Bremain-Szenario Stell Dir vor, die Briten bleiben - was kommt dann?

Von Arne Gottschalck
Weiter vereint: Die Börse geht fest von einem Verbleib Großbritanniens in der EU aus. Doch selbst wenn die Briten bleiben, sind Europas Börsianer noch nicht sorgenfrei. Das weitere Aufwärtspotenzial ist begrenzt

Weiter vereint: Die Börse geht fest von einem Verbleib Großbritanniens in der EU aus. Doch selbst wenn die Briten bleiben, sind Europas Börsianer noch nicht sorgenfrei. Das weitere Aufwärtspotenzial ist begrenzt

Foto: Getty Images

Angenommen, die schon heute feiernden Börsianer und die britischen Buchmacher behalten Recht: Die Briten bleiben in der EU, schließen sich der Argumentation von David Cameron an und geben dem Brexit-Befürworter Boris Johnson einen Korb. Im Fall eines solchen "Bremain" (Britain remains) Szenarios dürfte eine Woge der Erleichterung durch Europa branden. Nicht nur in Brüssel und Straßburg werden die EU-Spitzen durchatmen, sondern auch an den Börsenplätzen weltweit - denn der Brexit war, der Kurssturz der vergangenen Woche zeigt es, ein Angstszenario für die Börse.

Doch wie lange wird die Rally im Dax weitergehen, wenn sich das Wunschergebnis, mit dem bereits jetzt fast alle rechnen, in der Nacht zu Freitag nach Schließung der Wahllokale bestätigt?

"Solange die Brexit-Befürworter im Vorteil waren, gingen die Aktienmärkte gen Süden, das britische Pfund zum Dollar fiel, der Goldpreis stieg. Jetzt kehren sich diese Entwicklungen um", beobachtet Carsten Mumm von der Privatbank Donner & Reuschel. Und wie so oft, überzeichnete die Börse. "Die Ukrainekrise 2014, Griechenlandkrise 2015, Chinakrise Anfang 2016, stets gab es über mehrere Wochen ein mediales Dauerfeuer, in dem vor den dramatischen Folgen des jeweiligen Ereignisses gewarnt wurde", sagt Benjamin Bente von Vates Invest.

Die meisten Profiinvestoren zogen sich in den Wochen zuvor zurück, um jetzt, bei steigender Wahrscheinlichkeit eines EU-Verbleibs, oder unmittelbar nach dem Ergebnis des Referendums wieder einzusteigen. Hohe Schwankungen an den Börsen sind die Folge - der Dax war in der vergangenen Woche zeitweise um 6 Prozent eingebrochen und hat nun binnen fünf Handelstagen wieder mehr als 8 Prozent zugelegt.

Eine Erleichterungsrally am Freitag ist wahrscheinlich - und dann?

Ein Yes zu Europa würde für ein "Gefühl von Stabilität" sorgen, so schreibt es Valentijn van Nieuwenhuijzen von NN Investment Partners. Für den Freitag und die folgenden Tage bedeutet das vor allem eines - steigende Kurse aus schierer Erleichterung. Das gilt für den britischen Index FTSE 100 , aber auch für Deutschlands Dax  oder den französischen CAC 40 . Einfach, weil alles bleibt wie es ist.

Genau das aber macht mittelfristig Sorgen. Denn andere Probleme der Weltwirtschaft sind beileibe nicht gelöst.

Trump, Türkei, China: Die Unsicherheit bleibt

In Amerika zum Beispiel droht das Szenario, dass im November Donald Trump zum US-Präsidenten gewählt wird - dies dürfte für eine Verschlechterung der Beziehungen zwischen den USA und Europa führen. China wiederum lässt weiter an der Durchzugskraft seiner Wirtschaft zweifeln.

Europa seinerseits ist noch immer eine Ansammlung von Volkswirtschaften mit ganz unterschiedlichen Leistungsdaten. Und am Ostrand der EU zündelt der türkische Präsident Recep Erdogan weiter. Sollte die Türkei den Flüchtlings-Deal mit der EU aufkündigen, dann droht die Flüchtlingskrise erneut für starke politische Spannungen in Europa zu sorgen. Zuletzt brachte auch er ein Referendum ins Spiel, seine Landsleute sollten über ihren Weg in die EU entscheiden.

Was bliebe also nach einen Europa-"Yes" der Briten? Europa wäre nicht sorgenfrei - doch auch nicht zum Untergang verurteilt. Die Erkenntnis, wie sie Larry Hatheway von GAM formuliert: "Die Aussichten sind weder so rosig, wie sie die Optimisten sehen, noch so trübe, wie von den Pessimisten regelmäßig verkündet wird."

Auch künftig wird es also zu Übertreibungen an der Börse kommen. Nach oben wie nach unten. Und viele Auslöser könnten aus der Politik kommen. "Wir müssen uns", sagt etwa Volker Sack von der NordLB, "darauf einstellen, dass sich die Börsen in einer länger andauernden Phase mit geopolitischen Unsicherheiten befinden."

Und was sollten Anleger tun, wenn die Börsen am Freitag wegen des britischen Verbleibs weiter zulegen? Wer dann noch kurzfristig auf den längst fahrenden Zug aufspringt, muss wachsam sein: Die Wahrscheinlichkeit, dass diejenigen, die schon vorher auf das Bremain-Szenario gewettet haben, dann Gewinne mitnehmen, ist hoch. "Buy the rumour, sell the fact", lautet ein Spruch an der Börse. Und für diese Investoren wäre der Höhepunkt der "Bremain"-Feier der perfekte Verkaufszeitpunkt.