Freitag, 20. September 2019

"The Banksy Estate!" Wie ein Graffito ein Haus in Venedig zum "Palazzetto" macht

"Repräsentative Immobilie", "monumentaler Eingang", "eindrucksvolle Panoramadachterasse": Makler Engel & Völkers fasst in Worte, was nicht sogleich ins Auge springt.
Engel & Völkers Venezia
"Repräsentative Immobilie", "monumentaler Eingang", "eindrucksvolle Panoramadachterasse": Makler Engel & Völkers fasst in Worte, was nicht sogleich ins Auge springt.

Muss sich der berühmte Streetart-Künstler Banksy womöglich bald einen neuen Job suchen? Seine Kapitalismus- und Kommerzkritik jedenfalls wird immer wieder ad absurdum geführt. Weil Banksy mittlerweile zu einer solchen Berühmtheit geworden ist, lassen sich seine Werke immer besser kommerziell ausschlachten - ganz gleich, ob der Künstler damit einverstanden ist oder nicht.

Das jüngste Beispiel dafür liefert ein neues Werk, welches Banksy in Venedig geschaffen hat. Es handelt sich um das Bild eines Jungen, der eine Hand mit einer Leuchtfackel in die Höhe streckt. Das Bild wurde im klassischen Banksy-Stil an die Wand eines Hauses in der italienischen Stadt an der Lagune gesprüht, in der gegenwärtig die internationale Kunstausstellung Biennale stattfindet. Banksy, der mit dem Graffito offenbar auf die Flüchtlingsproblematik verweisen will, postete Fotos des Werkes auf seiner Instagram-Seite und reklamierte damit praktisch wortlos die Urheberschaft für sich.

Doch dieser Schuss ging offenbar nach hinten los: Unmittelbar, nachdem Banksy bestätigt hatte, dass der Junge mit der Fackel tatsächlich von ihm stammt, reagierte auch schon der Eigentümer des mit dem Werk verzierten Hauses - beziehungsweise dessen Immobilienmakler. Banksy sei "einer der bedeutendsten Künstler unserer Zeit", teilte das örtliche Büro des Hamburger Maklerhauses Engel & Völkers der Öffentlichkeit mit. "Wir freuen uns, dass sein neuestes Kunstwerk ein von uns in der Vermarktung befindliches Objekt ziert."

Dazu schickte das Unternehmen gleich das komplette Paket: Bildmaterial von der Immobilie, ein umfangreiches Exposé sowie eine im üblichen Maklersprech gehaltene Lobpreisung des Gebäudes ("repräsentative Immobilie", "monumentaler Eingang", "eindrucksvolle Panoramadachterasse und exklusive Wohnlage").

Zustand zwischen renovierungsbedürftig und abbruchreif

Vor allem Letzteres erscheint bemerkenswert: Für den laienhaften Betrachter befindet sich die fragliche Immobilie in Venedig eigentlich eher in einem Zustand zwischen renovierungsbedürftig und abbruchreif. Engel & Völkers weiß es aber vermutlich besser. Auch den Namen dieses "historischen Palazzetto" hat das Unternehmen kurzentschlossen bereits geändert: Auf der firmeneigenen Website heißt das Haus jetzt "The Banksy Estate!".

Ein Banksy-Kunstwerk als Werbemittel und Preistreiber? Aus Sicht des Maklers mag es sich dabei um Marketing wie aus dem Lehrbuch handeln - der Künstler selbst dürfte über diese Instrumentalisierung seines Schaffens allerdings weniger erfreut sein.

Dabei ist es nicht das erste Mal, dass die Streetart-Ikone mit einem Werk einen Effekt erzielt, den sie kaum beabsichtigt haben kann. Banksy, dessen wahre Identität bislang nie offiziell enthüllt wurde, gilt als Kritiker des kommerziellen Kunstbetriebs und bringt in seinen Werken regelmäßig politische Botschaften oder Verweise auf gesellschaftliche Missstände unter. Zugleich werden Banksy-Werke inzwischen jedoch am Kunstmarkt für sechs- bis siebenstellige Summen gehandelt. Auch kommerzielle Kunstausstellungen mit Werken Banksys gibt es. Ein Beispiel ist die Wanderausstellung "The Art of Banksy" des früheren Banksy-Managers Steve Lazarides, die im vergangenen Jahr in Berlin gastierte. Von Banksy autorisiert sind diese Ausstellungen in der Regel nicht.

Christoph Rottwilm auf Twitter

Viel Aufmerksamkeit erlangte im vergangenen Herbst ein Coup Banksys bei einer Versteigerung eines seiner Werke durch das Auktionshaus Sotheby's in London. Unmittelbar nachdem der Hammer gefallen und klar war, dass das Bild mit dem Namen "Girl with Balloon" für 1,2 Millionen Euro den Besitzer wechseln würde, setzte sich ein Schredder im Bilderrahmen in Gang, welcher das Werk zum Teil in Papierstreifen zerlegte.

Banksy wollte auf diese Weise offenbar Kritik am Kunstmarkt üben - tatsächlich verschaffte er dem Auktionshaus Sotheby's sowie dem Kunstbetrieb insgesamt jedoch eine weltweite Werbewirkung, wie sie mit Geld kaum zu bezahlen sein dürfte.

© manager magazin 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung