Samstag, 21. September 2019

EU und US-Kongress sehen Facebook-Währung kritisch Libra zähmen statt verbieten

Die Kryptowährung Libra könnte auch erhebliche Wohlfahrtseffekte generieren: Bis zu 35 Milliarden Dollar durch eingesparte Überweisungskosten, rechnet die Weltbank vor
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Die Kryptowährung Libra könnte auch erhebliche Wohlfahrtseffekte generieren: Bis zu 35 Milliarden Dollar durch eingesparte Überweisungskosten, rechnet die Weltbank vor

"Zuckbuck", "Shitcoin", "Kryptomafia": Das von Facebook initiierte Kryptowährungsprojekt Libra geriet kräftig unter Beschuss, als sich der Chef des Vorhabens, David Marcus, Mitte Juli den Anhörungen vor den Finanzkomittees des US-Kongresses stellte. Die Parlamentarier brachten zahlreiche sehr ernstzunehmende Risiken und potenzielle Schwächen einer privaten globalen Kryptowährung zur Sprache. Nach Informationen der Nachrichtenagentur Bloomberg soll auch die EU-Kommission eine Untersuchung eingeleitet haben.

Cyrus de la Rubia
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    Hamburg Commercial Bank
    Cyrus de la Rubia ist Chefvolkswirt bei der Hamburg Commercial Bank in Hamburg, wo er globale Trends an den Währungs- und Zinsmärkten analysiert. Außerdem ist er Dozent an der Frankfurt School of Finance und Management, in der wirtschaftspolitischen Beratung tätig und Autor des Buches "Unser Geld in der Krise".

Doch auch wenn überraschend viele Parlamentarier diesseits und jenseits des Atlantiks das Libra-Projekt extrem kritisch bewerten und es am liebsten gestoppt sehen würden, sollte man die potenziellen gesellschaftlichen Vorteile dieses neuen Zahlungssytems nicht einfach ignorieren - sondern die Kritikpunkte nutzen und konstruktiv mit ihnen umgehen.

Konto ohne Bankverbindung

Worum geht es? Facebook Börsen-Chart zeigen hat im Juni 2019 angekündigt, zusammen mit etwa 100 Unternehmen in der ersten Jahreshälfte 2020 eine Kryptowährung namens Libra zu lancieren. Im Gegensatz zu Paypal Börsen-Chart zeigen, Apple Pay und anderen bekannten Zahlungsanbietern soll Libra ohne Anbindung an ein Bankkonto funktionieren. Dies wird durch die Verwendung der Blockchain-Technologie ermöglicht, wie sie vom Grundprinzip auch bei der Kryptowährung Bitcoin eingesetzt wird. Zu diesem Zweck wird die Libra-Organisation ein digitales Portemonnaie, Wallet genannt, unter dem Namen Calibra anbieten. Nutzer können dann Geldbeträge in Libra über eine App von ihrem Wallet auf ein Wallet eines anderen Calibra-Nutzers überweisen - ganz gleich, ob sie Facebook-Mitglieder sind oder nicht.

Darüber hinaus soll Calibra den Schlüssel für die Einhaltung von Regulierungen darstellen. So muss sich den Facebook-Plänen zufolge jeder Calibra-Kunde einem so genannten "Know Your Customer"-Prozess (KYC-Prozess) unterziehen. Auf diese Weise sollen Geldwäsche, Terrorfinanzierung und Ähnliches verhindert werden. Bei Überweisungen sollen allenfalls minimale Gebühren anfallen. Libra dürfte darüber hinaus relativ wertstabil sein, weil es von einem Währungskorb gedeckt wird, der nach Aussagen von David Marcus zu 50 Prozent aus US-Dollar und zu 50 Prozent aus anderen stabilen Währungen bestehen wird. Kurskapriolen wie bei Bitcoin wären damit praktisch ausgeschlossen.

Libra ermöglicht enorme Wohlfahrtseffekte

Die Vorteile dieses Vorhabens liegen auf der Hand: Da sind zum einen die Kostenersparnisse, die gerade bei grenzüberschreitenden Überweisungen erheblich sein können. Dies betrifft vor allem die Geldtransfers, mit denen viele Ausländer etwa in Deutschland oder den USA Geld nach Hause schicken. Bei durchschnittlichen grenzüberschreitenden Überweisungsgebühren von 7 Prozent ergibt sich nach Angaben der Weltbank eine jährliche potenzielle Ersparnis für die betroffenen Familien von rund 35 Milliarden US-Dollar. Die wohlfahrtstechnische Wirkung dieser Einsparungen ist nicht zu unterschätzen, zumal es hier in der Regel um niedrige Einkommensschichten geht.

Ein weiteres Stichwort ist finanzielle Inklusion. Libra könnte einen Großteil der 1,7 Milliarden Menschen weltweit erreichen, die nicht über eine Bankverbindung verfügen. Denn rund 60 Prozent dieser Menschen haben ein Smartphone, das zusammen mit einem Zugang zum Internet ausreicht, um am Libra-Netzwerk teilzunehmen. Und schließlich ist da noch die Möglichkeit, sein Geld aufzubewahren, ohne fürchten zu müssen, dass es durch eine verantwortungslose Geldpolitik entwertet wird. Immerhin 40 Prozent der Weltbevölkerung sind immer wieder von einem Verfall ihrer Landeswährungen betroffen, aktuelle Beispiele sind Venezuela (Hyperinflation), die Türkei und Argentinien (jeweils zweistellige Inflationsraten). Ganz generell ist noch festzustellen, dass eine Kryptowährung wie Libra insbesondere den internationalen (Internet-) Handel ankurbeln dürfte, wodurch sich für viele Unternehmen neue Geschäftsmöglichkeiten ergeben.

Strikte Regulierung erforderlich

Ein objektiver Blick auf die geplante Währungsinnovation offenbart allerdings auch Gefahren, die nicht ausgeblendet werden sollten. Da ist zum einen die einhundertprozentige Deckung des Kryptogeldes mit Dollar und anderen stabilen Währungen, auf die sich das Unternehmen aus dem Facebook-Kosmos in seinem Konzeptpapier (Whitepaper) festgelegt hat. Diese Währungsreserven werden in Form von kurzfristigen bonitätsstarken Wertpapieren oder Bankdepositen gehalten. Bei einem positiven Zins - angesichts der aktuellen Negativzinsen keine triviale Bedingung - erwirtschaftet Libra Geld, mit dem zum einen die laufenden Kosten gedeckt werden sollen, das zum anderen aber auch an die Firmen, die die Organisation tragen, ausgeschüttet wird.

Hier liegt die Gefahr: Wer stellt sicher, dass die Deckung auch in Zukunft 100 Prozent beträgt? Die Versuchung auf Seiten der Mitglieder dürfte groß sein, Schritt für Schritt die Deckung zu reduzieren, indem Teile der Reserven in nicht-liquide und risikoreicheren Vermögenstiteln angelegt werden, um auf diese Weise die Gewinne zu erhöhen. Nicht umsonst kam bei der Anhörung vor dem US-Kongress der Vorwurf auf, dass das, was sich als dezentralisierte Blockchain mit einer begrenzten Anzahl von Mitgliedern darstellt, in Wirklichkeit als Kartell angesehen werden könnte. Offensichtlich bedarf es hier einer strikten Regulierung, bei der eine Koordination der großen Wirtschaftsräume USA, EU und Japan viel Sinn ergeben würde.

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