Donnerstag, 22. August 2019

Britisches Pfund auf Talfahrt  So macht Boris Johnson UK großartig - für Touristen

Der neue britische Premier Boris Johnson will sein Land aus der EU führen - und schickt das Pfund auf Talfahrt
Andrew Parsons/PA Wire/dpa
Der neue britische Premier Boris Johnson will sein Land aus der EU führen - und schickt das Pfund auf Talfahrt

Boris Johnson, das sagte der neue britische Premierminister gleich in seiner ersten Rede vor dem Parlament in London, will Großbritannien zum "großartigsten Land auf der Erde machen". Wenige Tage später ist klar: Zumindest zum Teil ist Johnson das in gewisser Weise bereits gelungen. Großbritannien gewinnt derzeit Tag für Tag an Attraktivität - jedenfalls aus Sicht von Touristen aus dem Ausland, die auf die Insel reisen und Geld sparen wollen.

Der Grund dafür ist die Talfahrt des britischen Pfundes, die mit dem Brexit-Votum im Sommer 2016 begann, und die nach zwischenzeitigen Erholungsphasen in diesen Tagen noch einmal kräftig Tempo aufgenommen hat. Investoren haben offenbar wenig Vertrauen in den neuen Mann in Downing Street No. 10.

Allein seit Beginn dieser Woche verlor das Pfund bereits etwa 2 Prozent an Wert. Im Handel mit dem Dollar rutschte der Kurs am Morgen auf 1,2119 Dollar und damit auf den tiefsten Stand seit März 2017. Gegenüber dem Euro notiert ein Pfund derzeit bei 1,0918 Euro Börsen-Chart zeigen. Das ist ebenfalls so niedrig wie zuletzt vor rund zwei Jahren.

Die Folge: Wer aus dem Ausland nach Großbritannien reist, kann dort derzeit vergleichsweise günstig bezahlen und einkaufen. Briten im Ausland erleben selbstverständlich den gegenteiligen Effekt.

Als Ursache für die Talfahrt gilt die Erwartung, dass mit der neuen politischen Führung um Premierminister Boris Johnson ein Brexit ohne Austrittsabkommen mit der EU wahrscheinlicher geworden ist. Ein "No-Deal-Brexit" gilt als Konjunkturrisiko für die britische Wirtschaft - und jüngste Meldungen nähren die Erwartung, dass es dazu kommen könnte. Demnach soll Johnson der EU Bedingungen für erneute Verhandlungen über den Brexit-Vertrag gestellt haben. Brüssel lehnt Nachverhandlungen des Deals, den Johnsons Vorgängerin Theresa May ausgehandelt hatte, jedoch vehement ab.

Hintergrund: Nach Johnsons Amtsantritt hatten sowohl Bundeskanzlerin Angela Merkel als auch der französische Präsident Emmanuel Macron den neuen britischen Premier zu Gesprächen eingeladen. Eine Johnson-Sprecherin sagte dem britischen "Guardian" zufolge nun jedoch, der Regierungschef wolle zwar einen Deal mit der EU vereinbaren. Er sehe jedoch keinen Sinn in persönlichen Treffen, solange die EU das bestehende Abkommen nicht neu aufschnüren wolle.

Johnson geht es vor allem um den umstrittenen Backstop. Die im Austrittsabkommen enthaltene Notfalllösung soll vermeiden, dass zwischen Irland und Nordirland nach dem EU-Austritt der Briten eine harte Grenze entsteht. Im Königreich fürchten jedoch viele Hardliner, dadurch im Zweifel auf ewig an Brüssel gebunden zu bleiben.

"Wir wollen klarstellen, dass der Backstop nicht gut ist, er ist tot, er muss gestrichen werden", sagte Johnson laut "Guardian" bei einem Besuch an einem Marinestützpunkt in Schottland. "Aber es gibt Spielraum für einen neuen Deal." Aus Sicht der EU ist die Streichung des umstrittenen Backstops jedoch indiskutabel.

Folge: Derzeit scheint alles auf einen "No-Deal-Brexit" am 31. Oktober 2019 hinauszulaufen, was auch die jüngsten Kursverluste des britischen Pfundes erklärt. Zusätzlichen Druck erhält die britische Währung zudem durch die Geldpolitik der Notenbank. Die Bank of England werde bei einem Treffen diese Woche vermutlich signalisieren, dass sie die Zinsen in den kommenden Monaten kaum heraufsetzen wird, berichtet Bloomberg.

Eher im Gegenteil: Am Finanzmarkt besteht dem Bericht zufolge gegenwärtig eine 60-prozentige Erwartung, dass die britische Zentralbank bis Ende des Jahres - im Einklang mit anderen Notenbanken - eine Zinssenkung vornehmen wird. Ein Grund dafür: Die Aussicht auf einen ungeregelten Austritt des Landes aus der EU und die zu erwartenden negativen Folgen für die Wirtschaft.

Der Druck auf die Währung bleibt also offenbar vorerst bestehen. Mit Boris Johnson im Amt des Premiers gehe die Brexit-Saga wieder von vorne los, zitiert Bloomberg aus einer Markteinschätzung von JP Morgan Chase. Der Schwenk der Bank of England sei ebenfalls nicht dazu angetan, die Währung zu unterstützen.

Auch Wolfgang Kiener, Devisenexperte von der BayernLB, schätzt die Pfund-Abwertung trotz der aktuellen Talfahrt "gemessen an der Schwere des Brexit-Risikos" als "noch eher begrenzt ein". Seiner Einschätzung nach könnte die britische Währung den seit Monaten bestehenden Abwärtstrend durchaus fortsetzen.

Mit Nachrichtenagenturen

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