zu überbieten, ändert nichts an der Situation. Jetzt ist nicht die Zeit, über ein fast kaputtgespartes und fehlerhaft gesteuertes Gesundheitssystem zu lamentieren oder immer neue Maßnahmen zu fordern. Jetzt ist die Zeit, gemeinsam als Weltgemeinschaft nach vorne zu blicken und die Herausforderungen auf gesundheitlicher, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Ebene anzugehen.

Markus Schön ist Vermögensverwalter und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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