Samstag, 21. September 2019

Milliardenbewertung für Gebrauchtwagenportal "Und dann kam Oma"

 Von null auf 2,9 Milliarden: Hakan Koç (l.) und Christian Bertermann steuern eines der wertvollsten Start-ups weltweit
Kai Müller für manager magazin
Von null auf 2,9 Milliarden: Hakan Koç (l.) und Christian Bertermann steuern eines der wertvollsten Start-ups weltweit

2. Teil: Immenser Kapitalbedarf

Jede Gründerstory braucht einen Mythos. Bei Auto1 ist es der Mercedes 190D von Bertermanns Oma. 2012 wollte die alte Dame den Wagen loswerden, der Enkel versprach, sich zu kümmern. "Was dann kam, war nicht die beste Kundenerfahrung", sagt er. Kein Händler interessierte sich für die alte Möhre, keiner nannte einen konkreten Preis. "Da dachten wir uns, möglicherweise kann man das besser machen."

 Venture dominiert: Eigenstruktur von Auto1
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Venture dominiert: Eigenstruktur von Auto1

Es war mehr als eine Ahnung. Beide kennen die Berliner Start-up-Szene, haben beste Kontakte, wissen, wie gute Onlinegeschäftsmodelle funktionieren. Bertermann hatte beim Gutscheindienst Groupon gearbeitet, Koç als Produktchef beim Onlineeinrichtungshaus Home24. Beide hatten ihre Jobs gekündigt, um etwas Neues aufzubauen, allein die zündende Idee fehlte noch. Sie hatten eine App angedacht.

"Dann kam Oma", erzählt Bertermann.

Seine Website programmierte das Duo selbst, professionell und einfach zugleich sollte sie sein. "Der Kunde muss immer wissen, wie es weitergeht", sagt Bertermann. So läuft es bis heute: Gleich in der ersten Mail bekommt der Autobesitzer eine Preisschätzung, basierend auf Restwertberechnungen von Datendienstleistern. Beißt er an, wird das Auto inspiziert und bewertet. Für jede Schramme, jede Delle gibt es Abzüge.

"Die ersten Fahrzeuge haben wir auf einem Parkstreifen begutachtet, erinnert sich Koç. Heute passiert das in schmucklosen Hallen in Gewerbegebieten. Dort prüfen Mitarbeiter die Autos nach einem festen Schema, anschließend spuckt der Rechner den Preis aus. Nachverhandeln ist nicht - dafür ist das Geld 24 Stunden später auf dem Konto. Garantiert.

"Standardisierung erzeugt Vertrauen"

"Die Standardisierung erzeugt ein Vertrauen in das System, dass man einen fairen Preis bekommt", sagt Klaus Stricker, Autoexperte bei Bain & Company. "Viele Kunden wollen auch gar nicht handeln, für sie ist die Geschwindigkeit der Transaktion ein Wert an sich." Autoverkauf als Convenience-Produkt.

Die Kehrseite: Das Ankaufen der Autos löst einen immensen Kapitalbedarf aus. Dafür erhält Auto1 einen einzigartigen Überblick über die Fahrzeugwerte in ganz Europa - und kann entsprechend genau kalkulieren. "25 Prozent unserer Transaktionen sind Null-Risiko-Transaktionen", sagt Bertermann. Heißt: Bei jedem vierten Auto steht der neue Besitzer schon fest, wenn der alte den Vertrag unterschreibt. "Wir können den Cashflow für jeden Wagen komplett nachvollziehen."

Für viele Autohäuser lohnt sich die Kooperation: Die zeitraubende Schnäppchensuche entfällt, Überführungskosten entstehen keine. "Früher sind die Händler mit roten Nummernschildern durch ganz Deutschland gereist, nur um ein Auto abzuholen", sagt Koç. "Wir sehen Autohäuser nicht als Gegner, sondern als Partner. Oft sucht ein Kunde ein Modell, das der Händler gerade nicht hat. Unsere Algorithmen finden das passende Auto und bringen Angebot und Nachfrage zusammen. Wie ein Clearing-House."

Zahlreiche Risikokapitalgeber haben die Gründer überzeugt, darunter DN Capital und der Facebook-Investor DST Global. J. P. Morgan, Goldman Sachs und BNP Paribas gaben Kredite. Knapp eine halbe Milliarde Euro hat das Startup in zwei Finanzierungsrunden eingesammelt, mindestens. Koçs wissendes Lächeln lässt vermuten, dass deutlich mehr Kapital im Spiel ist. Doch Eigenkapitalquote, Finanzierungskonditionen, Cash-burn-Rate behalten die Gründer für sich. Nur so viel: Derzeit gebe es keinen "immensen Geldbedarf".

Seit 2014 rollt das Unternehmen sein Geschäftsmodell in halb Europa aus, drei bis vier Jahre dauert es, bis ein Land schwarze Zahlen schreibt. Demnach müsste Auto1 spätestens 2018 Gewinn erwirtschaften. "Der deutsche Markt ist bereits profitabel", sagt Bertermann. Eine Expansion über Europa hinaus sei vorerst nicht geplant.

Zunächst gibt es auch in den bestehenden Märkten einiges zu verbessern. Das junge Unternehmen hat mit unzufriedenen Kunden zu kämpfen, das Internet ist voller Negativbewertungen: "Finger weg!", "Katastrophaler Laden" oder "Nie wieder" sind noch die harmloseren Kommentare.

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