Behavioral Finance "Aktienkurse gehorchen dem Zufall"

Wer versucht, schlauer zu sein als der Markt, hat schon verloren. So lautet ein Lehrsatz des "Behavioral Finance". Nur wer sein eigenes irrationales Verhalten kennt, hat eine Chance. Ein Exkurs durch die Welt menschlicher Schwächen - und welche Lehren Investoren daraus ziehen sollten.
Rauf und runter: "Man meint, dass man mehr weiß als alle anderen - obwohl alle aktuellen Informationen, die im Anlageuniversum herumschwirren, bereits im aktuellen Kurs enthalten sind", sagt Martin Weber

Rauf und runter: "Man meint, dass man mehr weiß als alle anderen - obwohl alle aktuellen Informationen, die im Anlageuniversum herumschwirren, bereits im aktuellen Kurs enthalten sind", sagt Martin Weber

Foto: DPA

Klar, mit Coca-Cola  hätte man Millionär werden können. Wenn man die Aktien vor 50 Jahren gekauft hätte. Oder Apple  vor zehn Jahren. Wer so denkt, ist bereits in die Falle getappt: "Vor 50, zehn oder acht Jahren hätte man auch zahllose Aktien von Unternehmen kaufen können, die heute pleite sind", sagt Martin Weber. "Doch von denen redet heute keiner mehr. Wir sehen aus der Rückschau nur die wenigen Gewinner."

Der Ökonomieprofessor, der an der Universität Mannheim unter anderem "Behavioral Finance" lehrt, beschäftigt sich seit Langem mit dem menschlichen (Fehl)-Verhalten an der Börse. Er untersucht die immer wiederkehrenden Fehler, die gestresste, genervte, verängstigte oder von Gier getriebene Investoren machen.

Börsen sind nicht rational, und Anleger handeln nicht rational, lautet ein Lehrsatz der Forschungsdisziplin. Weber spitzt es zu: "Aktienkurse gehorchen dem Zufall."

Dies bedeutet nicht, dass Investoren blind in den großen Lostopf greifen und wie in einer Lotterie auf den Hauptgewinn hoffen sollten. "Das Schöne an dem Börsenlotteriespiel ist, dass wir langfristig einen positiven Trend erwarten können", sagt Weber.

Nur wer von Wirtschaftsunternehmen langfristig eine positive Rendite erwartet, sollte sich durch den Kauf von Aktien an ihnen beteiligen. Und gleichzeitig versuchen, die Renditekiller auszuschalten, die durch die menschlichen, allzu menschlichen Schwächen entstehen.

Zu den größten dieser Schwächen zählt die Selbstüberschätzung. Besonders Männer neigen dazu, sagt Weber. "Man meint, dass man mehr weiß als alle anderen - obwohl alle aktuellen Informationen, die im Anlageuniversum herumschwirren, bereits im aktuellen Kurs enthalten sind". Beim Aktienkurs von morgen ergeben neue Informationen einen neuen Mix.

"Nur Frau Schlotterbeck aus dem 'Räuber Hotzenplotz' hat eine Kristallkugel, mit der sie in die Zukunft sehen kann", sagt Weber. Alle anderen - außer Frau Schlotterbeck - brauchen zum Börsenerfolg Glück, ein klares Konzept - und ein paar simple Verhaltensregeln.

Versuche nie, den Markt zu schlagen

Versuche nie, den Markt zu schlagen

Die Börse lebt von Erfolgsgeschichten. Geschichten von denen, die jeweils zum idealen Zeitpunkt ein- und ausgestiegen sind und damit in überschaubarer Zeit ein unüberschaubares Vermögen verdient haben. Oder von denen, die genau die richtigen Aktien ausgewählt haben und damit auch in Krisenzeiten zu den Gewinnern zählen.

Geschichten vom erfolgreichen "Market Timing" und "Stock-Picking" klingen eindrucksvoll - doch sie taugen nicht als Strategie für den privaten Investor, sagt Weber.

"Wer ständig versucht, schlauer zu sein als der Markt, verliert rund 3 Prozent Rendite gegenüber dem Index, den er eigentlich übertreffen will", fügt er an und verweist auf entsprechende Langfriststudien. Das hektische Hin und Her verursache hohe Kosten, die bereits einen Großteil der erwarteten Rendite auffressen.

"Wenn man den Markt nicht schlagen kann, kann man genauso gut mitschwimmen", rät Weber. Durch Investments in Indexfonds zum Beispiel, die einen möglichst breiten Marktanteil abdecken und als "passive Investments" günstiger sind als aktiv gemanagte Fonds. Als "Mitschwimmer" spare man nicht nur Geld: Man sei auch besser gewappnet vor Gefühlsausbrüchen, die an der Börse meist teuer werden.

Mache dich frei von Furcht und Gier

Mache dich frei von Furcht und Gier

Es gibt immer Gründe, Aktien zu kaufen oder zu verkaufen. Gier nach mehr Geld, wenn es gut läuft. Angst, noch mehr Geld zu verlieren, wenn es schlecht läuft. Angst, Ausstiegszeitpunkte oder Chancen zu verpassen, wenn der Dax  wie derzeit extrem schwankt.

Auch das Bedürfnis, recht behalten zu wollen, verstellt oft den Blick auf die Realität. Gier frisst Hirn. Angst frisst Hirn. Und der Wunsch, es allen anderen zu zeigen, auch.

Wer sich beim Investieren - bewusst oder unbewusst - von diesen Gefühlen leiten lässt, macht sich zudem eine Menge Arbeit. Er ist gezwungen, seine Anlageentscheidungen täglich neu auf die Probe zu stellen, täglich neu abzuwägen gegen das Anlageuniversum da draußen. "Es heißt, investieren sei harte Arbeit", sagt Weber. "Aber das stimmt nicht. Investieren ist eben keine Arbeit - wenn man gelassen bleibt und sich damit zufriedengibt, mit dem Markt mitzuschwimmen."

Statt Dartpfeile auf einzelne Aktien zu werfen, sollten Anleger lieber ein Badetuch über die Börsenseiten legen und alle Aktien kaufen, die darunterliegen, lautet ein Rat des US-Ökonomen Burton Malkiel. Warum sollte man den (meist vergeblichen) Versuch unternehmen, ein Sandkorn herauszusuchen, wenn man den Strand kaufen kann? Wer nicht versucht, herauszugreifen, kann sich auch nicht vergreifen.

Teile dein Geld auf

Teile dein Geld auf

Kein Investment ist ohne Risiko. Wer eine Rendite erzielen will, die über dem Zinssatz für Tagesgeld liegt, muss auch bereit sein, die entsprechenden Risiken zu tragen.

"Am Finanzmarkt hat alles seinen Preis - höhere Renditechancen bedeuten höhere Risiken, und mehr Sicherheit bezahlt man mit einer niedrigeren Verzinsung", erklärt Weber. Mit einer Ausnahme: "Wer sein Geld auf verschiedene Anlageklassen aufteilt, erhält mehr Sicherheit ohne zusätzliche Kosten."

Aktien, Rentenpapiere und Rohstoffe gehören nach Ansicht des Ökonomen in ein solches diversifiziertes Portfolio. In dem Fonds "ARERO", in dem Weber seine Anlagegrundsätze umsetzt, sind Aktien über weltweite Indizes zu 60 Prozent, Anleihen zu 25 Prozent und Rohstoffe zu 15 Prozent vertreten. Die Gewichtung wird einmal jährlich angepasst.

Dass während des jüngsten Börsencrashs das Prinzip der Diversifikation phasenweise nicht funktionierte und Aktien, Renten und Rohstoffe in der Krise im Gleichschritt nach unten rauschten, ficht Weber nicht an: "Das Prinzip der Aufteilung funktioniert noch immer, auch wenn einmal für einige Monate ein Gleichklang zu beobachten ist. Doch Geldanlage ist keine Sache von Monaten."

Kontrolliere die Kosten

Kontrolliere die Kosten

Gebühren gehören zu den meist unterschätzten Faktoren am Gesamtmarkt. Warum sollte man sich über ein Prozent jährliche Gebühren Gedanken machen, wenn man das Glück, die Gelassenheit und das richtige Konzept hat, um auf lange Sicht unterstellte 8 Prozent Rendite pro Jahr zu erzielen? "Man muss genau auf die Kosten schauen", entgegnet Weber. "Über einen langen Zeitraum entfaltet ein Gebührenunterschied von einem Prozent eine immense Wirkung."

Ein Beispiel: Ein Anleger legt 100.000 Euro bei einer unterstellten Rendite vor Kosten von durchschnittlich 8 Prozent pro Jahr an. Bei jährlichen Gesamtgebühren, von Fondsgesellschaften als "TER" (Total Expense Ratio) angegeben, in Höhe von 0,45 Prozent erzielt er ein Endvermögen von knapp 888.000 Euro. Kauft der Anleger dagegen einen Fonds, bei dem zunächst 5 Prozent Aufgabeaufschlag und jährliche Gesamtgebühren von 1,5 Prozent anfallen, bleiben ihm bei gleicher jährlicher Rendite nach 30 Jahren rund 630.000 Euro.

Der Unterschied zwischen einem günstigen und einem teuren Fonds beträgt 260.000 Euro - bei gleicher jährlicher Performance des Fondsmanagers.

Verliebe dich nicht - investiere breit

Verliebe dich nicht - investiere breit

Bei so viel nüchterner Betrachtung könnte der Anleger glatt den Spaß an der Sache verlieren. Kosten beachten. Gefühle zähmen. Keine Wetten wagen.

"Wetten darf jeder - von mir aus auf usbekische Kupferminen", sagt Weber. Doch der Einsatz bei derlei Wetten sollte entbehrliches "Spielgeld" sein und nicht ein Baustein der Altersvorsorge.

Bei diesem grundnüchternen Thema sollten Glücksspiel und jede Art von emotionalen Schwankungen möglichst vermieden werden: Statt sich in einzelne Aktien zu verlieben und diese notfalls gegen den Rest der Welt zu verteidigen, sollte man lieber auf die gesamte Anlagewelt setzen.

Ein passiver Indexfonds auf einen weltweiten Index wie den MSCI World ist kein Investment, mit dem man Freunde verblüffen kann. "Dennoch kann man damit auf einen Schlag in mehrere Hundert Unternehmen weltweit investieren", sagt Weber.

Wer dagegen versuche, die notwendige breite Streuung über die Auswahl von 50 bis 60 Einzeltiteln hinzubekommen, lande unweigerlich in der Kostenfalle. Ein passiver Index- oder Branchenfonds sei weniger sportlich, aber vernünftig.

Dennoch gebe es kein "richtiges" und kein "falsches" Depot, sagt Weber. Die Entscheidung, wie viel Risiko man vertragen kann, bleibe individuell - denn möglicher Gewinn und das Risiko von Verlusten gehören zusammen. Für eine erfolgreiche Geldanlage brauche man ein sinnvolles Konzept und schlicht auch Glück. Ein Bauchgefühl für die "richtigen" Anlagen brauche man dagegen nicht.

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