Das Corona-Virus und die Kapitalmärkte Krise ja, Crash nein

Von Markus Schön
Die Ausbreitung des Coronavirus weltweit ist kein "Lehman-Moment" für den Welthandel, zumindest noch nicht. Auch das Minus des Dow Jones von rund 2500 Punkten gegenüber seinem Höchststand ist kein Grund zur Panik, sondern einfach nur die Korrektur der Marktübertreibungen der vergangenen Wochen.
China, Guangzhou: Angestellte arbeiten mit Mundschutz

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Foto: DPA

Seit Wochenbeginn bekommt das Coronavirus nun auch an den internationalen Kapitalmärkten die Aufmerksamkeit, die es in der politischen Wahrnehmung bereits seit Wochen hat. Zu Recht. Schließlich löst der Erreger nicht nur eine Erkrankung aus, die weltweit bereits Tausende Menschen infiziert und getötet hat, sondern er legt auch die Risiken offen, die der globalisierte Welthandel mit sich bringt.

Markus Schön
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Markus Schön ist Vermögensverwalter und Geschäftsführer der Schön & Co GmbH . Er hat mehrere Bücher geschrieben und 2007 die gemeinnützige Giving Tree Stiftung gegründet, die benachteiligte Kinder und Jugendliche unterstützt.

Aufgrund des großflächigen wirtschaftlichen Stillstands in China sind die internationalen Handelsströme schon jetzt massiv beeinträchtigt, und es ist völlig unklar, welche Konsequenzen die zusätzlich aufgetretenen Infektionsherde in Südkorea und Italien haben werden.

Globale Wachstumsdelle

Was bedeutet das für die Aktienmärkte? Genaue Prognosen sind angesichts der unübersichtlich und sich täglich verändernden Lage kaum möglich, doch Unsicherheit ist für Anleger immer schlecht. Erste Folgen für die Weltwirtschaft sind allerdings heute schon absehbar: China allein steht inzwischen für 17 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung. Selbst bei einer konservativen Beurteilung der Wachstumsentwicklung Chinas in diesem Jahr vom 4,5 Prozent statt der vor der Epidemie erwarteten 6,0 Prozent würde allein bedingt durch diesen Faktor die Wachstumsrate der Weltwirtschaft um 0,3 Prozent sinken. Durch mittelbare Effekte erhöht sich das Minus auf 0,5 Prozent.

Das globale Wachstum dürfte daher in diesem Jahr bei einer vorsichtig-optimistischen Prognose bei etwa 2,2 Prozent liegen. In einer pessimistischeren, aber aus meiner Sicht wesentlich realistischeren Betrachtung wird China in diesem Jahr lediglich um 3,2 Prozent wachsen - was das globale Wachstum auf 1,7 Prozent dämpfen würde. Für Deutschland, die Eurozone und Großbritannien würde dies eine Rezession bedeuten, während in den USA die Wirtschaft stagnieren würde.

Überbewertete Aktienmärkte

Eine solche Entwicklung für sich genommen wäre ernst, aber nicht dramatisch - nur das dies an den Aktienmärkten aktuell überhaupt nicht eingepreist ist. Entsprechend dürften die Indexstände beim Dax unter 12.000 Punkte und beim Dow Jones unter 25.000 Punkte fallen - und das eher früher als später. Dies wäre kein "Lehman-Moment" für den Welthandel, zumindest noch nicht. Auch das Minus des Dow Jones von mittlerweile mehr als 2000 Punkten gegenüber seinem Höchststand ist kein Grund zur Panik, sondern einfach nur die Korrektur der Marktübertreibungen der vergangenen Wochen. Doch je länger an den Kapitalmärkten und in der Politik der Blick für die Realität verstellt bleibt, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit einer großen Krise.

Anders als 2008 droht aber diesmal keine vom Finanzsektor ausgehende Krise, sondern es bestehen handfeste realwirtschaftliche Gefahren, die dann sehr schnell auf die unterkapitalisierten europäischen Banken und Sparkassen übergreifen könnten. Auch dann drohen keine Auswüchse wie während der Weltwirtschaftskrise des Jahres 1929, aber von der Tendenz her zeichnet die damalige Situation die Entwicklung in der Gegenwart vor.

Mehr Globalisierung statt weniger

Es gilt daher, zwei wirtschaftlich relevante Faktoren zu unterscheiden: 1. Das reinigende Gewitter an Kapitalmärkten, bei dem sich die Überwertung insbesondere von Technologiekonzerne relativiert. Titel wie beispielsweise Tesla notieren aktuell bei einem Vielfachen ihres nachhaltigen Werts. 2. Das aktuelle geldpolitische Umfeld aus Niedrigzinsen und expansiver Notenbankpolitik, das nicht überlebensfähige Unternehmen am Leben erhält. Doch Kapitalismus ohne Pleiten ist eine Form von Sozialismus oder wie Fußball ohne Tore. Sowohl die Überbewertung der Aktienmärkte als auch die Geldpolitik machen die Weltwirtschaft daher anfällig für eine große Krise - die auch durch ein Virus ausgelöst werden kann.

Zum Erhalt des Vertrauens innerhalb der WHO führt deshalb kein Weg an maximaler Transparenz und klaren Regeln vorbei. Dass sich das Coronavirus trotz des konsequenten Handelns Chinas verbreiten konnte, belegt, dass neuartige Erkrankungen keine nationalen Phänomene mehr sind, sondern nur noch global bekämpft und zu kontrolliert werden können. Die Antwort auf die Epidemie muss deshalb mehr Globalisierung statt mehr Abschottung sein.

Markus Schön ist Vermögensverwalter und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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