Mittwoch, 8. April 2020

Vergleich mit der Finanzkrise Wie viel Lehman in der Corona-Krise steckt

Finanzzentrum Porta Nuova in Mailand
Claudio Furlan / LaPresse via AP
Finanzzentrum Porta Nuova in Mailand

Ein Vergleich wird dieser Tage immer wieder bemüht: Wie verhält sich die Corona-Krise zu der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise nach der Pleite von Lehman Brothers im September 2008?

Alles rauscht so schnell abwärts, und schon häufen sich die Vorhersagen einer weltweiten Rezession. Es wäre die erste seit 2009. Der Volatilitätsindex VDax, der die Panik am deutschen Finanzmarkt misst, hat sich in dieser Woche verdreifacht und das höchste Niveau seit Oktober 2008 erreicht.

Der Vergleich drängt sich so sehr auf, dass die sieben Ökonomen, die am Mittwoch eine deutsche Antwort auf die Krise formulierten, in ihrem Papier einen eigenen Abschnitt "Unterschied zur Großen Rezession nach der Finanzkrise" betitelten. Wie weit trägt dieser Vergleich also?

Der Schock-Moment

Gabriel Felbermayr, Chef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, sprach schon im Februar von einem "Lehman-Moment". Er meinte damit den plötzlichen Verlust an Vertrauen in das Funktionieren der globalen Wirtschaft. So wie damals das Finanzsystem offenbare jetzt das Produktionssystem wegen der Ausfall der Lieferketten seine Verwundbarkeit. In beiden Fällen kündigte sich die Schwäche Monate im Voraus an, wurde aber durch jähe Schocks wahrgenommen.

Lehman-Faktor: extrem

Die Ansteckung

Das Virus war schon 2008 präsent: als Sinnbild, um die Ausbreitung der Krise zu erklären. Es gab sogar eine ökonomische Studie, die den Weg von der Fehlspekulation am US-Immobilienmarkt über faule Kredite und den Interbankenhandel in die globale Realwirtschaft bis zur Pleite großer Industriekonzerne mit einer Influenza-Pandemie verglich.

"Bank Runs sind ansteckend", erklären die Finanzexperten Stephen Cecchetti und Kermit Schoenholz. Von deren Bekämpfung mit Staatsgarantien könne man auch heute lernen, um Covid-19 einzudämmen. Auch die "supply-chain contagion", also die wirtschaftliche Infektion über die Lieferketten, die uns heute beschäftigt, war 2008/09 ein stehender Begriff.

Der plötzliche, steile Fall des Welthandels war ein zentraler Faktor, um 2009 auch Länder zu treffen, die an der ursprünglichen Finanzkrise kaum Anteil hatten. Es war der schnellste Rückgang in der statistisch erfassten Geschichte - könnte durch die aktuelle Krise aber noch übertroffen werden, wenn das Tempo so anhält.

Lehman-Faktor: hoch

Die Art des Problems

Hier kommt das große, entscheidende Aber: Die Weltwirtschaftskrise war weithin durch einen Ausfall der Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen bestimmt, ausgelöst durch den Verlust an Vertrauen in Solvenz und Kaufkraft und den Wunsch nach schnellem, drastischem Schuldenabbau. "Ein Angebotsschock lag im Kontext der Finanzkrise aber nicht vor", schreiben die sieben deutschen Topökonomen. Die staatliche Antwort habe sich auf Konjunkturprogramme stützen können, um die Nachfrage zu stimulieren.

Bei Corona sei "die Lage komplexer", weil "ein simultaner Angebots- und Nachfrageschock" vorliege. Den Ausfall an Produktion und Arbeitskräften könne und solle der Staat aus medizinischen Gründen nicht überall ersetzen.

Lehman-Faktor: null

Die Rolle der Banken

"Dies ist keine Finanzkrise", betonte Citi-Konzernchef Michael Corbat am Mittwochabend bei Trumps Corona-Gipfel im Weißen Haus. "Die Banken und das Finanzsystem sind in starker Verfassung, und wir sind hier, um zu helfen." Selbst die lange geplagten italienischen Banken zeigen sich in der Lage, mit Zinsmoratorien die vom Lockdown getroffenen Schuldner vor der Corona-bedingten Pleite zu retten. Die Solidität der Banken selbst könnte allerdings zum Thema werden (nicht nur in Italien), wenn massenhaft Kredite ausfallen - das dürfte sich aber frühestens in der zweiten Jahreshälfte zeigen.

Lehman-Faktor: gering

Die Tiefe des Falls

Bislang kann es nur grobe Schätzungen zu den möglichen wirtschaftlichen Folgekosten der Corona-Krise geben - unterstützt durch epidemiologische Studien. Eine weltweit schrumpfende Wirtschaftsleistung erscheint danach durchaus plausibel, aber nicht so stark wie 2009. Mehrere Länder sind durch den Bruch vom Trendwachstum der 2000er bis heute um ein Viertel bis ein Drittel ärmer, als sie es ohne Finanzkrise gewesen wären. Als "äußere Grenze der Bandbreite wahrscheinlicher Ergebnisse" für heute sehen Richard Baldwin und Eiichi Tomiura das Lehman-Szenario.

Lehman-Faktor: fraglich

Die Antwort

Für Beatrice Weder di Mauro war die Finanzkrise eine Sternstunde der G20: "Die Führer der Welt kamen zusammen, um eine gemeinsame Antwort auf eine gemeinsame Krise zu verkünden." Italien sah sich bislang von den europäischen Partnern im Stich gelassen, US-Präsident Donald Trump zieht mit seinem Einreisestopp erneut lieber die nationalistische Karte - entgegen der Warnung der Weltgesundheitsorganisation, auch medizinische Hilfe brauche offene Grenzen. Aber vielleicht ändert sich das, wenn die Pandemie ernster wird.

Lehman-Faktor: fraglich

Die Dauer

Um mit einer optimistischen Note zu schließen: Als "großen Unterschied" sehen Christian Odendahl und John Springford vom Center for European Reform, dass Ausmaß und Schwere der Finanzkrise vorab und auch noch inmitten des Geschehens schwer einzuschätzen waren. "Die Coronavirus-Epidemie ist für Epidemiologen und daher für die Regierungen berechenbarer."

Zwar ist die Abgrenzung der wirtschaftlichen Folgen nicht so einfach wie bei früheren Angebotsschocks wie den Fluten in Thailand oder dem Erdbeben in Japan 2011, wo die Produktionsausfälle sich an simple geografische Entfernungen hielten, bemerken Baldwin und Weder di Mauro.

Aber die regelmäßige Ausbreitung des Virus mit einer annähernden Verdopplung der Fälle alle drei bis vier Tage (und auch einer absehbaren Erholung, die etwa in China oder Südkorea schon im Gang ist) lässt auch eine Vorhersage zu: "Die Pandemie wird sich rasch ausbreiten und in Europa ihren Höhepunkt im Mai oder Juni erreichen, wonach die Infektionsrate sinkt und die Wirtschaft sich wieder zu erholen beginnen wird", meinen Odendahl und Springford. Danach könne es zwar neue Infektionswellen geben, die aber weitaus weniger wirtschaftlichen Schaden anrichten.

Ergebnis: "Die langfristigen Folgen für die Wirtschaft werden bei weitem nicht so ernst wie die der Finanzkrise" - jedenfalls unter der Voraussetzung, dass die Regierungen rasch handeln, unter anderem um Corona-bedingte Firmenpleiten zu verhindern und natürlich um Menschenleben zu retten, wo möglich.

Lehman-Faktor: gering

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