Milliardenbewertung für Gebrauchtwagenportal "Und dann kam Oma"

Das Berliner Start-up ist in nur fünf Jahren zu Europas größtem Gebrauchtwagenhändler aufgestiegen. Das Investment von Softbank-Milliardär Masayoshi Son befördert Auto1 nun in die Gruppe der wertvollsten jungen Unternehmen der Welt. Die beiden Gründer Hakan Koc und Christian Bertermann gewähren Einblicke in die Steuerung ihres Fuhrparks.
Von Claus Gorgs
Von null auf 2,9 Milliarden: Hakan Koç (l.) und Christian Bertermann steuern eines der wertvollsten Start-ups weltweit

Von null auf 2,9 Milliarden: Hakan Koç (l.) und Christian Bertermann steuern eines der wertvollsten Start-ups weltweit

Foto: Kai Müller für manager magazin
Fotostrecke

In diese Firmen pumpt Masayoshi Son Geld: Vom mobilen Bezahlen bis zum Vertical Farming

Foto: Fabrizio Bensch/ REUTERS

Das alte Postgebäude sagt viel über das Lebensgefühl in Kreuzberg. Ein Buchladen, ein Weinhandel und der Edel-Kinderausstatter Rasselfisch residieren hier, junge Väter schieben Kinderwagen vorbei. Über seinen größten Mieter aber verrät das Gründerzeithaus so gut wie nichts. Erst auf den zweiten Blick entdeckt man das DIN-A4-große Papierschild an der Glastür neben dem Alnatura-Supermarkt: "Auto1 Group".

Der bescheidene Auftritt steht in krassem Gegensatz zur wirtschaftlichen Entwicklung: In fünf Jahren ist das Start-up von einer Zweimannbude zu Europas größtem Gebrauchtwagenhändler mit 1,5 Milliarden Euro Umsatz aufgestiegen. Durchschnittliche Wachstumsrate: 350 Prozent. Mindestens 465 Millionen Euro Wagniskapital haben die beiden Gründer Hakan Koç (33) und Christian Bertermann (33) eingesammelt, damit ist Auto1 eine der wertvollsten deutschen Neugründungen.

Nun ist auch der legendäre japanische Tech-Investor Masayoshi Son mit 460 Millionen Euro bei der Auto1 Group eingestiegen. Das Investment aus Japan erhöht die Bewertung des Berliner Start-up auf 2,9 Milliarden Euro. Damit zählt Auto1 zu den am höchsten bewerteten jungen Unternehmen in Europa und der Welt - nur der Streamingdienst Spotify ist in Europa höher bewertet.

Das Geschäftskonzept der Auto1 Group ist so einfach wie erfolgreich: Über diverse Onlineportale - das bekannteste ist Wirkaufendeinauto.de (WKDA) - erwirbt das Unternehmen Gebrauchtwagen und verkauft sie weiter an Autohäuser. Dank der Präsenz in mehr als 20 Ländern macht sich Auto1 regionale Preisunterschiede zunutze und schaltet den Zwischenhandel aus.

Garantierter Preis für Autoverkäufer

Die meist privaten Verkäufer erhalten einen garantierten Preis und müssen sich um keinerlei Formalitäten mehr kümmern. "Auto1 ist der erste Player, der eine international skalierbare Handelsplattform für Gebrauchtwagen geschaffen hat", lobt BMW-Chef Harald Krüger. "Sie verändern den Markt spürbar."

Anders als Vermittlungsportale wie Mobile.de oder Autoscout24 wird Auto1 selbst Eigentümer der Fahrzeuge. So bekommt der Verkäufer schneller sein Geld - und der Onlinehändler eine einzigartige Datenbasis realer Preise. Das Start-up sei "sehr disruptiv", urteilt Googles Deutschland-Chef Philipp Justus. Der Gebrauchtwagenhändler ist inzwischen höher bewertet als der Kochboxversender HelloFresh oder der Lieferdienst Delivery Hero. Nur ist über Auto1 nahezu nichts bekannt.

Hinter der Glastür mit dem Papierschild tut sich eine eigene Welt auf: ein Empfangstresen mit der Anmutung eines Check-in-Schalters am Flughafen, ein Warteraum wie beim Arzt mit Autozeitschriften auf dem Tisch. Auf dem videoüberwachten Parkplatz nebenan stehen mehr Fahrräder als Autos.

Hakan Koç und Christian Bertermann empfangen im Besprechungsraum DB5, benannt nach dem Autoklassiker von Aston Martin, dessen Bild eine der Wände ziert. Ansonsten: nüchternes Businessmobiliar, weiße Wände, Glastüren. Auch das Vorstandsbüro ist für jeden einsehbar, als Türschilder dienen DIN-A4-Blätter in Klarsichthüllen.

Beide Chefs tragen Jeans, der oberste Hemdknopf ist offen. Gerade kommen sie vom ersten Fotoshooting ihres Lebens und sorgen sich, ob sie auch gut rüberkommen. Öffentlichkeit war bisher nicht so ihr Ding. Mit Heimlichtuerei habe das nichts zu tun, versichert Koç. "Wir sehen nur keinen Sinn darin, uns selbst zu promoten. Wir nutzen die Zeit lieber, um die Company voranzubringen."

Die Company, das sind mittlerweile rund 2800 Mitarbeiter (davon 1200 in Deutschland), 350 Filialen und etwa 3000 verkaufte Autos - pro Tag. Knapp eine Million Gebrauchtwagen hat Auto1 seit seiner Gründung gehandelt, und jedes Jahr werden es ein paar Hunderttausend mehr.

Ausgerechnet zwei studierte Internet-Nerds haben es geschafft, eine Branche aufzurollen, deren Image nur knapp über dem von Hütchenspielern rangiert. Sie haben 30.000 Autohändler als Kunden gewonnen, obwohl sie ihnen Teile des Geschäfts wegnehmen.

Wie das gelang? Ganz einfach, sagt Bertermann. Mit Einfachheit, Transparenz und Vertrauen.

Immenser Kapitalbedarf

Jede Gründerstory braucht einen Mythos. Bei Auto1 ist es der Mercedes 190D von Bertermanns Oma. 2012 wollte die alte Dame den Wagen loswerden, der Enkel versprach, sich zu kümmern. "Was dann kam, war nicht die beste Kundenerfahrung", sagt er. Kein Händler interessierte sich für die alte Möhre, keiner nannte einen konkreten Preis. "Da dachten wir uns, möglicherweise kann man das besser machen."

Venture dominiert:Eigenstruktur von Auto1

Venture dominiert:Eigenstruktur von Auto1

Foto: manager magazin

Es war mehr als eine Ahnung. Beide kennen die Berliner Start-up-Szene, haben beste Kontakte, wissen, wie gute Onlinegeschäftsmodelle funktionieren. Bertermann hatte beim Gutscheindienst Groupon gearbeitet, Koç als Produktchef beim Onlineeinrichtungshaus Home24. Beide hatten ihre Jobs gekündigt, um etwas Neues aufzubauen, allein die zündende Idee fehlte noch. Sie hatten eine App angedacht.

"Dann kam Oma", erzählt Bertermann.

Seine Website programmierte das Duo selbst, professionell und einfach zugleich sollte sie sein. "Der Kunde muss immer wissen, wie es weitergeht", sagt Bertermann. So läuft es bis heute: Gleich in der ersten Mail bekommt der Autobesitzer eine Preisschätzung, basierend auf Restwertberechnungen von Datendienstleistern. Beißt er an, wird das Auto inspiziert und bewertet. Für jede Schramme, jede Delle gibt es Abzüge.

"Die ersten Fahrzeuge haben wir auf einem Parkstreifen begutachtet, erinnert sich Koç. Heute passiert das in schmucklosen Hallen in Gewerbegebieten. Dort prüfen Mitarbeiter die Autos nach einem festen Schema, anschließend spuckt der Rechner den Preis aus. Nachverhandeln ist nicht - dafür ist das Geld 24 Stunden später auf dem Konto. Garantiert.

"Standardisierung erzeugt Vertrauen"

"Die Standardisierung erzeugt ein Vertrauen in das System, dass man einen fairen Preis bekommt", sagt Klaus Stricker, Autoexperte bei Bain & Company. "Viele Kunden wollen auch gar nicht handeln, für sie ist die Geschwindigkeit der Transaktion ein Wert an sich." Autoverkauf als Convenience-Produkt.

Die Kehrseite: Das Ankaufen der Autos löst einen immensen Kapitalbedarf aus. Dafür erhält Auto1 einen einzigartigen Überblick über die Fahrzeugwerte in ganz Europa - und kann entsprechend genau kalkulieren. "25 Prozent unserer Transaktionen sind Null-Risiko-Transaktionen", sagt Bertermann. Heißt: Bei jedem vierten Auto steht der neue Besitzer schon fest, wenn der alte den Vertrag unterschreibt. "Wir können den Cashflow für jeden Wagen komplett nachvollziehen."

Für viele Autohäuser lohnt sich die Kooperation: Die zeitraubende Schnäppchensuche entfällt, Überführungskosten entstehen keine. "Früher sind die Händler mit roten Nummernschildern durch ganz Deutschland gereist, nur um ein Auto abzuholen", sagt Koç. "Wir sehen Autohäuser nicht als Gegner, sondern als Partner. Oft sucht ein Kunde ein Modell, das der Händler gerade nicht hat. Unsere Algorithmen finden das passende Auto und bringen Angebot und Nachfrage zusammen. Wie ein Clearing-House."

Zahlreiche Risikokapitalgeber haben die Gründer überzeugt, darunter DN Capital und der Facebook-Investor DST Global. J. P. Morgan, Goldman Sachs und BNP Paribas gaben Kredite. Knapp eine halbe Milliarde Euro hat das Startup in zwei Finanzierungsrunden eingesammelt, mindestens. Koçs wissendes Lächeln lässt vermuten, dass deutlich mehr Kapital im Spiel ist. Doch Eigenkapitalquote, Finanzierungskonditionen, Cash-burn-Rate behalten die Gründer für sich. Nur so viel: Derzeit gebe es keinen "immensen Geldbedarf".

Seit 2014 rollt das Unternehmen sein Geschäftsmodell in halb Europa aus, drei bis vier Jahre dauert es, bis ein Land schwarze Zahlen schreibt. Demnach müsste Auto1 spätestens 2018 Gewinn erwirtschaften. "Der deutsche Markt ist bereits profitabel", sagt Bertermann. Eine Expansion über Europa hinaus sei vorerst nicht geplant.

Zunächst gibt es auch in den bestehenden Märkten einiges zu verbessern. Das junge Unternehmen hat mit unzufriedenen Kunden zu kämpfen, das Internet ist voller Negativbewertungen: "Finger weg!", "Katastrophaler Laden" oder "Nie wieder" sind noch die harmloseren Kommentare.

Intransparenter Markt

Hauptkritikpunkt: Der am Ende gezahlte Preis ist oft viel niedriger als das erste Angebot. "Wenn die Erfahrung der Kunden nicht so rosig ist wie das Kundenversprechen, ist die Frage, wie nachhaltig das Geschäftsmodell ist", sagt Google-Manager Justus. Andererseits lebe der Gebrauchtwagenmarkt von einer gewissen Intransparenz, meint Bain-Experte Stricker. "Wer einen Informationsvorsprung über den Zeitwert der Autos hat, kann gute Profite machen." Zudem sind Autobesitzer selten zufrieden mit dem Preis, egal an wen sie verkaufen.

Koç kann die Anfeindungen nur bedingt nachvollziehen. "Wir handeln 450.000 Fahrzeuge im Jahr, die gemessene Kundenzufriedenheit liegt bei 70 bis 80 Prozent. Solche Werte erreicht man nur mit einem seriösen Angebot." Den Vorwurf der Bauernfängerei weist er von sich. "Sicher gibt es Kunden, die mehr erwartet hätten, aber die wissen oft nicht, dass ein Auto in drei Jahren 50 Prozent an Wert verliert und die Preise auf Mobile.de keine Marktpreise sind."

Praxischeck in Hamburg: Unser silbergraues Testobjekt ist 13 Jahre alt und hat schon ein paar Kratzer. 7153 Euro stellt WKDA online für die Mercedes-B-Klasse in Aussicht. Nach einer halbstündigen Inspektion bleiben davon 4175 Euro übrig - ein Preisrutsch von mehr als 40 Prozent. Begründung: keine. Das System ist unbestechlich, auch der Angestellte kann die Abweichung nicht erklären.

Einem Insider zufolge kommen die hohen Preisdifferenzen zustande, weil für die Berechnung des Erstangebots nur theoretische Restwerte herangezogen werden. "Wir brauchen noch zwei bis drei Jahre, bis wir genügend eigene Preise in der Datenbank haben, um exaktere Prognosen zu machen", sagt er.

Lesen Sie auch: Auto1 und noch viel mehr - wo Masayoshi Son noch investiert

10 Prozent Marktanteil in der zersplitterten Branche strebt Auto1 langfristig an. Allein in Deutschland würde dies einen Umsatz von gut acht Milliarden Euro bedeuten, fünfmal so viel wie 2016. Selbst bei einer Marge im niedrigen einstelligen Bereich, wie sie im Gebrauchtwagenhandel üblich ist, bliebe dann ein dreistelliger Millionengewinn hängen. Da der Zwischenhandel entfällt, sei das Potenzial indes "höher als bei einem reinen Vermittler", sagt Koç.

Auch ein Verkauf an private Endkunden sei denkbar, ein Test mit rund 300 Fahrzeugen läuft gerade in Berlin. "Wenn das Konzept ein Erfolg wird, würden wir das bundesweit ausrollen", so Bertermann. Ein Gang an die Börse steht jedoch nicht zur Debatte. "Welchen Vorteil hätten wir davon?"

An Kapital scheint es tatsächlich nicht zu mangeln, weder beruflich noch privat. Die beiden Gründer haben jüngst mit eigenem Geld einen Wagnisfinanzierer ins Leben gerufen und fördern kleinere Start-ups. Schon der Name klingt, als hätten sie noch einiges vor: Warpspeed.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.