Sonntag, 31. Mai 2020

Brief des weltgrößten Vermögensverwalters an die Aktionäre Darum sieht der Blackrock-Chef in der Krise eine große Chance

 "Die Wirtschaft wird sich erholen und die Welt wird eine andere sein" : Larry Fink, Chef des weltgrößten Vermögensverwalters Blackrock
Ludovic Marin / AFP
"Die Wirtschaft wird sich erholen und die Welt wird eine andere sein" : Larry Fink, Chef des weltgrößten Vermögensverwalters Blackrock

Den Mann wirft nichts so schnell um, sonst hätte er es wohl kaum an die Spitze von Blackrock geschafft, den mit 7,4 Billionen Dollar weltgrößten Vermögensverwalter. Doch die Corona-Krise erfüllt auch Larry Fink mit Demut. "In meinen 44 Jahren in der Finanzindustrie habe ich noch nichts Vergleichbares erlebt", schreibt der 67-Jährige in einem Brief an seine Aktionäre. Begonnen hat er das elfseitige Papier in seinem Büro, beenden musste es der Manager im Homeoffice.

"Das Virus fordert einen hohen Tribut. Es hat Hunderttausende getötet oder krank gemacht, und selbst für die Gesunden hat es das tägliche Leben dramatisch verändert und die finanzielle Sicherheit bedroht", stellt Fink zu Beginn fest. Regierungen stelle es vor enorme Herausforderungen, Quarantänen in einem noch nie dagewesenen Ausmaß einzuführen und auf die wirtschaftlichen und finanziellen Folgen zu reagieren.

Und die medizinischen Fachkräfte, die in fast allen Fällen mit unzureichender Versorgung und mangelnder Krankenhauskapazität arbeiteten, "stehen vor schmerzhaften Entscheidungen, wie die meisten Menschen am Leben erhalten werden können. Diese Mediziner, die in dieser Krise an vorderster Front stehen, sind die Helden von heute", lautet Finks durchaus emotionale Bestandsaufnahme, um dann zugleich seine wohl zentrale Botschaft zu platzieren:

"Wenn wir diese Krise überstanden haben, wird die Welt eine andere sein"

Die Pandemie werde die Wirtschaft und die Gesellschaft weltweit grundlegend verändern, ist der Manager überzeugt: Das Reisen, der Konsum, die Geschäftswelt - ja, - auch das Verhalten der Investoren werde sich verändern.

"Um diese Krise zu besiegen, brauchen wir eine Antwort, die über die Partisanen- und Landesgrenzen hinausgeht", schreibt Fink in dem am Dienstag veröffentlichten Brief weiter. All das klingt ungewohnt pathetisch von einem der weltweit einflussreichsten Investoren. Doch verstören will er seine Aktionäre und die Menschen nicht, sondern macht im Gegenteil Mut:

"Die Welt wird diese Krise überstehen. Die Wirtschaft wird sich erholen." Zugleich böten sich Anlegern, die jetzt nicht den Kopf in den Sand steckten und den Blick nach vorn richteten, nun "enorme Chancen".

Blackrock sieht Regierungen und Notenbanken auf dem richtigen Weg

Was Fink, der gewiss schon von Berufs und des Geschäftes wegen nicht zu Untergangsstimmung neigt, für die Wirtschaft optimistisch nach vorn blicken lässt, ist das seiner Meinung beherzte Eingreifen von Zentralbanken und Regierungen. Die Notenbanken gingen die Probleme auf den Kreditmärkten schnell an, die Regierungen flankierten aggressiv mit fiskalischen Anreizen und Hilfsprogrammen.

Das Tempo und die Form des Einschreitens würden stark von den Erfahrungen der globalen Finanzkrise 2008 beeinflusst. Die Akteure müssten nicht mehr gegen die dieselben strukturellen Herausforderungen ankämpfen wie noch vor zehn Jahren. Die Maßnahmen seien daher "wahrscheinlich wirksamer" und würden "schneller greifen".

 "Unternehmen mit langfristigem Ansatz werden die Krise besser meistern", ist der Blackrock-Chef überzeugt
Fabrice Coffrini / AFP
"Unternehmen mit langfristigem Ansatz werden die Krise besser meistern", ist der Blackrock-Chef überzeugt

Die Welt und auch die Geldanlage würden damit aber keineswegs risikolos. Wann die Märkte tatsächlich ihren Tiefpunkt erreicht hätten, könne niemand seriöserweise wissen. Er persönlich und Blackrock hätten immer an die langfristige Perspektive geglaubt, diese gelte es weiter zu verfolgen. "Unternehmen und Investoren mit einem ausgeprägten Sinn für Ziele und einem langfristigen Ansatz werden diese Krise und ihre Nachwirkungen besser meistern können", ist Fink überzeugt.

Was die formulierte Erwartung einer veränderten Geldanlage angeht, darauf kommt Fink in seinem Brief auch konkret zu sprechen. Im Kern geht es um das Thema Nachhaltigkeit - Blackrock hatte die Unternehmensführer dieser Welt bereits in einem bemerkenswerten Brief Mitte Januar zu mehr Anstrengungen aufgefordert und Aufsichtsräten und Vorständen Konsequenzen angedroht, sollten sie das Thema nicht ernst nehmen.

Aktuelle Krise als Chance und Katalysator für mehr nachhaltige Produkte

Vor diesem Hintergrund sieht der Larry Fink die aktuelle Krise als Chance und auch als Katalysator für neue Finanzprodukte, die Kriterien wie Umweltschutz, Soziales und gute Unternehmensführung stärker berücksichtigen:

"Die aktuelle Pandemie führt uns vor Augen, wie fragil die Welt ist und welcher Wert in nachhaltigen Portfolios steckt", schreibt Fink. "Wenn wir diese Krise überstanden haben und Anleger ihre Portfolios anpassen, haben wir die Möglichkeit, eine nachhaltigere Welt zu schaffen."

Dass sich Blackrock quasi an der Spitze dieser Bewegung sieht, ist für Fink keine Frage, der zugleich Werbung in eigener Sache macht: Man habe das größte Angebot an nachhaltigen ETFs aufgebaut, "weil wir der Meinung sind, dass alle Anleger gleichen Zugang zu einer besseren Zukunft haben sollten". Deshalb auch verpflichte sich der weltgrößte Vermögensverwalter, die Anzahl der nachhaltigen ETFs und Indexfonds, derer man schon jetzt mehr als 150 anbiete, in den nächsten Jahren zu verdoppeln.

Die weltweit 15.000 Unternehmen, an denen der Investmentriese aktuell beteiligt ist, dürften diese Sätze wohl nicht nur als leere Drohung verstehen.

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