Samstag, 14. Dezember 2019

Kurssturz geht weiter - 50 Prozent Minus seit Juli Bitcoin stürzt unter die Marke von 6500 Dollar

Bitcoin unter 7000 US-Dollar: 50 Prozent Wertverlust seit Juli 2019
Gillian Flaccus/ AP
Bitcoin unter 7000 US-Dollar: 50 Prozent Wertverlust seit Juli 2019

Der Wertverfall der führenden Digitalwährung Bitcoin geht weiter. Am Montag im frühen Handel rutschte die Cyberwährung zeitweise bis auf 6450 US-Dollar ab. Am Freitag war der Bitcoin-Kurs erstmals seit mehr als einem halben Jahr unter die Marke von 7000 US-Dollar gerutscht. Zweitweise wurden am Montag auf der Luxemburger Handelsplattform Bitstamp für einen Bitcoin 6440 Dollar gezahlt und damit so wenig wie seit vergangenen Mai nicht mehr. Auslöser des jüngsten Ausverkaufs ist laut Marktbeobachtern der verstärkte Druck der chinesischen Regierung auf den Handel mit Kryptowährungen. Nachdem die Digitalwährung in den Sommermonaten zeitweise bis auf knapp 14.000 Dollar gestiegen war, hat sich der Wert der Kryptowährung mittlerweile mehr als halbiert.

Marktbeobachter verwiesen außerdem auf technische Gründe für den Kursrutsch. Demnach sei der Kurs der Digitalwährung unter die 200-Tage-Linie gefallen, die unter technischen Analysten als starkes Verkaufssignal gilt. Dies habe weitere Verkäufe am Markt ausgelöst und die Talfahrt des Bitcoin beschleunigt.

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Der Bitcoin ist für seine Kurskapriolen bekannt. Die Digitalwährung wird durch komplexe Rechenprozesse am Computer erzeugt. Die Grundidee der 2009 zu Zeiten der Finanzkrise gestarteten Bitcoins ist ein weitgehend anonymer Zahlungsverkehr, der unabhängig von Regierungen und Banken funktioniert.

Stablecoins sollen Image der Digitalwährungen verbessern

Die extremen Kursschwankungen von Bitcoin & Co. sind ein Hemmschuh für die Akzeptanz von Kryptowährungen als allgemeines Zahlungsmittel. Sogenannte Stablecoins bekämpfen dieses Manko, indem sie ihren Preis an eine oder mehrere reale Währungen koppeln. Diesen Weg beschreitet beispielsweise das Online-Netzwerk Facebook Börsen-Chart zeigen mit seiner geplanten Cybderdevise Libra. Einige Emittenten hinterlegen ihre digitalen Münzen auch mit Wertanlagen wie Gold.

Beide Varianten haben aber aus Sicht mancher Nutzer einen entscheidenden Nachteil: Es bleibt eine Abhängigkeit von Institutionen wie Zentralbanken und Geschäftsbanken. Erstere kontrollieren über die Geldpolitik die Wechselkurse von Dollar, Euro & Co. Letztere verwahren die hinterlegten Wertanlagen.

Kryptowährung Dai soll an Ethereum gekoppelt werden

Die Macher der Kryptowährung Dai wollen diese Abhängigkeit umgehen, indem sie als Sicherheit keine Landeswährung nutzen, sondern mit Ethereum die nach Bitcoin weltweit zweiwichtigste Cyberdevise. Dies hat den Vorteil, dass die Nutzer, sobald sie einmal Etherum gegen Dollar oder Euro gekauft haben, komplett unabhängig von staatlichen Stellen oder Banken agieren können.

Die zweite große Hürde auf dem Weg zu einem virtuellen weltweiten "Volkszahlungsmittel" sind drohende Kursturbulenzen. Hier erscheint die Wahl von Etherum als Sicherheit zunächst als Widerspruch in sich, da dessen Preis ähnlich stark schwankt wie der von Bitcoin. Daher orientiert sich der Dai-Kurs am Dollar, ist allerdings nicht starr an die US-Währung gekoppelt. Die Dai-Macher streben nach eigenen Angaben ein Kursverhältnis von 1:1 an, das sie über verschiedene Korrektur-Mechanismen erreichen wollen.

Sicherheitsmechanismen gegen Kursturbulenzen

Um an Dai zu gelangen, müssen Nutzer zunächst Ethereum auf eine Art öffentlich einsehbares Konto, die sogenannte Collateralized Debt Position (CDP), einzahlen. Zusätzliche Kursstabilität versprechen sich die Dai-Macher davon, dass der Auszahlungsbetrag stets unterhalb der Einzahlung liegt, um einen Sicherheitspuffer gegen Kursveränderungen bei Ethereum zu haben.

Weicht der Dai-Kurs stärker vom Dollar ab, wird zudem die Größe des Puffers in der CDP automatisch angepasst. Fällt also der Kurs, müssen Nutzer mehr Ethereum einzahlen, um dieselbe Menge Dai zu erhalten. Außerdem kommen Nutzer erst wieder an die in der CDP geparkten Ethereum, wenn sie die dort abgezogenen Dai zuzüglich einer "Stabilitätsgebühr" zurückgezahlt haben.

Alle diese Transaktionen seien in der Blockchain gespeichert, sagt Rune Christensen, Chef des Dai-Anbieters Maker Foundation. "Jeder kann die Bücher in Echtzeit prüfen." Die Blockchain-Technologie bildet die Basis für sämtliche Kryptowährungen. Langfristig will sich die Maker Foundation, die derzeit an der Technologie feilt, sogar überflüssig machen. Das Ziel sei es, das System so weit zu verfeinern, dass keinerlei Überwachung mehr notwendig sei, betont Mariano Conti, Chef der Abteilung Smart Contracts. Als Smart Contracts bezeichnen Experten Programme innerhalb der Blockchain, die unter bestimmten Bedingungen Zahlungen auslösen.

Bewährungsprobe in der realen Welt

Die Wohltätigkeitsorganisation Oxfam testet Dai bereits im Südsee-Inselstaat Vanuatu, der regelmäßig von Naturkatastrophen heimgesucht wird. Die Kryptowährung erlaube es, in solchen Fällen Opfern schneller und direkter Hilfe zukommen zu lassen, sagt Oxfam-Mitarbeiterin Sandra Hart. Im kommenden Jahr solle der Feldversuch ausgeweitet werden.

Auch im krisengebeutelten Argentinien erfreut sich Dai wachsender Beliebtheit. Der Maker Foundation zufolge verdoppelte sich die Zahl der Mitglieder in einem Gruppen-Chat argentinischer Dai-Nutzer im Messaging-Dienst Telegram binnen weniger Wochen auf 450. "Meine Mutter und ich legen einen Teil unseres Geldes in Dai an", berichtet Jurastudentin Romina Sejas. Denn die Landeswährung Peso verliere dramatisch an Wert. "Wir müssen kreativ sein, um die Entscheidungen der Politiker zu überstehen."

Risiken: Hacker-Angriffe und Regulierung

Timothy Stranex, Mitgründer der Kryptobörse Luno, warnt allerdings vor Risiken. Durch fehlerhaft programmierte Smart Contracts könnten digitale Münzen gestohlen werden. Die Dai-Macher wollen dieser Gefahr mit einer "Notabschaltung" begegnen. Dabei werden im Falle eines Hacker-Angriffs den Nutzern automatisch ihre Guthaben ausgezahlt.

Darüber hinaus ist bislang unklar, wie die Gesetzgeber auf Dai reagieren. Facebook bläst bei seinem Libra-Projekt zwar heftiger Gegenwind ins Gesicht, zu einer einheitlichen Linie bei anderen Stablecoins konnten sich die Behörden aber bislang nicht durchringen. "Die Regulierer versuchen, diese neuen Technologien in bestehende Gesetzesrahmen zu pressen", sagt der auf Kryptowährungen spezialisierte Anwalt Phil Angeloff von der Kanzlei Clifford Chance.

la/reuters/dpa

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