Finanzmodell wandelt sich Wie niedrige Zinsen Bauspar-Kunden zusetzen

Der Traum vom Eigenheim: Immer seltener greifen Bauherren auf Darlehen von Bausparkassen zurück

Der Traum vom Eigenheim: Immer seltener greifen Bauherren auf Darlehen von Bausparkassen zurück

Foto: Jens Büttner/ picture alliance / dpa

Es knirscht etwas im Gebälk der Bausparbranche. Die Bausparkassen sind im Wandel. Grund: Die Niedrigzins-Politik der Europäischen Zentralbank, worüber Branchenvertreter sich unisono beklagen. Das Bausparen werde "an den Rand des Abgrunds" getrieben, empört sich der Chef des Sparkassenverbands Baden-Württemberg, Peter Schneider. Sein Verband ist Eigner der Landesbausparkasse (LBS) Baden-Württemberg. Die Niedrigzinsen drückten "gewaltig auf die Erträge der Bausparkassen", sagt Andreas Zehnder vom Verband der Privaten Bausparkassen. Auch Wüstenrot-Chef Bernd Hertweck warnt: Das Geschäftsmodell stehe "massiv unter Druck".

Die einhellige Kritik der Manager verdeutlicht: Mit ihren Niedrigzinsen trifft die EZB einen wunden Punkt der Branche. Deren Geschäftsmodell basiert schließlich auf dem Versprechen niedriger Zinsen - spart man einige Jahre ein Guthaben an, bekommt man zur Belohnung ein niedrig verzinstes Baudarlehen. Was aber, wenn Niedrigzinsen keine Verlockung, sondern eine Selbstverständlichkeit sind?

"Das Produkt Bausparen bleibt attraktiv, wenn man davon ausgeht, dass die Zinsen in zehn Jahren höher sind als heute", sagt Wüstenrot-Chef Hertweck. Er räumt ein, dass die Zinsen vorerst wohl nicht steigen werden. Erst kürzlich hatte EZB-Chef Mario Draghi das Leitzins-Rekordtief von null Prozent im Euroraum abermals bestätigt.

Viel Neugeschäft - aber wenig Gewinn

"Aber liegen sie in zehn Jahren höher?", sagt Hertweck. "Das Risiko ist da - mit dem Bausparen kann sich der Kunde gegen dieses Risiko absichern." Wüstenrot gibt derzeit 0,1 bis 0,25 Prozent Zinsen auf Guthaben, solche Werte sind marktüblich. Hertweck klingt durchaus nachdenklich beim Blick auf solche Guthabenzinsen, die letztlich das Resultat des EZB-Kurses sind. "Im Neugeschäft könnte es Einbußen geben, wenn die Sparneigung zurückgeht", sagt der Manager. Zugleich verweist er aber auf die für Kunden attraktiven, niedrigen Darlehenszinsen von einem Prozent aufwärts - also die Bausparvertrags-Garantie, dass man in zehn Jahren einen günstigen Kredit bekommt.

Die Stimmung mag mitunter schlecht sein, doch einige Institute vermeldeten 2015 Höchstwerte beim Bauspar-Neugeschäft, wie etwa die LBS Baden-Württemberg, die LBS Bayern und Wüstenrot. Die LBS Hessen-Thüringen freute sich über einen "Bauspar-Boom".

Das Problem an der Sache: Mehr Volumen heißt nicht unbedingt mehr Gewinn. Durch die EZB-Niedrigzinsen und die damit verbundenen geringeren Margen für die Finanzbranche wird es schwieriger, dicke Gewinne zu machen. So musste etwa die LBS West 2015 einen Gewinnrückgang um gut 40 Prozent auf zehn Millionen Euro bekanntgeben. Das Institut setzt auf ein Sparprogramm samt Stellenkürzungen. Der Vorsteuergewinn von Branchenprimus Schwäbisch Hall sank um 10 Prozent auf 341 Millionen Euro - trotz eines dicken Plus beim Neugeschäft.

Bausparkassen wollen weiter Altverträge kündigen

Allen Instituten gemein ist das Problem der Altverträge - solche Verträge bringen Sparern hohe Guthabenzinsen, was für die Bausparkassen ein schlechtes Geschäft ist. Denn die Darlehen, die sich im Rahmen eines Bausparvertrags eigentlich an die Guthabenphase anschließen, werden nicht abgerufen, schließlich wären die ebenfalls hoch verzinst. Daher verzichten die Verbraucher auf diesen Abruf und kassieren lieber weiter Guthabenzinsen - zum Ärger der Kassen, denen dadurch Einnahmen aus dem Darlehensgeschäft fehlen. Seit 2015 flattern Bausparkunden Kündigungen solcher Verträge ins Haus, was rechtlich umstritten ist und zu Klagen geführt hat.

Daran dürfte sich auch künftig kaum etwas ändern, denn die Bausparkassen setzen ihren harten Kurs fort. Wie bereits im vergangenen Jahr werde man auch 2016 Altverträge kündigen, die seit Langem zuteilungsreif sind und nur als Guthaben genutzt werden, teilten zahlreiche Bausparkassen auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur mit. Die hohen Guthabenzinsen aus den 1990er Jahren sind für die Branche in den heutigen Niedrigzins-Zeiten eine Belastung. Die große Kündigungswelle begann 2015, als 200.000 Altverträge aufgelöst wurden. Die Branche geht bei dem Thema geschlossen vor.

In diesem Jahr dürfte es Branchenschätzungen zufolge etwa 60.000 Kündigungen von Altverträgen geben. Dass der Wert damit deutlich niedriger sein dürfte als im Vorjahr, liegt aber nicht an einem nachsichtigeren Vorgehen der Institute. Vielmehr geht es 2016 um Verträge, die seit zehn Jahren in ein Darlehen hätten umgewandelt werden können, also zuteilungsreif wurden. 2015 ging es hingegen um Verträge, deren Zuteilungsreife zehn Jahre oder noch länger zurückliegt.

Bausparkassen wenden sich klassischen Darlehen zu

Ergebnis der Probleme: Die Branche wandelt sich. Die Summe klassischer Bauspardarlehen sinkt seit Jahren, daher steuerten die Institute beim Geschäftsmodell um und setzten verstärkt auf andere Kreditformen - zunächst andere Darlehen mit Bezug zum Bausparen (Kombi-Darlehen), seit Anfang 2016 hat der Gesetzgeber Regeln für die Bausparkassen gelockert, wodurch leichter klassische Hypothekendarlehen vergeben werden können - der Trend hin zu Darlehen abseits konventioneller Wege dürfte sich also verstärken.

Das seien "stinknormale 08/15-Kredite, die nichts mehr mit dem eigentlichen Geschäft einer Bausparkasse zu tun haben", moniert der Finanzwissenschaftler Hans-Peter Burghof von der Universität Hohenheim. "Das ist vollkommen witzlos." Die Branche verliere dadurch an Profil, was die Kundenbindung schwächen und somit gravierende Folgen haben könnte, warnt der Professor. Auch er prangert die EZB an. "Die Schleifspuren der Niedrigzinsphase sind tief - die Bausparbranche hat ein ganz großes Problem."

Verbraucherschützer sehen die Situation bei den Bausparkassen ähnlich kritisch, sie attestierten der Branche kürzlich "Risse im System", wie eine Studie der Marktwächter Finanzen heißt. Branchenvertreter wiederum reagieren auf solch Kritik gelassen. Verbandschef Zehnder sagt: "Auch wenn sie stärker von den neuen gesetzlichen Möglichkeiten Gebrauch machen - Bausparkassen bleiben Bausparkassen."

von Wolf von Dewitz, dpa

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