Sonntag, 15. Dezember 2019

EZB-Direktor Benoît Coeuré bekommt globale Rolle Dieser Mann soll das Geldsystem gegen Libra verteidigen

Benoît Coeuré

Eine Zeitlang galt er als Favorit für die Nachfolge von Mario Draghi an der Spitze der Europäischen Zentralbank (die stattdessen Christine Lagarde angetreten hat). Jetzt hat Benoît Coeuré (50) einen anderen spektakulären Job. Im Januar, wenn die achtjährige Amtszeit des Franzosen als EZB-Direktor ausläuft, fange er als Leiter des "Innovation Hub" der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) an, teilte diese am Montag mit.

Die Baseler Institution gilt als Zentralbank der Zentralbanken. Sie will mit dem "Innovation Hub" vor allem eine Antwort auf private digitale Währungen wie die von Facebook geplante Libra finden. Aus ihrer Sicht könnten diese die Kontrolle über das Finanzsystem untergraben.

Während die nationalen Aufseher aufgeschreckt über den richtigen Umgang mit der Herausforderung debattieren, bereitet die BIZ zusammen mit der Schweizerischen Nationalbank eine eigene Digitalwährung vor, die den globalen Zahlungsverkehr zwischen Banken vereinfachen soll. "Wir stehen am Wendepunkt zu einem großen Sprung", sagte BIZ-Chefökonom Hyun Song Shin, der den Hub bisher leitet.

Coeuré hat in seiner Funktion als Chefaufseher über den europäischen Zahlungsverkehr schon einige Vorarbeit geleistet. Zuletzt leitete er eine Arbeitsgruppe der G7-Staaten, um deren Finanzministern einen Umgang mit Libra und Co. zu empfehlen. Kernsatz des Berichts im Oktober: "Kein globales Stablecoin-Projekt sollte in Betrieb gehen, bevor die rechtlichen, regulatorischen und Aufsichtsrisiken angemessen angegangen sind."

Anders als rein spekulative Kryptowährungen wie Bitcoin Börsen-Chart zeigen sind Stablecoins mit bestehenden staatlichen Währungen wie Dollar oder Euro verankert. Daher kann ihr Wert nicht plötzlich nach oben oder unten schießen - was sie überhaupt erst zu einer brauchbaren Alternative als Zahlungsmittel macht, aus Coeurés Sicht die wichtigste Funktion einer Währung. Bitcoin konnten die Geldhüter also noch ignorieren, bei Libra hört der Spaß auf.

Denn wenn Facebook mit seiner Marktmacht eigenes Geld in die Welt brächte, dann "könnte das die erste private Initiative werden, die vom ersten Tag an wirklich einen globalen Fußabdruck hinterlässt", sagte Coeuré im September auf einer Luxemburger Konferenz.

Er zählte eine ganze Reihe möglicher Probleme auf, von Unsicherheit über den Betrieb des Zahlungsverkehrs und Verbraucherschutz über Datenschutz, die Stabilität des Finanzsystems und die monetäre Souveränität der Staaten bis zu Geldwäsche und Terrorfinanzierung. Auf der anderen Seite böten solche Stablecoins durchaus auch Vorteile: Sie könnten grenzüberschreitende Zahlungen schneller und billiger machen, und vor allem in Entwicklungsländern viele Menschen und Unternehmen erreichen, die bisher vom Finanzsystem ausgeschlossen sind.

"Libra ist zweifellos ein Weckruf für die Zentralbanken", sagte der EZB-Direktor. Die bestehenden Zahlungssysteme müssten mit eigenen Innovationen verbessert werden. Das müsse nicht unbedingt zu staatlichen Digitalwährungen führen, wie sie in China oder Schweden vorbereitet werden. Kleine Korrekturen täten es auch.

"Europa geht mit gutem Beispiel voran", sagte Coeuré. So habe das Euro-System schon Ende 2018 das Target Instant Payment Settlement (TIPS) eingeführt, ein System, das Transfers zwischen Zahlungsdiensten und ihren Kunden in Echtzeit rund um die Uhr ermöglicht. So etwas könne auch in Entwicklungsländern funktionieren. Dann bräuchte auch niemand Libra.

© manager magazin 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung