Montag, 1. Juni 2020

Rekordmittelabflüsse im Corona-Crash So heftig trifft die Anlegerflucht Europas Fondsbranche

Ein Bild für die Geschichtsbücher: Die Börse erlitt im März Verluste historischen Ausmaßes - und mit ihr auch ein Großteil der Finanzbranche.

Der Crash, den die weltweite Ausbreitung des Coronavirus im März an den Finanzmärkten ausgelöst hat, traf die europäische Fondsindustrie in bisher nicht erlebtem Ausmaß. Von Aktienfonds über Rentenfonds bis hin zu gemischten Produkten, Fonds mit alternativen Investments oder Immobilienfonds - durch die Bank zogen Investoren Mittel in Rekordhöhe aus den Anlagevehikeln ab. Das geht aus Zahlen der Fondsratingagentur Morningstar hervor, die manager magazin vorliegen.

Nach Kalkulation von Morningstar entzogen Anleger dem europäischen Fondsmarkt - sowohl aktiv gemanagten Produkten als auch passiven - im März unter dem Strich insgesamt Gelder in Höhe von 246 Milliarden Euro. Der Wert übertrifft noch bei weitem jene 108 Milliarden Euro, die die Fonds im Oktober 2008 an Mitteln verloren, dem laut Morningstar "dunkelsten Moment" der Finanzkrise 2007 bis 2009.

Die Fondanbieter traf der Marktcrash damit doppelt: Um weitere enorme rund eine Billion Euro sank das Volumen der Fonds insgesamt durch die Kursverluste, die vor allem in den beiden Wochen vom 9. bis 20. März entstanden. Das heißt: War die europäische Investmentfonds- und Indexfonds-Industrie - ohne Geldmarktfonds - noch mit einem verwalteten Vermögen von rund 9,5 Billionen Euro in den März gestartet, so waren davon am Ende des Monats laut Morningstar noch etwa 8,2 Billionen Euro übrig. Der Ratingagentur zufolge gab es während der Kurserholung Ende März zwar wieder Zuflüsse in Aktienfonds. Diese konnten die vorherigen Abflüsse jedoch nicht annähernd ausgleichen.

Für den Morningstar-Experten Ali Masarwah handelt es sich daher um sehr schmerzhafte Einbußen für die Fondsanbieter - und für deren Manager. "Ein Großteil der Gebühren, die die Unternehmen kassieren, berechnet sich auf Grundlage des verwalteten Vermögens", sagt Masarwah. "Ein Rückgang des gesamten Fondsvolumens um mehr als 10 Prozent wirkt sich da schon sehr gravierend aus."

Größte Einbußen bei Rentenfonds

Allein die in Europa angebotenen Aktienfonds erlitten im März laut Morningstar Nettomittelabflüsse in Höhe von 56 Milliarden Euro - auch das einer von zahlreichen Rekordwerten. Der bisherige Höchstwert betrug der Agentur zufolge 46 Milliarden Euro, aufgestellt im Januar 2008.

Am heftigsten traf die Anlegerflucht jedoch die Anbieter von Rentenfonds. Aus diesen Produkten zogen Investoren binnen eines Monats 140 Milliarden Euro ab - deutlich mehr als das Doppelte des bisherigen Rekordwerts von 54 Milliarden aus dem Oktober 2008.

Hintergrund: Die Fonds, die in festverzinsliche Wertpapiere wie Staats- oder Unternehmensanleihen investieren, hatten sich angesichts des enorm niedrigen Zinsniveaus seit der Finanzkrise zunehmender Beliebtheit erfreut. Anleger steckten auf der Jagd nach höheren Zinsen viel Geld in solche Fonds, über die es beispielsweise in High-Yield-Bonds oder Schwellenländer-Anleihen floss. Die starken Mittelzuflüsse im Vorfeld des Corona-Crashs bedeuteten nun im Umkehrschluss: viel Potenzial für den Aderlass.

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