Montag, 16. September 2019

Baugeld billig wie nie Christine Lagarde erfreut Aktionäre - und Kreditkunden 

Christine Lagarde
Carlos Jasso/REUTERS
Christine Lagarde

Die Aussicht auf Christine Lagarde an der Spitze der Europäischen Zentralbank hat die Kurse am Aktienmarkt beflügelt. Dabei gehören zu den größten Profiteuren der Personalie wohl auch: viele tausend Häuslebauer und andere Kreditnehmer.

Christine Lagarde, die künftige Chefin der Europäischen Zentralbank, wurde von Investoren in dieser Woche freudig begrüßt: Die Aktienkurse zogen an, der deutsche Leitindex Dax Börsen-Chart zeigen beispielsweise sprang erstmals seit fast einem Jahr über die Marke von 12.600 Punkten. Was jedoch häufig aus dem Blick gerät: Zu denjenigen, die sich über die Nominierung Lagardes am meisten freuen können, zählen auch viele tausend Kreditnehmer in Deutschland.

Der Grund: Lagarde gilt als Befürworterin der lockeren Geldpolitik, die die EZB seit Jahren betreibt. Mit ihr an der Spitze der Zentralbank und angesichts derzeit unsicherer Konjunkturerwartungen besteht also Aussicht auf weiterhin niedrige Zinsen und viel Liquidität. Der noch amtierende EZB-Präsident Mario Draghi hatte vor Kurzem bereits eine weitere Lockerung der Geldpolitik signalisiert.

Das heißt: Sparer erhalten weiterhin niedrige bis überhaupt keine Zinsen bei Banken und Sparkassen. Die Aktienkurse dagegen dürften durch die EZB-Linie gestützt werden, was auch die Euphorie erklärt, die in dieser Woche an der Börse aufkam.

Zugleich können aber auch Kreditnehmer davon ausgehen, dass sich die seit geraumer Zeit anhaltende Phase extrem günstiger Darlehenskonditionen vorerst fortsetzt.

Beispiel Immobilienfinanzierung: Dort hatte es noch zu Beginn des Jahres so ausgesehen, als ginge es mit den Kreditzinsen allmählich wieder aufwärts. Doch daraus wurde nichts: Wie viele Notenbanken weltweit schwenkte auch die EZB aus Sorge um die Wirtschaft wieder auf einen lockeren Kurs um. Die Folge: Am Anleihemarkt kamen die Renditen unter Druck - und am Hypothekenmarkt die Zinsen.

"Die Renditen der Staatsanleihen sind weltweit auf dem Weg nach unten, die Konjunktur schwächt sich ab", erklärt Max Herbst von der Finanzberatung FMH die Entwicklung. Die Suche nach Sicherheit überwiege aktuell gegenüber dem Wunsch nach Rendite, so Herbst. Da Investoren beispielsweise verstärkt als grundsolide geltende Bundesanleihen nachfragten, gehe es mit deren Rendite weiter abwärts. Eine ähnliche Entwicklung vollzieht sich laut Herbst bei Pfandbriefen. Und: "Das kann auch an den Baugeldzinsen nicht spurlos vorüber gehen", sagt der Fachmann.

Bauzinsen auf historischem Tiefstand

Tatsächlich rutschte die Rendite der Bundesanleihen just in dieser Woche auf ein neues Rekordtief. Und auch die Bauzinsen befinden sich wieder auf Talfahrt. "Nachdem im Mai bereits ein neues Allzeittief erreicht wurde, haben die Konditionen in den vergangenen Wochen nochmals nachgegeben", sagt Mirjam Mohr aus dem Vorstand des Baufi-Vermittlers Interhyp. Die Zinsen für zehnjährige und fünfzehnjährige Kredite fielen je um rund 0,10 Prozentpunkte und für zwanzigjährige Darlehen um rund 0,15 Prozentpunkte, so Mohr. Die Folge: Laut FMH waren die Hypothekenzinsen in Deutschland noch nie so niedrig wie Ende Juni.

Dabei sind Immobilienkäufer und Hausbauer keineswegs die einzigen Kreditnehmer, die von der lockeren Hand der Notenbanker profitieren. Auch die Zinsen für Auto- und andere Konsumentenkredite befinden sich in Deutschland seit Jahren beinahe im freien Fall. Die Gründe sind ein harter Wettbewerb der Institute sowie konjunkturelle Hintergründe und die Geldpolitik der EZB, wie Christian Nau, Geschäftsführer beim Vergleichsportal Check24, gegenüber manager-magazin.de erläutert. "Die Zinsen stagnieren seit zwei bis drei Jahren auf niedrigstem Niveau", so Nau. "Daran wird sich auch angesichts der jüngsten EZB-Entscheidungen vorläufig nicht viel ändern."

Für den Baugeldmarkt geben die Experten einen etwas differenzierteren Ausblick ab. "Die von EZB und Fed angekündigte expansivere Geldpolitik im zweiten Halbjahr 2019 ist bereits in der aktuellen Zinssituation eingepreist", so etwa Michael Neumann, Vorstandschef beim Baufinanzierer Dr. Klein. "Wenn sich die Konjunktur stabilisiert und die Aussichten für 2020 etwas optimistischer werden, sehe ich eher Aufwärtspotential auf dem Niveau des aktuellen Allzeittiefstandes."

Nur wenn die Weltwirtschaft in Richtung Rezession abdriften sollte, erwartet Neumann eine deutlichere Reaktion der Notenbanken mit weiterem Abwärtspotential bei den Zinsen. "Das halte ich allerdings aktuell für unwahrscheinlich", so der Dr.-Klein-Chef.

Interhyp-Managerin Mohr dagegen glaubt, dass sich das günstige Zinsniveau in den kommenden Monaten fortsetzen wird. Das gehe aus dem "Bauzins-Trendbarometer" ihres Unternehmens hervor, demzufolge die Experten von zehn deutschen Kreditinstituten in der Mehrheit künftig von gleichbleibend günstigen Zinsen ausgehen.

FMH-Chef Herbst glaubt sogar, dass vorerst kein Ende der Zinssenkungen absehbar ist. Auf noch niedrigere Zinsen zu warten, hält Herbst dennoch nicht für sinnvoll. Insbesondere in Anbetracht der angespannten Lage am Immobilienmarkt mit zum Teil enorm hohen Preisen und geringem Angebot sollten Käufer vielmehr direkt zuschlagen, sobald sie ihr Traumobjekt gefunden haben, meint er.

Christoph Rottwilm auf Twitter

Alles in allem bleiben die Aussichten für alle, die sich zurzeit ein Haus oder eine Wohnung kaufen wollen, also positiv. Sie dürfen sich wohl auch in den kommenden Monaten über historisch günstige Kreditkonditionen freuen. Ein drastischer Anstieg jedenfalls ist kaum zu erwarten - auch Dank der designierten EZB-Chefin Christine Lagarde.

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