Donnerstag, 5. Dezember 2019

Microvast geht wie Tesla mit Batteriewerk nach Brandenburg Was die "neue Seidenstraße" mit Teslas Nachbarn zu tun hat

Microvast-Europachef Sascha Kelterborn (im Bildschirm-Visier) bei der Pressekonferenz zum Bau des Werks in Ludwigsfelde

Vor knapp zwei Wochen sorgte Tesla-Chef Elon Musk in Deutschland für Aufregung: Bei einer Preisverleihung erklärte er, dass Tesla sein lange versprochenes europäisches Batterie- und Autowerk in Brandenburg bauen wolle. Dem US-Unternehmen Microvast stahl Musk so ein Stück weit die Show: Denn der Batteriespezialist zieht mit seinem ersten Werk in Europa ebenfalls in das ostdeutsche Bundesland - und macht Brandenburg damit zum Hotspot für die Elektroauto-Batteriefertigung.

Allerdings ist Microvast deutlich weiter in seinen Planungen als Tesla, wie Europachef Sascha Kelterborn im Gespräch erklärt. Und auch sonst unterscheidet Microvast einiges von dem US-Elektroautobauer. Denn Microvasts Entscheidung für Brandenburg hatte neben reichlich verfügbaren erneuerbaren Energien auch mit einer Eisenbahntrasse zu tun.

manager-magazin.de: Herr Kelterborn, Ihr Unternehmen Microvast stellt Batterien für Elektrofahrzeuge her. Sie bauen nun wie der US-Autohersteller Tesla ein Werk in Brandenburg und verlegen sogar ihr Europa-Hauptquartier nach Ludwigsfelde bei Berlin. Wieso bekommt das Bundesland jetzt gleich zwei Batteriefabriken?

Sascha Kelterborn: Unsere deutsche Fabrik wird sich deutlich von Teslas Batterie- und Autowerk unterscheiden. Die Microvast-Gruppe fertigt Batteriezellen, Module und ganze Batteriepacks. Wir entwickeln und produzieren aber auch die Batteriechemien überwiegend selbst. Mit diesen Chemien stellen wir Zellen mit hoher Energiedichte her. Diese Zellen packen wir in Module, und aus diesen Modulen produzieren wir ganze Batteriepacks. Für unsere Europazentrale in Brandenburg ist die Zielsetzung, nur noch die Zellen selbst aus China zu beziehen. Im Werk werden wir Batteriemodule komplett automatisiert und je nach Kundenanforderung bauen.

Sascha Kelterborn
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    Microvast
    Sascha Kelterborn ist als Senior Vice President im Vorstand der Microvast Inc. und leitet seit 2017 das Europa-Geschäft des US-Batterieherstellers. Der studierte Betriebswirt arbeitete unter anderem mehrere Jahre für den Bahntechnikkonzern Vossloh. Er hat fast 20 Jahre internationale Management-Erfahrung.

Das heißt, anders als Tesla ziehen Sie in Brandenburg keine eigene Herstellung von Lithium-Ionen-Batteriezellen hoch? …

Korrekt. Im ersten Schritt bauen wir etwa 100 Arbeitsplätze in Ludwigsfelde auf, später werden es dann bis zu 250 sein. Damit sind wir doch etwas kleiner als Teslas geplantes Werk. Eine Zellfabrik ist der nächste strategische Schritt der Lokalisierung. Das werden wir auch in Europa umsetzen. Sobald sich der Markt weiterentwickelt, werden wir im EU-Raum auch ein größeres Zellenwerk in der Größenordnung von acht bis zwölf Gigawattstunden Jahreskapazität aufbauen.

Und dafür ist dann auch Brandenburg vorgesehen?

EU-Länder können wir uns dafür sehr gut vorstellen, das kann auch zum Beispiel in Brandenburg sein. Der Standort für die Zellenproduktion ist noch nicht final definiert. Dass wir ein Zellenwerk in Europa bauen wollen, steht fest. Die Größe ist aber von der Marktentwicklung in Europa abhängig. Wenn wir bis 2030 eine starke Umstellung auf batterieelektrische Fahrstellung sehen und die Volumina gegeben sind, dann wollen wir natürlich eine voll auslastungsfähige Fabrik bauen. Das wären für uns dann eine Größenordnung von 12 Gigawattstunden.

Anders als Tesla, das ja noch in der Einreichphase ist, haben sie für Ihr Werk ja schon Baugenehmigungen vorliegen. Sie wollen ab Anfang 2021 mit der Produktion von Batteriepacks in Ludwigsfelde starten. An wen werden sie ihre in Deutschland gefertigten Akkupacks liefern?

Wir haben unseren Schwerpunkt im Bus- und Nutzfahrzeugbereich, aufgrund von Vereinbarungen darf ich die Kundennamen aber nur sehr eingeschränkt nennen. Im Großraum London laufen über 1000 Busse mit unserer Batterietechnologie, vor allem als Hybridantriebe. Die werden jetzt schrittweise mit neuer Technik ausgestattet. Daneben setzen wir viel im Nahverkehrsbereich in den Benelux-Ländern und Skandinavien um, mit Batterien für Hybrid- und vollelektrische Busse. Wir wollen aber künftig auch in den Nischensegmenten Sportwagen, Geländewagen und im Luxussegment Batterien liefern. Da führen wir konkretere Gespräche, da geht es um Zellen mit besonders hoher Energiedichte, die wir heute bereits in anderen Bereichen anbieten.

Die größten Produzenten von Lithium-Ionen-Zellen sitzen in China, Japan und Korea. Microvast ist ein US-Unternehmen, das Batteriezellen in China produziert. Allerdings kommen sie in China nur mit Mühe in die Top 10 der größten Zellenproduzenten. Warum so vorsichtig?

Microvast gibt es seit 2006. Wir haben zwar auch klassische Standard-Lithium-Ionen-Batterien im Programm, haben uns aber seit Gründung schwerpunktmäßig auf das Thema Schnellladung konzentriert. Unsere Batterien lassen sich in 10 bis 30 Minuten laden, wenn gewünscht auch schneller und besitzen eine lange Lebensdauer sowie erprobte Sicherheitskomponenten. Dadurch haben wir eine etwas andere Zellchemie, deren Rohstoffe etwas teurer sind als die bei den meisten Lithium-Ionen-Zellen verwendeten. Unsere Zellen sind auch nur sehr schwer entflammbar, weil wir selbst entwickelte, nicht flammbare Elektrolyte verwenden und einen Separator, der 300 Grad Celsius über eine Stunde lang standhält. Und anders als manche große Zellenproduzenten entwickeln wir die Chemie für unsere Zellen überwiegend selbst.

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