Dienstag, 15. Oktober 2019

Heute Urteil im 147-Millionen-Euro-Prozess Alles, was Sie über den Fall Schulte und Wölbern Invest wissen müssen

Schultes Gegenspieler: Das sind die Köpfe im Wölbern-Skandal
DPA

6. Teil: Der Schaden - wie steht es um die betroffenen Fonds und ihre Anleger?

Vor Gericht wird über die rund 147 Millionen Euro verhandelt, die Ex-Wölbern-Chef Schulte rund 30 geschlossenen Immobilienfonds seines Hauses entnommen haben soll. Dabei handelt es sich um Beteiligungsgesellschaften die in Objekte in Deutschland, Holland, Österreich, Frankreich, Polen und England investiert haben.

Der Fall Schulte im Schnellcheck
Der Angeklagte
Heinrich Maria Schulte (61) ist von Haus aus Arzt mit dem Spezialgebiet Hormon- und Stoffwechselerkrankungen sowie Professor der Medizin. Er war seit den neunziger Jahren am Aufbau des Hamburger Medizinunternehmens Medivision beteiligt (auch bekannt unter dem Namen "Endokrinologikum"), das mit etwa 1000 Mitarbeitern und 180 Ärzten bundesweit ein Netzwerk medizinischer Einrichtungen für Hormon- und Stoffwechselerkrankungen betreibt. Zudem hat Schulte erfolgreich im Bereich Biotech investiert. Gemeinsam mit anderen baute er beispielsweise die Biotechfirma Evotec auf, die heute im TecDax notiert ist.

2006 kaufte Schulte das auf Immobilienfonds spezialisierte Bankhaus Wölbern, von dem er 2007 den Emissionshausbereich Wölbern Invest abspaltete.
Der Vorwurf
Die Staatsanwaltschaft Hamburg hat Schulte, den ehemaligen Chef des Emissionshauses Wölbern Invest, wegen des Vorwurfs der gewerbsmäßigen Untreue angeklagt. In insgesamt 327 Einzelfällen soll Schulte zwischen August 2011 und September 2013 insgesamt rund 147 Millionen Euro aus geschlossenen Immobilienfonds von Wölbern Invest zweckentfremdet haben. Den Vorwurf hat er bereits am zweiten Verhandlungstag des Prozesses in einem generellen Statement zurückgewiesen.
Das Geld
Laut Anklage hat Schulte die insgesamt rund 147 Millionen Euro nach und nach von Konten der Fondgesellschaften auf zwei Konten der Wölbern Invest B.V. in den Niederlanden transferiert. Von dort sollen unter anderem 84,6 Millionen Euro auf ein Konto der Wölbern Group KG, 18,2 Millionen Euro auf ein Konto der Wölbern Invest KG sowie weitere 750.000 Euro auf ein Privatkonto Schultes geleitet worden sein.

Von dem Konto der Wölbern Group KG schließlich sollen laut Staatsanwaltschaft unter anderem 40 Millionen Euro ebenfalls auf ein Privatkonto des Fondshauschefs geflossen sein. Darüber hinaus soll Schulte von diesem Wölbern-Group-Konto "privat veranlasste Verfügungen" in Höhe von etwa zehn Millionen Euro vorgenommen haben. Sprich: Nach Ansicht der Staatsanwälte hat der Mediziner wohl in dieser Höhe private Rechnungen mit Fondsgeldern bezahlt.
Die Fonds
Die etwa 147 Millionen Euro, die Schulte zur Last gelegt werden, sollen laut Anklage im Einzelnen aus folgenden Fonds von Wölbern Invest stammen:

Holland 52: 11,9 Millionen Euro
Holland 54: 3,59 Millionen Euro
Holland 55: 2 Millionen Euro
Holland 56: 6,3 Millionen Euro
Holland 57: 3,35 Millionen Euro
Holland 58: 2,2 Millionen Euro
Holland 59: 3,57 Millionen Euro
Holland 61: 3,93 Millionen Euro
Holland 62: 4,15 Millionen Euro
Holland 63: 1,46 Millionen Euro
Holland 64: 4,2 Millionen Euro
Holland 65: 7,35 Millionen Euro
Holland 66: 1,75 Millionen Euro
Holland 67: 2,38 Millionen Euro
Holland 68: 2,99 Millionen Euro
Holland 69: 6,8 Millionen Euro
Holland 70: 2,73 Millionen Euro
Deutschland 01: 6 Millionen Euro
Deutschland 03: 0,85 Millionen Euro
Deutschland 04: 1,07 Millionen Euro
Deutschland 05: 0,74 Millionen Euro
Österreich 01: 6,3 Millionen Euro
Österreich 02: 0,83 Millionen Euro
Österreich 03: 5,2 Millionen Euro
Österreich 04: 11,2 Millionen Euro
Frankreich 01: 7,13 Millionen Euro
Frankreich 03: 0,49 Millionen Euro
Frankreich 04: 20,47 Millionen Euro
England 01: 0,13 Millionen Euro
Polen 01: 10,3 Millionen Euro

Darüber hinaus fehlen nach Informationen von manager magazin online Gelder in den Kassen weiterer Fonds, die in der Anklage der Staatsanwaltschaft nicht aufgeführt sind. Namentlich sind das (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):

Private Equity Futur 03 Environment: 5,8 Millionen Euro
Private Equity Fonds 01: 4,65 Millionen Euro
Private Equity Fonds 02: 750.000 Euro
Private Equity Fonds 03: 8,9 Millionen Euro
Real Estate Europa 01 Value Portfolio: 6,35 Millionen Euro

Der tatsächliche Umfang der Geldentnahmen liegt aber noch höher, denn mehrere betroffene Wölbern-Fonds sind in der Anklageschrift gar nicht aufgelistet. So wurden nach Informationen des manager magazins beispielsweise weitere rund 20 Millionen Euro aus Private-Equity-Fonds des Hauses Wölbern Invest entnommen (siehe Kasten).

Damit dürfte auch die Zahl der betroffenen Anleger höher sein als 30.000. Auf 30.000 lassen sich allein die Investoren der 30 Immobilienfonds schätzen.

Dass die Geldentnahmen die Fondsgesellschaften in Schwierigkeiten gebracht haben, versteht sich beinahe von selbst. Mit den Fonds Holland 52, 54, 55 und 56 befinden sich bereits vier in der Insolvenz. Bei den Fonds Holland 57 und 58 sind nach Angaben des gut informierten Anlegers Christoph Schmidt kaum noch Rückflüsse zu erwarten.

Für insgesamt 22 Fondsgesellschaften hat zudem das Emissionshaus Paribus die Verantwortung übernommen. "Soweit können wir sagen, haben wir die meisten Fonds stabilisiert", sagt Paribus Geschäftsführer Thomas Böcher dem manager magazin. "Die Finanzierungen, die gerade auslaufen, befinden sich in der Verlängerung und müssen noch unterschrieben werden, oder in laufenden Standstill-Verfahren."

Nach Angaben von Paribus gibt es in den kommenden Monaten bei insgesamt sechs Fonds Engpässe wegen auslaufender Finanzierungen. Bei dreien davon sollen die Kredite verlängert werden, bei den anderen drei Fonds werden wohl die Immobilien verkauft und die Gesellschaften liquidiert.

Drei Wölbern-Immobilienfonds stehen laut Paribus zudem vor dem Ende ihrer Mietverträge. Dabei gibt es für einen bereits einen Folgevertrag. Bei den anderen beiden sollen ebenfalls die Objekte verkauft werden.

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