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Tech-Riesen machen Gründer reich: 10 Milliarden Dollar in einem Jahr? Kein Problem!

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KGV 1000 - und 30 Milliarden Dollar für Jeff Bezos Amazons absurder Aktienwert

Die Aktie von Amazon wird mit dem Tausendfachen der aktuellen Gewinne bewertet. Alte Bewertungsmaßstäbe spielen an der Wall Street keine Rolle mehr - zur Freude von Jeff Bezos.

Ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 1000: Die Aktie des Online-Händlers Amazon  , die gestern ein Rekordhoch von 696 Dollar erreichte, wird mit dem Tausendfachen der aktuellen Gewinne bewertet. Das heißt, das Unternehmen müsste die nächsten 1000 Jahre die in diesem Jahr ausgewiesenen Gewinne einzahlen, um seine Börsenbewertung von rund 310 Milliarden Dollar zu "verdienen".

Zum Vergleich: Die im deutschen Leitindex Dax  nach Kurs-Gewinn-Verhältnis teuerste Aktie, der Kosmetikhersteller Beiersdorf  , kommt auf ein KGV von rund 30. Die Autohersteller Daimler , VW und BMW  weisen ein KGV von rund 10 auf - nach diesem Maßstab wäre Amazon also 100mal so teuer wie Daimler, VW oder BMW.

Ein Vermieter, der für seine Wohnung 1000 Euro Miete im Monat erlöst, müsste diese Wohnung für 12 Millionen Euro auf dem Immobilienmarkt anbieten, um eine mit Amazon vergleichbare Bewertung zu erzielen.

Diese Vergleiche zeigen, dass herkömmliche Bewertungsmaßstäbe wie das KGV an der Börse nicht mehr greifen. Das war auch schon in den Crash-Jahren 2001 und 2008 so. Dass bei Amazon (und bei vielen anderen US-Techriesen) aktuelle Gewinne keine Rolle mehr spielen und die Aktien scheinbar jede Bodenhaftung verloren haben, hat mit drei Faktoren zu tun.

Window-Dressing und Herdentrieb: Kaufen, was groß und teuer ist

Zum Jahresende nehmen viele Fondsmanager noch rasch diejenigen Aktien ins Depot, die in den vergangenen Monaten besonders gut gelaufen sind. Wer will sich beim Ausweis der Jahresbilanz schon sagen lassen, er habe bei der Aktien-Auswahl einige besonders erfolgreiche Werte übersehen?

Diese Käufe fürs Schaufenster (Window-Dressing) sind zwar riskant - die Aktien werden schließlich teuer eingekauft - die Strategie kann kurzfristig dennoch aufgehen, wenn der Herdentrieb an der Börse noch weitere Anleger in die vermeintlichen Top-Aktien drängt.

Dies erklärt, warum Aktien wie Amazon  (plus 125 Prozent seit Jahresbeginn), Netflix (plus 144 Prozent), Google  (plus 50 Prozent) und Facebook  (plus 40 Prozent) auch in der letzten Woche des Börsenjahres zu den Gewinnern an der Wall Street zählen. Dabeisein ist alles - die schwindelerregenden Bewertungen der Börsen-Lieblinge rücken dabei in den Hintergrund.

Prinzip Platzhirsch - Marktmacht zählt mehr als Gewinn

Marktmacht ist alles: Kein Unternehmenschef hat dieses Credo in den vergangenen Jahren so konsequent umgesetzt wie Amazon-Chef Jeff Bezos. Laufende Gewinne spielten für ihn keine Rolle, er investierte lieber in den Ausbau der Geschäfte und die Stärkung der Marktposition.

So bekamen zum Beispiel auch in Deutschland Nutzer von Amazon Prime, die sich ihre Online-Einkäufe rascher und ohne Portokosten zuschicken lassen, zunächst kostenfrei den Streaming-Dienst Amazon Instant Video dazu - erst nach Ablauf einer Schamfrist wurden dann die Kosten für das Prime-Video-Paket angehoben. Das Prinzip: "Erst den Alltag der Nutzer durchdringen, dann behutsam die Kosten anheben" scheint bei Amazon zu funktionieren.

Zudem sind Investoren überzeugt, dass Amazon  sein Platzhirsch-Prinzip (erst plattmachen, dann nach eigenen Regeln neu aufbauen) nicht nur auf die Buchbranche, sondern auch auf weitere Branchen mit Erfolg anwenden kann. Amazon hat sich nicht nur zu einem riesigen Marktplatz für gebrauchte Artikel entwickelt, sondern nimmt inzwischen mit Lebensmittel-Lieferungen auch den Food-Markt in Angriff. Beim Verkauf der wichtigsten Ware des digitalen Zeitalters ist Amazon ebenfalls vorne mit dabei: Die Tochter Amazon Web Services (AWS) bietet Unternehmen Speicherplatz und Cloud-Services an - und wächst rasant, mit mehr als 50 Prozent pro Quartal.

Wenn Jeff Bezos an der Gewinnschraube dreht

Dass Investoren die Amazon-Aktie mit einem absurd hohen KGV von 1000 bewerten, hat einen recht einfachen Grund: Sie trauen Amazon-Chef Jeff Bezos zu, die Gewinne in naher Zukunft deutlich in die Höhe schrauben zu können. An der Börse wird daher zwischen dem aktuellen KGV - dem Verhältnis von Kurs und aktuell ausgewiesenen Gewinnen - und dem erwarteten KGV - dem Verhältnis von Kurs und den in Zukunft erwarteten Gewinnen unterschieden.

Dieser zweite Wert ist für Amazon-Anleger der entscheidende: Sie wetten darauf, dass die Gewinne bei Amazon explodieren werden, sobald der Platzhirsch seinen Hunger nach Marktmacht erst einmal gestillt hat. Dies gilt nicht nur für den konventionellen Online-Handel, sondern auch für die Web-Services der Amazon-Tochter AWS.

Jeff Bezos wird also eine Menge Spielraum zugetraut, um die künftigen Profitmargen kräftig nach oben zu schrauben. Verzehnfacht der Online-Riese also seinen aktuell ausgewiesenen Gewinn, schrumpft das KGV von dem derzeit absurd hohen Tausender-Wert auf "nur" noch 100.

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Tech-Riesen machen Gründer reich: 10 Milliarden Dollar in einem Jahr? Kein Problem!

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In der vom billigen Geld getriebenen Börsenwelt gilt ein erwartetes KGV von "nur" noch 100 im Fall von Amazon fast schon als günstig - und es gibt auch schon die ersten selbsternannten Börsenauguren, die für die Amazon-Aktie ein Kursziel von 1000 Dollar ausrufen. Ist halt eine schöne runde Zahl. Die Fallhöhe des Börsen-Überfliegers wird damit immer größer - einstige Börsenstars wie Apple  oder Twitter werden das Börsenjahr 2015 mit einem Verlust abschließen.

Amazon-Chef Bezos kann diesem Treiben jedoch gelassen zusehen. Sein Vermögen ist in diesem Jahr um rund 30 Milliarden US-Dollar gewachsen - damit liegt er an der Spitze derjenigen Milliardäre, die in diesem Jahr 10 Milliarden Dollar und mehr kassiert haben.