Börsenjahr 2016: Die Gewinner und Verlierer im Dax
Börsenbeben vor dem Briten-Referendum Blackrock, der Brexit und das Zittern der Bankaktionäre
Börsenjahr 2016: Die Gewinner und Verlierer im Dax
Nur noch zwei Wochen bis zum Tag B. Das ist der 23. Juni, an dem die Briten über einen möglichen "Brexit" abstimmen, einen Austritt aus der Europäischen Union also. Der Ausgang dieses historischen Votums ist nicht abzusehen, Umfragen zeigen keine klare Tendenz. Umso größer wird die Nervosität an den Finanzmärkten - der Dax brach in den vergangenen vier Tagen um knapp 5 Prozent ein, und Finanzwerte verloren besonders stark. Denn Banken und andere Finanzhäuser würden zu den größten Verlierern eines solchen Brexit zählen.
Der Grund liegt auf der Hand: London ist neben New York der größte Finanzplatz der Welt. Viele internationale Banken steuern ihr Europageschäft von dort, unter anderem, weil ihnen die EU-Mitgliedschaft Großbritanniens weitreichende Freiheiten dafür einräumt. So ist London nicht nur zum weltweiten Marktführer im Derivate- und Devisenhandel aufgestiegen. Die Metropole belegt auch als Standort von Hedgefonds und Private-Equity-Firmen europaweit den Spitzenplatz.
Im Umkehrschluss stützt kaum eine andere Industrienation ihre Wirtschaftskraft so sehr auf den Finanzsektor, wie die britische. Rund 80 Prozent des dortigen Bruttoinlandsprodukts werden mit Dienstleistungen erwirtschaftet, und den größten Anteil daran haben Banken, Versicherungen und andere Investmenthäuser. Insgesamt hat der Finanzsektor einen Anteil an der Gesamtwertschöpfung der Briten von 8 Prozent, womit er auch überproportional zum Steueraufkommen beiträgt.
Verlieren die Banken ihren "EU-Pass"?
All dies, so die Sorge an den Märkten, geriete im Falle eines Brexit ins Wanken. Denn die EU-Mitgliedschaft gilt als Voraussetzung für Londons starke Finanzbranche. Vor allem für US-Banken würde sich bei einem Austritt der Briten aus der EU die Standortfrage stellen, schrieb beispielsweise jüngst Bundesbank-Vorstand Andreas Dombret in einem Zeitungsbeitrag.
Noch beschäftigen die fünf größten US-Banken in London 40.000 Menschen, mehr als im Rest Europas zusammengenommen. Das dürfte sich im Falle eines Brexit ändern. Laut Dombret verlören die Institute dann vermutlich den Zugang von London zum EU-Binnenmarkt ("EU-Pass"). Möglich auch, dass London seine starke Position im Handel mit europäischen Anleihen, Währungen und Derivaten einbüßen würde. Bis zu 20.000 Arbeitsplätze, schätzt die Frankfurt School of Finance, könnten nach einem Brexit von London nach Frankfurt wandern.
Kein Wunder also, dass die Börse beim Gedanken an einen Brexit vor allem um die Bank- und andere Finanzaktien zittert. Mahnende Worte sind am Markt immer häufiger zu hören. Zuletzt wurde bekannt, dass Starinvestor George Soros plötzlich wieder aktiv in die Geschäfte seiner Finanzfirma Soros Fund Management eingreift. Soros verkaufe Aktien und baue zur Absicherung Positionen in Gold auf, hieß es im Wall Street Journal. Als Grund wird neben Sorgen um die chinesische Wirtschaft die Gefahr eines Brexit genannt.
Deutsche Bank, Goldman Sachs und JP Morgan planen schon für die Zeit danach
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Zudem meldete sich in diesen Tagen mit Blackrock der weltweit größte private Vermögensverwalter zu Wort. Nach Einschätzung des Investmentriesen werden die Risiken eines britischen Ausstiegs aus der EU an der Börse nicht ausreichend berücksichtigt. "Da könnte es etwas zu viel Selbstgefälligkeit geben", sagte Blackrock-Manager Owen Murfin.
Im Blick hat Murfin dabei wohl vor allem die Aktienmärkte an der Wall Street. Denn als gäbe es in der Welt keine Unsicherheiten wie den möglichen Brexit oder die fragile Wirtschaftslage in China, bewegen sich US-Indizes wie Dow Jones oder S&P 500 noch immer nahe ihren Rekordhochs. Das ist eine stattliche Fallhöhe.
Der deutsche Leitindex Dax dagegen ist von seinem Rekord jenseits der 12.000-Punkte-Marke wieder unter die 10.000 Punkte gerutscht. Allein 2016 liegt der Dax rund 8 Prozent im Minus.
Einen Anteil an der Dax-Talfahrt haben Finanzwerte wie die Deutsche Bank , deren Aktienkurs sich in den vergangenen zwei Jahren glatt halbiert hat. Allein seit Beginn 2016 ging es mit Deutschlands größtem Bankhaus an der Börse um mehr als 35 Prozent abwärts.
Gründe für den Absturz der Deutsche-Bank-Aktie gibt es viele: Bankchef John Cryan hat dem Geldhaus einen grundlegenden Umbau verordnet, die Dividende wurde gestrichen, zahlreiche Rechtsstreitigkeiten belasten die Banken. Ein Brexit und ein darauf folgendes Beben im Bankensektor ist das Letzte, was die Geldhaus derzeit gebrauchen kann.
Was wird aus Goldmans neuer Europa-Zentrale?
"Wir schalten in den Defensiv-Modus", sagte Cryan Ende Mai auf einer Investorenkonferenz in New York. Nach einem Brexit würde er Geschäfte von London nach Kontinentaleuropa verlegen. "Unsere Kunden wollen Staatsanleihen von Euro-Zonen-Staaten dann vermutlich nicht mehr in London handeln", so der Deutsche-Bank-Chef, dessen Institut in Großbritannien über 8000 Mitarbeiter beschäftigt.
Ähnliches ist aus den Vorstandsetagen anderer Großbanken zu hören. Über die Bemühungen von Goldman Sachs, einen Brexit mit aller Kraft zu verhindern, hatte manager magazin.de bereits berichtet. Die US-Bank, die an der Themse etwa 6000 Leute beschäftigt und dort rund 27 Prozent ihres Umsatzes erzielt, hat schon viel Geld für Lobbyarbeit ausgegeben.
Goldman Sachs würde Beobachtern zufolge durch einen Brexit besonders hart getroffen. Die Bank baut in London gerade für 440 Millionen Euro eine neue Europa-Zentrale. Die Eröffnung ist für 2019 geplant - ob das Institut dann allerdings noch alle neuen Räumlichkeiten in London benötigt, ist offen.
JP Morgan-Chef: Brexit bedeutet Jobabbau in Großbritannien
Beim Wettbewerber JP Morgan Chase trat kürzlich der Chef persönlich vor die Mitarbeiter in Großbritannien, um ihnen die Aussichten zu erläutern. Ein Ja der Bevölkerung für einen Brexit würde zu einem Umbau des Geschäftsmodells führen, sagte Jamie Dimon vor Angestellten von JP Morgan im südenglischen Bournemouth. Schließlich erwarteten die Kunden, weiter innerhalb der EU handeln zu können.
"Ein Brexit könnte weniger JP Morgan-Stellen für Großbritannien und mehr Jobs für Europa bedeuten", so Dimon. JP Morgan beschäftigt 16.000 Menschen in Großbritannien, davon 4000 in der Küstenstadt Bournemouth.
Düstere Aussichten also für Banker, die jeden Morgen ins Finanzzentrum Londons oder andernorts auf der Insel zur Arbeit fahren. Und düstere Aussichten für Inhaber von Bankaktien. Denn die Kurse der Papiere dürften zusätzlich unter Druck geraten, sollte das Votum der Briten am 23. Juni tatsächlich gegen die EU-Mitgliedschaft ihres Landes ausfallen.
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