Rekordmittelabflüsse im Corona-Crash So heftig trifft die Anlegerflucht Europas Fondsbranche

Ein Bild für die Geschichtsbücher: Die Börse erlitt im März Verluste historischen Ausmaßes - und mit ihr auch ein Großteil der Finanzbranche.

Ein Bild für die Geschichtsbücher: Die Börse erlitt im März Verluste historischen Ausmaßes - und mit ihr auch ein Großteil der Finanzbranche.

Foto: REUTERS

Der Crash, den die weltweite Ausbreitung des Coronavirus im März an den Finanzmärkten ausgelöst hat, traf die europäische Fondsindustrie in bisher nicht erlebtem Ausmaß. Von Aktienfonds über Rentenfonds bis hin zu gemischten Produkten, Fonds mit alternativen Investments oder Immobilienfonds - durch die Bank zogen Investoren Mittel in Rekordhöhe aus den Anlagevehikeln ab. Das geht aus Zahlen der Fondsratingagentur Morningstar hervor, die manager magazin vorliegen.

Nach Kalkulation von Morningstar entzogen Anleger dem europäischen Fondsmarkt - sowohl aktiv gemanagten Produkten als auch passiven - im März unter dem Strich insgesamt Gelder in Höhe von 246 Milliarden Euro. Der Wert übertrifft noch bei weitem jene 108 Milliarden Euro, die die Fonds im Oktober 2008 an Mitteln verloren, dem laut Morningstar "dunkelsten Moment" der Finanzkrise 2007 bis 2009.

Die Fondanbieter traf der Marktcrash damit doppelt: Um weitere enorme rund eine Billion Euro sank das Volumen der Fonds insgesamt durch die Kursverluste, die vor allem in den beiden Wochen vom 9. bis 20. März entstanden. Das heißt: War die europäische Investmentfonds- und Indexfonds-Industrie - ohne Geldmarktfonds - noch mit einem verwalteten Vermögen von rund 9,5 Billionen Euro in den März gestartet, so waren davon am Ende des Monats laut Morningstar noch etwa 8,2 Billionen Euro übrig. Der Ratingagentur zufolge gab es während der Kurserholung Ende März zwar wieder Zuflüsse in Aktienfonds. Diese konnten die vorherigen Abflüsse jedoch nicht annähernd ausgleichen.

Für den Morningstar-Experten Ali Masarwah handelt es sich daher um sehr schmerzhafte Einbußen für die Fondsanbieter - und für deren Manager. "Ein Großteil der Gebühren, die die Unternehmen kassieren, berechnet sich auf Grundlage des verwalteten Vermögens", sagt Masarwah. "Ein Rückgang des gesamten Fondsvolumens um mehr als 10 Prozent wirkt sich da schon sehr gravierend aus."

Größte Einbußen bei Rentenfonds

Allein die in Europa angebotenen Aktienfonds erlitten im März laut Morningstar Nettomittelabflüsse in Höhe von 56 Milliarden Euro - auch das einer von zahlreichen Rekordwerten. Der bisherige Höchstwert betrug der Agentur zufolge 46 Milliarden Euro, aufgestellt im Januar 2008.

Am heftigsten traf die Anlegerflucht jedoch die Anbieter von Rentenfonds. Aus diesen Produkten zogen Investoren binnen eines Monats 140 Milliarden Euro ab - deutlich mehr als das Doppelte des bisherigen Rekordwerts von 54 Milliarden aus dem Oktober 2008.

Hintergrund: Die Fonds, die in festverzinsliche Wertpapiere wie Staats- oder Unternehmensanleihen investieren, hatten sich angesichts des enorm niedrigen Zinsniveaus seit der Finanzkrise zunehmender Beliebtheit erfreut. Anleger steckten auf der Jagd nach höheren Zinsen viel Geld in solche Fonds, über die es beispielsweise in High-Yield-Bonds oder Schwellenländer-Anleihen floss. Die starken Mittelzuflüsse im Vorfeld des Corona-Crashs bedeuteten nun im Umkehrschluss: viel Potenzial für den Aderlass.

Die größten Verlierer unter den Fondsanbietern - und die Gewinner

Passend dazu ist der Morningstar-Kalkulation zufolge Pimco der größte Verlierer unter den Fondsanbietern in Europa im Monat März. Die zum Allianz-Konzern gehörende Fondsgesellschaft aus Newport Beach in Kalifornien ist auf Rentenfonds spezialisiert - und musste einen entsprechend massiven Dämpfer verkraften. Laut Morningstar verbuchte Pimco mit insgesamt 23,7 Milliarden Euro auf 154 Milliarden Euro die höchsten Abflüsse aller Anbieter aktiv gemanagter Investmentfonds. Noch nie habe ein US-Fondsanbieter binnen eines Monats Mittel in dieser Höhe verloren, so Morningstar.

Der Großteil des Minus entstand dabei in Pimcos Flaggschiff-Fonds Pimco GIS Income, dem größten Rentenfonds Europas. Dessen Volumen schrumpfte der Ratingagentur zufolge im März von 74 Milliarden Euro auf 52 Milliarden Euro - Mittelabflüsse von 15,6 Milliarden Euro inklusive.

Ein Sprecher Pimcos wollte sich auf Anfrage nicht konkret zu den von Morningstar kalkulierten Mittelabflüssen äußern. "Pimcos defensive Strategie und striktes Liquiditätsmanagement haben geholfen, die Phase einmalig hoher Marktvolatilität im März zu meistern", teilte er stattdessen mit. "Nun sehen wir langfristig sehr interessante Bewertungen in einigen Marktbereichen wie qualitativ hochwertigen Unternehmens-, Hypotheken- und ausgewählten Schwellenländeranleihen."

Ebenfalls weit oben auf der Verliererliste: der weltgrößte private Vermögensverwalter Blackrock. Das Unternehmen mit Hauptsitz in New York verlor in Europa laut Morningstar im März allein 10,3 Milliarden Euro an Anlegergeldern in seinen aktiv gemanagten und knapp eine Milliarde Euro in seinen passiv gemanagten Fonds. Hinzu kommen etwa 7,1 Milliarden Euro, die Anleger auf dem Kontinent aus Fonds der Blackrock-ETF-Tochter iShares abzogen.

Bei einem Blick auf Blackrocks Gesamtgröße relativiert sich allerdings das Ausmaß der Einbußen: Der Investmentkonzern verwaltet insgesamt rund 6,5 Billionen Dollar (rund sechs Billionen Euro) für seine Kunden.

Ein Sprecher von Blackrock wollte die Zahlen von Morningstar ebenfalls nicht kommentieren. Er verwies auf die Quartalsergebnisse, die Blackrock selbst Mitte April veröffentlicht hat. Demnach erscheint die Bilanz der Mittelzu- und abflüsse bei dem Investmentriesen in den ersten drei Monaten dieses Jahres vergleichsweise erfreulich: Unter dem Strich konnte Blackrock sein verwaltetes Vermögen weltweit um rund 35 Milliarden Dollar sogar steigern. Darin ist allerdings auch die Position "Cash Management" enthalten, kurzfristige Investments am Geldmarkt also, die Morningstar bei seiner Kalkulation nicht einbezieht. Insgesamt 52 Milliarden Dollar flossen Blackrock in diesem Bereich im ersten Quartal 2020 netto zu. Aktive und passive Investmentfonds dagegen landeten unter dem Strich deutlich im Minus.

Auch insgesamt schlug die Marktkrise bei dem Finanzkonzern ein: Der Nettogewinn schrumpfte im ersten Quartal 2020 gegenüber dem Vorquartal um 23 Prozent auf 806 Milliarden Dollar.

Flucht in "sichere Häfen"

Allerdings gab es im März auch Gewinner am europäischen Fondsmarkt. Von der Flucht der Investoren in "sichere Häfen" profitierten laut Morningstar vor allem Fonds, die in US-Staatsanleihen investieren, sowie Investmentvehikel mit Fokus auf Edelmetalle. Exchange Traded Commodities (ETCs) etwa, die den Goldpreis abbilden, erlebten den Zahlen zufolge den besten Monat seit Beginn der Erhebung.

Zu den Unternehmen, die den Monat in Bezug auf die Mittelbewegungen erfolgreich abschlossen, gehört beispielsweise der US-Indexfondsanbieter Vanguard, der laut Morningstar ein Plus beim verwalteten Vermögen von rund drei Milliarden Euro verbuchte - so viel wie kein anderer Anbieter passiver Produkte.

Es sei wichtig, Kunden in volatilen Marktphasen zur Ruhe zu motivieren und Panikreaktionen zu vermeiden, sagt dazu Sebastian Külps, Vanguard-Chef für Deutschland und Österreich. So hätte Vanguard bei seinen Anlegern in den USA zwischen dem 19. Februar und dem 20. März klar gesehen, dass Disziplin und "Kurs halten" trotz der Krise eingehalten wurden. Neun von zehn Vanguard-US-Privatinvestoren hätten trotz der "teilweise für sie beängstigenden Marktlage" keinen Handel betrieben. "Diesen Trend haben wir auch in Europa beobachten können", so Külps.

Ebenfalls trotz Marktcrash erfolgreich: die US-Fondsgesellschaft Invesco - jedenfalls in ihrer Sparte mit passiven Fonds. Dort verbuchte das Unternehmen mit Hauptsitz in Atlanta, Georgia, europaweit im März Mittelzuflüsse von rund 1,1 Milliarden Euro auf 30 Milliarden Euro.

Der Hauptgrund: die Flucht der Anleger ins Gold. "Wir sehen insbesondere Zuflüsse in unserem Gold-ETC", teilt Sascha Specketer, Invescos Vertriebsleiter in Deutschland, mit. "Wir haben hier seit Jahresbeginn bis heute 2,4 Milliarden US-Dollar Nettozuflüsse."

Insgesamt allerdings - also inklusive der aktiv gemanagten Sparte - erlitt auch Invesco laut Morningstar im März einen Aderlass beim verwalteten Vermögen in Milliardenhöhe. In dem Monat also, der der europäischen Fondsbranche noch lange als rabenschwarze Zeit in Erinnerung bleiben dürfte.

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