Freitag, 18. Oktober 2019

EU und US-Kongress sehen Facebook-Währung kritisch Libra zähmen statt verbieten

Die Kryptowährung Libra könnte auch erhebliche Wohlfahrtseffekte generieren: Bis zu 35 Milliarden Dollar durch eingesparte Überweisungskosten, rechnet die Weltbank vor
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Die Kryptowährung Libra könnte auch erhebliche Wohlfahrtseffekte generieren: Bis zu 35 Milliarden Dollar durch eingesparte Überweisungskosten, rechnet die Weltbank vor

2. Teil: Geldwäsche kann minimiert werden

Der andere ernstzunehmende Kritikpunkt ist die Gefahr der Geldwäsche. Zwar sieht Libra vor, dass die hauseigene Wallet Calibra nur von Personen genutzt werden darf, die KYC-Regeln befolgen. Gleichzeitig sollen andere Anbieter jedoch die Möglichkeit erhalten, ihrerseits Wallets anzubieten, die mit Calibra kompatibel sind. Grundsätzlich ist das zu begrüßen, da Wettbewerb das Geschäft belebt. Für die Aufsicht wird es dadurch allerdings nicht einfacher, weil ein Wallet seinen Rechtssitz problemlos etwa in eine karibische Regulierungsoase verlegen könnte, wo auf strenge Regeln verzichtet wird.

Was kann man dagegen tun? Am einfachsten umzusetzen wären vermutlich Obergrenzen für Überweisungen, ähnlich den Obergrenzen bei Bargeldtransaktionen, wie sie in vielen Ländern bereits gelten. David Marcus hat diese Möglichkeit jedenfalls ins Spiel gebracht.

Neuer Wettbewerber für Zentralbanken

Ein weiteres wichtiges Thema ist die Zentralbankpolitik. Inwiefern wird den Notenbanken die Möglichkeit genommen, effektiv Geldpolitik zu betreiben? Dies dürfte vor allem viele Emerging Markets mit instabilen Währungen umtreiben. Schon heute haben eine Reihe von Staaten mit dem Problem der Dollarisierung zu kämpfen. Wenn beispielsweise die Hälfte der Bankeinlagen in Dollar denominiert sind und auch die Kreditvergabe zu 50 Prozent in der US-Währung durchgeführt wird, ist der Einfluss der Geldpolitik nur sehr begrenzt. Die Befürchtung ist, dass mit Libra die Flucht aus lokalen Währungen noch einfacher wird, eine "Libra-risierung" stattfindet und die betroffene Notenbank am Ende machtlos ist.

Diese Angst ist nicht unbegründet, und es würde vor allem die Volkswirtschaften treffen, deren Institutionen nicht oder nicht gut funktionieren und die immer wieder mit Geldentwertungen zu tun haben. Nur: Sollen die Regierungen mit schlechten Institutionen vor Libra geschützt werden oder geht es um die Menschen, die von einer stabileren Währung profitieren würden? Letztlich könnte der Wettbewerb durch Libra sogar einen positiven Effekt haben und die Regierungen aus purem Eigeninteresse dazu veranlassen, solidere Institutionen wie etwa eine politisch unabhängige Notenbank aufzubauen.

Die Politik muss aktiv werden

Und dann ist da schließlich noch das Too-Big-To-Fail-Argument: Entsteht mit Libra eine Institution, die ihre Systemrelevanz ausnutzen könnte, indem sie bei Schwierigkeiten nach Unterstützung durch öffentliche Gelder ruft? Angenommen, 20 Prozent der Facebook-Nutzer würden Libra verwenden und einen durchschnittlichen Kontostand von umgerechnet 1000 Euro haben. Bei 2,7 Milliarden Facebook-Mitgliedern wären das 540 Milliarden Euro, die von der Libra-Assoziation verwaltet würden. Das klingt nach sehr viel, aber ein Vergleich mit anderen Zahlen zeigt, dass die Summe relativ ist. Blackrock verwaltet Vermögenswerte im Volumen von über 6000 Milliarden US-Dollar, die Bilanzsumme der US-Notenbank Fed liegt bei 3800 Milliarden US-Dollar, während täglich (!) Devisentransaktionen von 5000 Milliarden US-Dollar umgesetzt werden.

Die Politik reagiert häufig langsam. Bitcoin gibt es jetzt seit zehn Jahren. Zahllose Kryptowährungen sind in der Folge entstanden, aber von Seiten der Aufsicht waren kaum Reaktionen wahrzunehmen. Erst jetzt, wo sich ein großer Marktteilnehmer anschickt, die neue Technologie zu nutzen, wird die Politik wachgerüttelt. Selbst wenn das Libra-Projekt aufgegeben werden sollte, ist es nur eine Frage der Zeit, bis entweder ein neues Großprojekt aus der Taufe gehoben wird oder die smarten Entwickler von Bitcoin und Ethereum das sogenannte Skalierungsproblem lösen, also die Tatsache, dass die dezentralen offenen Blockchain-Systeme bislang nicht in der Lage sind, beim Abwicklungsvolumen mit den herkömmlichen Zahlungsanbietern mitzuhalten.

Bei Bitcoin und Ether (der Kryptowährung der Ethereum-Blockchain) sind die regulatorischen Herausforderungen noch wesentlich größer als bei Libra, da diese Systeme wahrhaft dezentral sind. Mit anderen Worten: Aufsichtsbehörden wie die amerikanische SEC oder die deutsche Bafin haben bei diesen Währungen schlichtweg keinen Ansprechpartner. Höchste Zeit also, die Kryptowährungen ernst zu nehmen und einen regulatorischen Rahmen aufzubauen. Denn eines steht fest: Ob Libra, Bitcoin oder Shitcoin: Die Geister, die wir riefen, werden wir nicht mehr los.


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Cyrus de la Rubia ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wider.

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