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Schwellenländer in Not: Die Kernthesen von Mark Mobius

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Marktkenner Mark Mobius über die Schwellenland-Krise

Abstürzende Bond-Märkte, abwertende Währungen, abflauendes Wachstum: Viele Schwellenländer Asiens stecken in der Krise. Emerging-Markets-Guru Mark Mobius erklärt, weshalb er dennoch optimistisch bleibt, und welche Rolle der vermutlich nächste Fed-Chef dabei spielt.

mm: Herr Mobius, viele Schwellenländer haben seit einiger Zeit eine Menge Probleme. Wir sehen Verluste an Anleihe- und Aktienmärkten, erhebliche Abwertungen bei den Währungen und dazu noch Wachstumsraten, die mitunter klar hinter dem zurückbleiben, was einmal erwartet worden war. Können Sie da noch optimistisch sein?

Mobius: Drei Dinge sind dabei wichtig. Erstens: Das Wirtschaftswachstum in den Schwellenländern ist immer noch sehr gut. Im Durchschnitt beträgt es jetzt etwa 5 Prozent pro Jahr. China erreicht dieses Jahr wohl sogar rund 7 Prozent. Das Wachstum ist also nach wie vor da, auch wenn selbstverständlich nicht alle Unternehmen gleichermaßen davon profitieren. Der zweite Punkt ist, dass die Verschuldung in diesen Ländern heute deutlich niedriger ist als in der Vergangenheit. Und Drittens: Die Währungsreserven der Emerging Markets sind stark angewachsen. Der Unterschied gegenüber den Industrienationen ist in den vergangenen Jahren sogar noch größer geworden. Daran sehen Sie, dass es diesen Ländern weiterhin sehr gut geht.

mm: Die Akteure an den Kapitalmärkten scheinen das anders zu sehen.

Mobius: Sie müssen das im Kontext betrachten. Die Anleihenmärkte der Schwellenländer waren in den vergangenen Jahren sehr populär, weil dort ansehnliche Renditen lockten. Es gab ein Plus gegenüber Industrieländeranleihen von 5 bis 6 Prozent. So floss viel Geld in diese Märkte, wodurch auch die Währungen stärker wurden.

mm: Das hat sich nun aber umgekehrt.

Mobius: Es ist die Sorge aufgekommen, die US-Notenbank Fed könnte ihre großzügige Geldpolitik einschränken, die Zinsen in den USA könnten also steigen - und das löste eine regelrechte Panik aus. Viele Investoren flüchten mit ihrem Geld aus der Türkei, aus China oder anderen dieser Staaten. So kam es zu den Verwerfungen der vergangenen Wochen.

mm: Haben Sie Übertreibungen auf den Bond-Märkten der Schwellenländer gesehen?

Mobius: Ja, ich glaube es gab zu viel schnelles Geld. Wenn die Anleger die Papiere bis zum Verfallstag hätten halten wollen, wäre alles kein Problem gewesen. Es gab aber eine Menge Hedgefonds, die in diese Märkte gegangen sind, um raschen Profit zu machen. Diese Fonds bewegen den Markt, und das macht vielen Anlegern Angst. So entstand die Panik, die wir zurzeit sehen, und die sich auch auf den Aktienmärkten fortsetzt. Die größten Probleme und Verluste gibt es aber am Bond-Markt.

mm: Steht möglicherweise an den Aktienmärkten das Schlimmste noch bevor?

Mobius: Mit Abstand betrachtet haben wir an den Börsen der Schwellenländer noch keine großen Verluste gesehen. Der Index MSCI Emerging Markets beispielsweise ist bislang kaum in nennenswertem Umfang gesunken. Es gab natürlich einen enormen Anstieg nach der Krise 2008, der 2010 seinen Höhepunkt fand. Seither geht es mit den Kursen im Großen und Ganzen eher seitwärts.

mm: Die Probleme am Bond-Markt haben allerdings offenbar bereits die Wechselkurse erreicht. Dürften das nicht früher oder später auch die Unternehmen und damit die Börse belasten?

Mobius: Ja, aber es hängt von den einzelnen Aktien ab. Nehmen Sie zum Beispiel die Indische Rupie, die zurzeit eine extreme Schwächephase durchläuft. Gegenüber dem Dollar etwa ist die Rupie zuletzt unglaublich gefallen. Manchen indischen Firmen jedoch nützt dieser Währungssturz sogar. Ein Beispiel sind Beratungsfirmen, deren Kosten in Rupien abgerechnet werden, die ihre Einnahmen aber in Dollar verbuchen. Wir sehen in diesen Bewegungen daher mehr die Chancen als die Probleme. Außerdem gibt es noch einen anderen Grund, aus dem die Märkte demnächst noch ziemlich überrascht werden könnten.

mm: Nämlich?

"Es gab einen großen Korruptionsskandal"

Mobius: Der neue Chef der Fed wurde bislang zwar nicht benannt. Sollte jedoch der ehemalige US-Finanzminister Larry Summers Ben Bernanke an der Spitze der Notenbank ersetzen, dann kann es gut sein, dass erneut eine Liquiditätsflut über die US-Märkte kommt. Denn im Gegensatz zu Bernanke zieht Summers die direkte Versorgung der Märkte mit Geld der indirekten vor. Das könnte das Gesamtbild noch einmal erheblich drehen.

mm: Ist denn die Geldpolitik der Fed wirklich der einzige Grund für die großen Kapitalflüsse zurzeit? Spielen nicht beispielsweise die schwächeren Wachstumsraten etwa in Indien oder in China ebenfalls eine Rolle?

Mobius: Zweifellos. Aber erinnern Sie sich, woher diese Länder kommen. China befindet sich mit einem hohen einstelligen Wachstum für eine so große Wirtschaft nach wie vor auf sehr hohem Niveau. Und ja, in Indien verlangsamt sich der Aufschwung ebenfalls. Aber die 4 Prozent plus, die dort in diesem Jahr wahrscheinlich entstehen, sind immer noch viel mehr als in vielen entwickelten Ländern. Deshalb noch einmal: Ja, diese Länder haben Probleme. Aber es gibt keinen Grund zu der Panik, die wir zurzeit sehen.

mm: Was sollte Indien, das ja auch ein gewaltiges Leistungsbilanzdefizit mit sich schleppt, Ihrer Meinung nach tun, um den Verfall der Währung zu stoppen?

Mobius: Die Maßnahmen, die bislang ergriffen wurden, waren nicht sehr hilfreich. Die Regierung muss sich auf Reformen im gesamten öffentlichen Sektor konzentrieren. Das System ist zurzeit nicht dazu geeignet Investoren anzulocken. Selbst indische Unternehmen suchen lieber im Ausland nach Anlagezielen. Das sagt eine Menge aus, da muss sich etwas ändern.

mm: Was zum Beispiel?

Mobius: Es gab einen großen Korruptionsskandal. Die Folge ist, dass in Indien nun niemand mehr irgendetwas anfasst, nur weil er Korruptions- und Betrugsvorwürfe befürchten muss. Die Bürokratie in Indien ist meiner Meinung nach das Hauptproblem.

mm: In China gab zuletzt zum Beispiel der Bankensektor Anlass zur Sorge. Wie beurteilen Sie die Lage dort?

Mobius: Die chinesischen Banken haben ohne Frage einiges am offiziellen System vorbei gemacht, beispielsweise über die sogenannten Trusts, um ihr Wachstum zu generieren. Wir schätzen, dass etwa 20 Prozent aller ausstehenden Kredite in China auf diesen Bereich entfallen.

mm: Beunruhigt Sie das?

"Rumänien wird spannend"

Mobius: Fakt ist: Wenn etwas schief läuft, dann müssen die Banken dafür auch geradestehen, darauf ist Verlass. Die Regierung ist sich dieses Schattenbankensystems überaus bewusst und unternimmt bereits etwas dagegen. Das geht in die richtige Richtung. Die Situation ist eine andere als in den USA, kurz bevor die Subprime-Krise ausbrach. Schließlich befinden sich die meisten Banken ohnehin in Staatsbesitz. Pleiten sind daher praktisch nicht zu befürchten.

mm: Auch andere Staaten in Fernost haben Probleme, zum Beispiel Thailand, Indonesien oder die Philippinen. Wie sehr ist China schuld daran?

Mobius: China ist der wichtigste Exportpartner dieser Länder. Gerät also China in Schwierigkeiten, dann trifft sie das. Mein Eindruck ist aber, dass die chinesischen Importe und Exporte bislang kaum zurückgegangen sind. Es gibt zwar eine Abschwächung, weil das Wachstum insgesamt sich verlangsamt. Aber das ist kein Desaster. Diese Länder machen nach wie vor viele Geschäfte mit China.

mm: Wenn Sie Ihren Blick nicht nur auf Asien, sondern auf alle Schwellenländer weltweit richten. Wo sehen Sie zurzeit die besten Investmentchancen?

Mobius: Wir finden die "Frontier"-Märkte sehr interessant. In Afrika haben diese Länder sehr hohe Wachstumsraten, trotz aller Probleme, die es dort nach wie vor gibt. Ebenso wird Osteuropa immer interessanter. In ganz Europa wird es eine Erholung geben, das wird sich auch im Osten auswirken. Ein schneller Prozess ist da nicht zu erwarten, das muss man sehr genau beobachten. In Rumänien beispielsweise gibt es eine Menge Reformen, wodurch das Land sehr spannend wird.

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