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Schultes Gegenspieler: Das sind die Köpfe im Wölbern-Skandal

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Heute Urteil im 147-Millionen-Euro-Prozess Alles, was Sie über den Fall Schulte und Wölbern Invest wissen müssen

Heute ist es soweit: Im Mammut-Strafverfahren gegen den Medizinprofessor und Finanzunternehmer Heinrich Maria Schulte (61) vor dem Landgericht Hamburg wird nach etwa 50 Verhandlungstagen das Urteil erwartet.

Damit findet einer der größten Anlageskandale hierzulande seinen vorläufigen Höhepunkt. Dem früheren Chef des Fondshauses Wölbern Invest, der sich seit 19 Monaten in Untersuchungshaft befindet, wird gewerbsmäßige Untreue mit einem Volumen von rund 147 Millionen Euro vorgeworfen. Betroffen sind etwa 30.000 Anleger aus 30 geschlossenen Fonds.

Unmittelbar vor dem zumindest vorläufigen Ende dieses gewaltigen Wirtschaftsstrafverfahrens beantwortet manager magazin die wichtigsten Fragen zum Thema Wölbern/Professor Schulte.

Die Prognose - welches Urteil werden die Richter fällen?

Wer den Prozess verfolgt hat, dürfte überrascht sein, wenn Schulte nicht zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt würde. Staatsanwalt Heyner Heyen hat am vorvergangenen Verhandlungstag eine Gesamtstrafe von zwölf Jahren beantragt. Die Kammer unter Vorsitz von Richter Peter Rühle hat im Prozessverlauf wiederholt zu erkennen gegeben, dass sie mit der Staatsanwaltschaft weitgehend einer Meinung ist.

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Ein Freispruch, wie ihn Schultes Verteidiger Wolf Römmig, Arne Timmermann und Thomas Hauswaldt fordern, erscheint dagegen unwahrscheinlich. Selbst der Angeklagte und seine Anwälte gehen kaum davon aus, wie am vergangenen Verhandlungstag im Rahmen der Plädoyers sowie des letzten Wortes von Seiten Schultes deutlich wurde.

Die Vorwürfe - was sagt der Staatsanwalt?

Staatsanwalt Heyner Heyen stellt die Ereignisse aus seiner Sicht so dar: Der bis dahin unbescholtene Arzt, Medizinprofessor und Finanzunternehmer Heinrich Maria Schulte hat zwischen August 2011 und September 2013 mit 327 Einzelüberweisungen insgesamt mehr als 147 Millionen Euro unrechtmäßig aus geschlossenen Immobilienfonds des Emissionshauses Wölbern Invest entnommen, dessen Inhaber und Chef er in dem Zeitraum war. Abzüglich erfolgter Rückzahlungen bleiben offene Posten in Höhe von etwa 115 Millionen Euro, so der Staatsanwalt.

Der Fall Schulte im Schnellcheck

Das Geld leitete Schulte über die Tochtergesellschaft Wölbern Invest B.V. in Holland verschiedenen Konten zu. Einige Millionen wurden Heyen zufolge beispielsweise verwendet, um Anzahlungen für neue geschlossene Fonds zu leisten. Mindestens 50 Millionen Euro seien zudem im privaten Bereich Schultes gelandet, so der Staatsanwalt.

Das Geld soll zur Finanzierung von Schultes Unternehmungen im Medizinbereich wie der Firmengruppe Medivision sowie der Forschung an einem Blasenkrebsmedikament gedient haben.

Einige Millionen aus den Fonds wurden offenbar auch verwendet, um eine Zwangsvollstreckung über Wohnimmobilien Schultes auf Sylt und in Hamburg zu verhindern, die das Bankhaus Wölbern aufgrund einer offenen Forderung betrieb. Gegenüber manager magazin online hatte der seinerzeitige Wölbern-Chef dies explizit dementiert.

Ebenso finanzierte Schulte laut Staatsanwaltschaft seinen anspruchsvollen Lebensstil mit Geldern aus den Fonds,inklusive Kunstsammlung und Nutzung von Segelyacht und Privatflugzeug.

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Weil der Angeklagte von Beginn an mit direktem Vorsatz gehandelt habe, so der Staatsanwalt, sei der Tatbestand der gewerbsmäßigen Untreue erfüllt.

Die Details - wie soll Schulte laut Anklage vorgegangen sein?

Schulte erwarb das Bankhaus Wölbern im Jahr 2006. Im Zuge der Finanz- und Wirtschaftskrise geriet das inzwischen abgespaltene Fondshaus Wölbern Invest in den Folgejahren in Schieflage. So brauchte Schulte Geld - und fand es laut Staatsanwaltschaft in den Liquiditätsreserven der geschlossenen Wölbern-Fonds.

Die rechtlichen Grundlagen und Verträge, die Schulte zufolge den Geldentnahmen zugrunde lagen, dienten nach Ansicht der Staatsanwaltschaft lediglich der Bemäntelung. Nach und nach hatte sich Schulte persönlich in die entscheidenden Positionen im Wölbern-Management und in den Fonds gesetzt, sodass er Entscheidungen nach Belieben treffen und durchsetzen konnte - und Gelder ungehindert überweisen.

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Im Rahmen einer "Testphase" für ein sogenanntes Liquiditäts-Managementsystem (LMS) und ohne Wissen der Anleger entzog der seinerzeitige Wölbern-Chef den Fonds allein von August 2011 bis zum Jahreswechsel 2011/2012 bereits etwa 60 Millionen Euro, so die Staatsanwaltschaft. Eine merkwürdige Zirkelbuchung, mit der laut Staatsanwaltschaft Anfang 2012 die Rückzahlung dieser 60 Millionen Euro an die Fonds vorgetäuscht werden sollte, wurde vor Gericht mehrfach diskutiert.

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100 Kisten à sechs Ordner: Bilder von der Razzia bei Wölbern Invest

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Nachdem Anleger das LMS dann mit zahlreichen Gerichtsverfahren zu Fall gebracht hatten, machte Schulte mit Anleihen weiter, versehen mit einem angeblichen Sicherheitenpool. Doch auch daran hat Staatsanwalt Heyen etwas auszusetzen. Kein Cent sei von der Wölbern Invest B.V. gemäß den Anleihebedingungen angelegt worden. Ohnehin bestünde der Verdacht, dass bestimmte Vertragsunterlagen erst nachträglich erstellt worden seien.

Der Sicherheitenpool schließlich, demzufolge angeblich dreistellige Millionenbeträge aus der Vermarktung von Schultes Blasenkrebsmedikament in Aussicht standen, sei nicht werthaltig.

Schultes Sicht - welche Argumente haben die Verteidiger?

Professor Schulte weist den Vorwurf der gewerbsmäßigen Untreue zurück. Die mit Kontounterlagen dokumentierten Überweisungen aus den Fonds hat er im Laufe des Gerichtsverfahrens zwar nicht bestritten. Wohl aber die Absicht, sich auf diese Weise persönlich bereichern zu wollen, noch dazu mit Vorsatz.

Laut Schulte gab es für alle Zahlungen belastbare Rechtsgrundlagen. Bei Geldern, die in seinen Privatbereich flossen, habe es sich um Rückzahlungen früher erteilter Kredite gehandelt, so die Verteidigung. Zudem verweist Schulte auf seine angeblich mangelnde Fachkenntnis in wirtschaftlichen Fragen. Er habe sich daher stets auf das Wort seiner juristischen Berater, namentlich vor allem der Anwälte von der Kanzlei Bird & Bird, verlassen.

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Schultes Gegenspieler: Das sind die Köpfe im Wölbern-Skandal

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Wäre nicht die Staatsmacht mit ihrer Razzia und der Verhaftung im September 2013 dazwischen gekommen, so Schulte, dann wäre vermutlich kein Schaden entstanden. Schließlich habe er aus der Forschung an einem Mittel gegen Blasenkrebs, die er in Finnland betrieb, Aussicht auf einen umfangreichen Erlös gehabt. Zudem sei der Portfolioverkauf aller Fondsimmobilien geplant gewesen, der die Probleme ebenfalls gelöst hätte, so Schulte.

Besondere Betonung legt die Verteidigung zudem auf ihre Kritik an der Prozessführung. Das Verfahren sei von Beginn an unfair verlaufen, so die Schulte-Seite. Es habe nicht ausreichend Zeit gegeben, sich in die Massen an Prozessdaten und Akten einzuarbeiten. Ohnehin fehle der Kammer der nötige wirtschaftliche Sachverstand. Fragwürdig sei auch die Tatsache, dass der vorsitzende Richter Peter Rühle der Sohn jenes Richters am Oberlandesgericht sei, der bereits im Vorfeld des Prozesses über eine Haftprüfung Schultes zu entscheiden hatte und eine sehr negative Prognose abgab.

Der Schaden - wie steht es um die betroffenen Fonds und ihre Anleger?

Vor Gericht wird über die rund 147 Millionen Euro verhandelt, die Ex-Wölbern-Chef Schulte rund 30 geschlossenen Immobilienfonds seines Hauses entnommen haben soll. Dabei handelt es sich um Beteiligungsgesellschaften die in Objekte in Deutschland, Holland, Österreich, Frankreich, Polen und England investiert haben.

Der Fall Schulte im Schnellcheck

Der tatsächliche Umfang der Geldentnahmen liegt aber noch höher, denn mehrere betroffene Wölbern-Fonds sind in der Anklageschrift gar nicht aufgelistet. So wurden nach Informationen des manager magazins beispielsweise weitere rund 20 Millionen Euro aus Private-Equity-Fonds des Hauses Wölbern Invest entnommen (siehe Kasten).

Damit dürfte auch die Zahl der betroffenen Anleger höher sein als 30.000. Auf 30.000 lassen sich allein die Investoren der 30 Immobilienfonds schätzen.

Dass die Geldentnahmen die Fondsgesellschaften in Schwierigkeiten gebracht haben, versteht sich beinahe von selbst. Mit den Fonds Holland 52, 54, 55 und 56 befinden sich bereits vier in der Insolvenz. Bei den Fonds Holland 57 und 58 sind nach Angaben des gut informierten Anlegers Christoph Schmidt kaum noch Rückflüsse zu erwarten.

Für insgesamt 22 Fondsgesellschaften hat zudem das Emissionshaus Paribus die Verantwortung übernommen. "Soweit können wir sagen, haben wir die meisten Fonds stabilisiert", sagt Paribus Geschäftsführer Thomas Böcher dem manager magazin. "Die Finanzierungen, die gerade auslaufen, befinden sich in der Verlängerung und müssen noch unterschrieben werden, oder in laufenden Standstill-Verfahren."

Nach Angaben von Paribus gibt es in den kommenden Monaten bei insgesamt sechs Fonds Engpässe wegen auslaufender Finanzierungen. Bei dreien davon sollen die Kredite verlängert werden, bei den anderen drei Fonds werden wohl die Immobilien verkauft und die Gesellschaften liquidiert.

Drei Wölbern-Immobilienfonds stehen laut Paribus zudem vor dem Ende ihrer Mietverträge. Dabei gibt es für einen bereits einen Folgevertrag. Bei den anderen beiden sollen ebenfalls die Objekte verkauft werden.

Die große Unbekannte - was ist bis heute ungeklärt?

Eine zentrale Frage, die nach wie vor ungeklärt im Raum steht, ist die nach der Verantwortung von Schultes Beratern in der fraglichen Zeit. Zu nennen ist an der Stelle insbesondere die internationale Anwaltskanzlei Bird & Bird, deren Anwälte dem Ex-Wölbern-Chef eng zur Seite standen. Schulte hat im Prozess immer wieder darauf verwiesen, er habe sich auf die Anwälte verlassen.

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Hamburg, Hafencity: Wölbern und Bird & Bird saßen im gleichen Gebäude

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In den Prozessakten finden sich verschiedene Papiere aus der Feder von Bird & Bird, darunter Vertragsunterlagen und rechtliche Einschätzungen, in denen offensichtlich kaum Bedenken gegen Schultes Aktivitäten geäußert werden. Im Prozess traten zudem gleich zwei Juristen auf, die Schulte seinerzeit im Dienste von Bird & Bird beraten haben. Es handelt sich um die Herren Frank M. und Ole B.. Beide beriefen sich auf das Aussageverweigerungsrecht und schwiegen. Dazu hatten sie vermutlich einen guten Grund: Zumindest gegen B. ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Beihilfe (Anm. d. Red.: Das Verfahren gegen B. wurde inzwischen nach Paragraf 153a StPO eingestellt).

Zudem steht eine Zivilklage gegen Bird & Bird im Raum, die etwa 30 Immobilienfonds sowie der Insolvenzverwalter der Wölbern-Gruppe eingereicht haben. Darin wird von der Kanzlei Schadensersatz in Höhe von mindestens 130 Millionen Euro gefordert. Die Kanzlei teilte mit, sie sehe keine Grundlage für die Klage und werde sich zur Wehr setzen. Darüber hinaus wollten sich weder Bird & Bird noch die Anwälte bisher zu dem Sachverhalt äußern.

Der Ausblick - was kommt noch nach dem Urteil?

Sollte es tatsächlich zur erwarteten Freiheitsstrafe für Schulte kommen, so ist der Fall damit vor Gericht wohl noch nicht erledigt. Vielmehr wird er vermutlich vor dem Bundesgerichtshof landen, wie Schultes Verteidiger Arne Timmermann vor wenigen Tagen gegenüber dem manager magazin bereits angekündigt hat.

Zudem gibt es einige Schadensersatzklagen, über die ebenfalls noch verhandelt werden muss. Einige Wölbern-Fonds haben gemeinsam den ehemaligen Wölbern-Geschäftsführer Patrick Hemmingson verklagt. Dieser war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Ein erster Verhandlungstermin wurde erst kürzlich abgesagt.

Erfahren Sie zuerst, welches Urteil gefällt wird:

Einige Zeit dauern wird es wohl noch, bis die Mega-Klage der Immobilienfonds gegen die Kanzlei Bird & Bird zur Verhandlung kommt. Die Vorwürfe sind so umfangreich, dass die Vorbereitung einige Zeit in Anspruch nehmen dürfte. Das Warten dürfte sich aber lohnen - es könnte ein spannendes Verfahren werden.


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