Wolfgang Holzhäuser "Auch im Fußball ist Überschuldung ein Insolvenzgrund"

Kaum ein deutscher Fußballmanager kennt die Schattenseiten der Bundesliga so gut wie Wolfgang Holzhäuser. Im Interview sorgt sich der Geschäftsführer von Bayer 04 Leverkusen um die wirtschaftliche Gesundheit mancher Bundesligaklubs - und verrät, wie er den Bilanzwert seiner Spieler ermittelt.
Wolfgang Holzhäuser: Der Geschäftsführer von Bayer 04 Leverkusen mahnt ein strengeres Lizenzverfahren durch die DFL an

Wolfgang Holzhäuser: Der Geschäftsführer von Bayer 04 Leverkusen mahnt ein strengeres Lizenzverfahren durch die DFL an

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Bilanztrickserei, Vereinsmeierei und halbseidene Geschäftspartner: Die aktuelle Ausgabe von manager magazin analysiert die dunkle Seite des Fußballbusiness in Deutschland. Wolfgang Holzhäuser plädiert für eine strengere Lizenzierung durch die DFL - und warnt die Bundesligaklubs vor Schönrechnerei.

mm: Herr Holzhäuser, sportlich fühlt sich die Bundesliga so stark wie nie zuvor, seit Bayern München und Borussia Dortmund  die Champions League unter sich ausgemacht haben. Aber wie geht es der Bundesliga wirtschaftlich?

Wolfgang Holzhäuser: Im Vergleich zu anderen Top-Ligen in Europa steht die Bundesliga insgesamt sehr gut da. Aber das heißt noch lange nicht, dass auch alle Vereine betriebswirtschaftlich gesund sind.

mm: Bisher hat die DFL auch bei sehr hohen Schulden noch immer jedem Erstliga-Klub eine Lizenz erteilt, solange die Liquidität ausreichte, die nächste Saison zu überstehen.

Holzhäuser: Ich kenne natürlich nicht die wirtschaftliche Lage eines jeden Klubs. Aber dass bisher noch kein Klub während einer Saison wirtschaftlich die Segel streichen musste, ist ein Erfolg der DFL. Doch die Wirtschaftlichkeit hängt natürlich nicht nur von der Liquidität ab. Es nützt nichts, wenn sich ein Klub jedes Jahr Liquidität beschafft, parallel aber seine Schulden immer weiter steigen. Denn steigt jedes Jahr die Nettoverschuldung, droht die Überschuldung - und die ist auch ein Insolvenzgrund.

mm: Wie sollte das Lizenzierungsverfahren denn geändert werden, um Klubs zu mehr betriebswirtschaftlicher Vernunft anzuhalten?

Holzhäuser: Wir brauchen eine Reform der Lizenzierung dahingehend, dass Erträge zwischen Tochtergesellschaften nicht mehr hin und her geschoben werden können und so die Liquiditätssituation oberflächlich poliert werden kann. Tochterfirmen müssen in die wirtschaftliche Bewertung eines Klubs einbezogen werden. Nur so lässt sich bei den zwischenzeitlich üblichen Konzernstrukturen die wahre wirtschaftliche Leistungsfähigkeit bewerten.

mm: Also sollte die DFL Konzernabschlüsse von den Klubs verlangen?

Holzhäuser: Wir müssen ja nicht gleich das Kind mit dem Bade ausschütten. Mir persönlich würde eine Zusammenfassung der verschiedenen Ergebnisse eines Profiklubs und seiner Töchter reichen, damit man einen Gesamtüberblick über die Vermögenswerte und Risiken bekommt. Müssten alle sechs Monate umständlich testierte Konzernbilanzen erstellt werden, wäre das für die Klubs mit enormem Arbeitsaufwand verbunden und zu teuer. Denn auch hier gilt es, die Verhältnismäßigkeit zu wahren.

mm: Viele Klubs rechnen sich auch schön, indem sie ihren Schulden die stillen Reserven entgegenhalten, die mutmaßlich in ihrem Kader schlummern.

Holzhäuser: Bei Bayer 04 lassen wir unsere Spieler einmal pro Jahr von der Beratungsgesellschaft KPMG bewerten, damit wir in unserer Bilanz objektiv vergleichbare Wertansätze haben. Wir wissen aber auch, wie sensibel diese stillen Reserven sind und wie schnell sie durch menschliche Faktoren wie Verletzungen oder Krankheit aufgebraucht werden können.

Wann ein Profi-Kicker abgewertet werden muss

mm: Haben Ihnen das die Controller aus dem Mutterkonzern aufgetragen?

Holzhäuser: Nein, als selbstständige "Tochter" haben wir das selbst eingeführt. Denn als Geschäftsführer beruhigt es mich schon, wenn ich die Auswertung vor mir liegen habe. Außerdem müssen wir natürlich auch immer wieder zwischendurch bewerten und bei Veränderungen Wertberichtigungen vornehmen.

mm: Wie bewerten Sie denn den Wert ihres kickenden Kapitals?

Holzhäuser: In die Bewertung fließen in einer sehr komplexen Matrix alle möglichen Elemente ein, etwa Vertragsdauer, Nationalspielerstatus und Position. Und wenn ein Spieler ab einem bestimmten Zeitpunkt ablösefrei wechseln kann, muss er natürlich vorher auch abgewertet werden. Da sind standardisierte Regeln vonnöten - ligaweit oder besser noch europaweit.

mm: Klubs wie der Hamburger SV oder Schalke 04 firmieren noch als eingetragene Vereine. Halten Sie das noch für zeitgemäß?

Holzhäuser: Grundsätzlich ist die Rechtsform eines eingetragenen Vereins sicher nicht die ideale Unternehmensform. Immerhin setzen auch "e.V."-Unternehmen hunderte Millionen Euro um. Aber einige Klubs wirtschaften immer noch nach diesem Muster, hier und da steht auch die Tradition im Wege.

mm: Traditionsklubs kritisieren ihrerseits, dass Sie als Werksklub in einer privilegierten Position sind, weil Sie die Finanzkraft eines Dax-Konzerns im Rücken haben.

Holzhäuser: Durch außerordentliche Alleinstellungsmerkmale bringen Millionen-Metropolen wie München, Hamburg, Köln oder das Ruhrgebiet mehr Fans auf die Beine als wir, Hoffenheim, Wolfsburg und andere. Doch das hat ja nichts mit Tradition zu tun. Und als Tochter eines Dax-Konzerns wird schon genau darauf geachtet, welchen Wert wir für den Mutterkonzern darstellen. So lassen wir unseren Werbewert parallel Jahr für Jahr von zwei Agenturen errechnen, einmal progressiv, einmal konservativ. Dann setzen wir den Mittelwert an. Das ist betriebswirtschaftlich vernünftig und keine Wettbewerbsverzerrung. Denn bei den "Traditionsvereinen" berechnen deren Hauptsponsoren oder Anteilseigner den Nutzen, den sie durch ihr Millionen-Engagement erzielen, ebenso in Euro und Cent.

mm: Von der nächsten Saison an gelten für Klubs, die am Europapokal teilnehmen, die neuen Regeln des "Financial Fair Play" (FFP) der Uefa. Die Einnahmen eines Klubs müssen künftig die Ausgaben mehr oder weniger decken.

Holzhäuser: Grundsätzlich ist das ein sehr hehrer Ansatz. Aber ich habe meine Zweifel, ob das Ziel, für mehr finanzielle Fairness zu sorgen, auch erreicht wird.

"Verdeckte Zuschüsse der öffentlichen Hand"

mm: Warum zweifeln Sie?

Holzhäuser: Das FFP ist ursprünglich von den Klubs angestoßen worden, die über viele Jahre den europäischen Spitzenfußball dominiert haben. Erst als reiche Dritte, die mit dem Fußball eigentlich nichts gemein hatten, in den Fußball investierten, hat man darauf gedrängt, Regularien vorzuschieben. Die sollen - so heißt es - nun verhindern, dass die Schulden nicht ins Unermessliche steigen und der Wettbewerb in Frage gestellt wird.

mm: Sie vermuten andere Ziele?

Holzhäuser: Eigentlich wollten die arrivierten Klubs die alten Strukturen manifestieren. Die Motivation für das FFP war eine andere, als man heute glauben machen möchte. Trotzdem ist die Zielrichtung des FFP richtig, denn es muss eine Kontrollinstanz dafür sorgen, dass sich die Klubs nicht unermesslich verschulden. Ob das gelingt, wird die Praxis zeigen. Ich habe da so meine Zweifel.

mm: Warum sind Sie skeptisch?

Holzhäuser: Es wird immer Schlupflöcher geben, um die Regularien zu umgehen. Ich spreche da zum Beispiel von verdeckten Zuschüssen der öffentlichen Hand. In offener, genehmigter Form erachte ich die zwar grundsätzlich für richtig. Allerdings müssten diese Zuschüsse genau so bewertet und geprüft werden wie etwa Zuwendungen von großen Unternehmen wie VW. Auch die Trennung der Bezahlung von Spielern durch die Klubs und die Nutzung von Persönlichkeitsrechten durch Sponsoren könnte ein Thema werden.

mm: Im Profifußball scheint Managern besonders schwer zu fallen, betriebswirtschaftliche Rationalitäten zu akzeptieren. Was macht die Branche besonders?

Holzhäuser: Zugespitzt gesagt: Ziel eines Klubmanagers ist es eigentlich ständig, eine Insolvenz zu vermeiden - bei maximalem sportlichen Erfolg. Eine Firma mit einem einzigen Produkt, nämlich Fußball, ist ein Unternehmen mit hohem Risiko.

mm: Im Jahr 2004 wäre Borussia Dortmund daran fast gescheitert. Sie waren bei einer dramatischen Liga-Sitzung am Rande der EM mit dabei, auf der dem BVB am Ende dennoch eine Lizenz für die neue Saison erteilt wurde.

Holzhäuser: Unsere Gutachter aus der Verwaltung haben sich damals zu keiner Entscheidung durchringen können und ihren Spielraum nicht genutzt, so dass die Verantwortung über das Ende oder nicht bei uns lag. Wir haben uns damals nach langer sehr intensiver Diskussion für das von Dortmund vorgelegte, glaubwürdige Sanierungskonzept und gegen die Lizenzverweigerung entschieden. Letztendlich hat es ja auch funktioniert. Natürlich gehört zu einem solchen wirtschaftlichen Erfolg auch eine gehörige Portion Glück. Und das hatten die Dortmunder.

mm: Mit normalen Unternehmen sind Profiklubs also in Ihren Augen nicht zu vergleichen?

Holzhäuser: Nein, weil völlig andere betriebswirtschaftliche und auch "Produktions"-Faktoren eine Rolle spielen. Wir haben nur ein Produkt. Die Herstellung ist ausschließlich vom Produktionsmittel Mensch abhängig. Da sind Ausfälle viel weniger planbar oder reparierbar als bei Maschinen. Und das einzige Produkt ist vom Erfolg und vor allem von vielen unwägbaren Faktoren abhängig - zum Beispiel von Schiedsrichterentscheidungen, Verletzungen, Formschwankungen und, und, und… Das führt dazu, dass die Kosten auf vier bis fünf Jahre fix sind, der Umsatz aber je Saison um 20 bis 40 Prozent schwankt. Und das entscheidet sich meist erst in ein paar Wochen am Ende der Saison: Verpasst das Team die Qualifikation für die Champions League, sinken unsere Erlöse auf einen Schlag um 20 bis 40 Prozent. Bei einem Abstieg werden dann die Rückgänge zum Desaster.

"Die Solidarität hört da auf, wo der Wettbewerb beginnt"

mm: Ein Albtraum für jeden Manager.

Holzhäuser: Ja, Umsatzschwankungen wie im Fußball sind betriebswirtschaftlich kaum beherrschbar. Da sind die Möglichkeiten, diese kurzfristig aufzufangen, äußerst begrenzt.

mm: Und dann müssen Sie auch noch immer mehr an Spielerberater zahlen...

Holzhäuser: Stimmt! Die Berater nehmen sich schon einen gehörigen Batzen vom Transfer-Kuchen, doch ohne Berater kommen wir nicht aus. Die meisten arbeiten auch seriös und solide. Aus Klubsicht gilt: Gute Berater bringen uns gute Spieler, böse Berater locken sie weg.

mm: Dennoch klagen viele Klubmanager, die Berater würden immer einflussreicher und auch gieriger.

Holzhäuser: Die Berater nehmen sich so viel, wie sie bekommen können - ob Einfluss oder Geld -, aber die Klubs lassen das zu. Dieser Schwäche der Vereine kann nur mit festen Regeln begegnet werden, die für alle verbindlich sind. Deshalb brauchen wir dringend mehr Transparenz, etwa durch einheitliche Verträge und ein Clearinghaus, durch das alle Spielertransfers laufen. Auch die Dimension erreicht bedenkliche Höhe: Ein Großteil der Gelder, die durch den TV-Vertrag mit ARD und ZDF erzielt werden, streichen die Berater ein. Das ist absurd und sicherlich nicht gesund. An einen Immobilienmakler zahle ich ja auch nur einen Bruchteil des Preises für ein Haus. Aber wie gesagt, dazu gehören immer zwei: Der, der fordert - und der, der zahlt.

mm: Werden Sie bei Bayer 04 intern die Zahl der Spieler in Ihrem Kader, die den gleichen Berater haben, begrenzen?

Holzhäuser: Dafür gibt es keine festen Regeln. Eigentlich sollte ein Klub maximal vier Spieler vom selben Berater haben. Aber ich weiß auch: Wenn er von demselben Berater einen Star als fünften kriegen kann, wird er ihn immer nehmen. Insgesamt müssen wir aufpassen, dass nicht die Berater irgendwann den Wettbewerb zwischen den Klubs steuern. Denn sie verdienen vor allem, wenn die Spieler wechseln.

mm: Was konkret befürchten Sie?

Holzhäuser: Ich habe schon Angebote von Beratern erhalten, die für Transfers auch gleich Finanzierungsmodelle mitbringen - etwa gegen eine indirekte Beteiligung an den Transferrechten. Das würde dem Berater einen zu großen Einfluss einräumen. Außerdem verbietet die Fifa eine Beteiligung Dritter an Transferrechten ausdrücklich, und das ist auch richtig so. Schließlich sind die Spieler die zentralen Vermögenswerte vieler Klubs. Ich lehne solche Beraterangebote deshalb immer ab.

mm: Das ehrt Sie. Aber die Sitten zwischen den Klubs werden immer rauer. Gerade hat Ihnen Borussia Dortmund in letzter Minute den Verteidiger Sokratis ausgespannt, mit dem sie eigentlich schon einig waren.

Holzhäuser: Leider gilt auch in der Bundesliga immer öfter: Die Solidarität hört da auf, wo der Wettbewerb beginnt.

mm: Die bislang so sympathischen Dortmunder werden dank der Champions-League-Millionen zu den bösen Buben der Liga?

Holzhäuser: Nein, sicher nicht. Es hat auch andere äußerst Erfolgreiche gegeben, die ebenfalls solche oder ähnliche Methoden angewendet haben und anwenden. Das ist nicht schön, aber gehört sicher bereits zum Geschäft. Vielleicht sind wir den Dortmundern zu nah gekommen und sie wollen sich auf diese Art dagegen wehren.

mm: Das bedeutet?

Holzhäuser: Nichts! Allerdings werde auch ich vielleicht mein Handeln überdenken, wenn es darum geht, einen Transfer um jeden Preis durchzuführen. Einen Fairnesspreis gibt es dafür aber dann sicher auch nicht.

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