Samstag, 19. Oktober 2019

Heute Urteil im 147-Millionen-Euro-Prozess Alles, was Sie über den Fall Schulte und Wölbern Invest wissen müssen

Schultes Gegenspieler: Das sind die Köpfe im Wölbern-Skandal
DPA

3. Teil: Die Vorwürfe - was sagt der Staatsanwalt?

Staatsanwalt Heyner Heyen stellt die Ereignisse aus seiner Sicht so dar: Der bis dahin unbescholtene Arzt, Medizinprofessor und Finanzunternehmer Heinrich Maria Schulte hat zwischen August 2011 und September 2013 mit 327 Einzelüberweisungen insgesamt mehr als 147 Millionen Euro unrechtmäßig aus geschlossenen Immobilienfonds des Emissionshauses Wölbern Invest entnommen, dessen Inhaber und Chef er in dem Zeitraum war. Abzüglich erfolgter Rückzahlungen bleiben offene Posten in Höhe von etwa 115 Millionen Euro, so der Staatsanwalt.

Der Fall Schulte im Schnellcheck
Der Angeklagte
Heinrich Maria Schulte (61) ist von Haus aus Arzt mit dem Spezialgebiet Hormon- und Stoffwechselerkrankungen sowie Professor der Medizin. Er war seit den neunziger Jahren am Aufbau des Hamburger Medizinunternehmens Medivision beteiligt (auch bekannt unter dem Namen "Endokrinologikum"), das mit etwa 1000 Mitarbeitern und 180 Ärzten bundesweit ein Netzwerk medizinischer Einrichtungen für Hormon- und Stoffwechselerkrankungen betreibt. Zudem hat Schulte erfolgreich im Bereich Biotech investiert. Gemeinsam mit anderen baute er beispielsweise die Biotechfirma Evotec auf, die heute im TecDax notiert ist.

2006 kaufte Schulte das auf Immobilienfonds spezialisierte Bankhaus Wölbern, von dem er 2007 den Emissionshausbereich Wölbern Invest abspaltete.
Der Vorwurf
Die Staatsanwaltschaft Hamburg hat Schulte, den ehemaligen Chef des Emissionshauses Wölbern Invest, wegen des Vorwurfs der gewerbsmäßigen Untreue angeklagt. In insgesamt 327 Einzelfällen soll Schulte zwischen August 2011 und September 2013 insgesamt rund 147 Millionen Euro aus geschlossenen Immobilienfonds von Wölbern Invest zweckentfremdet haben. Den Vorwurf hat er bereits am zweiten Verhandlungstag des Prozesses in einem generellen Statement zurückgewiesen.
Das Geld
Laut Anklage hat Schulte die insgesamt rund 147 Millionen Euro nach und nach von Konten der Fondgesellschaften auf zwei Konten der Wölbern Invest B.V. in den Niederlanden transferiert. Von dort sollen unter anderem 84,6 Millionen Euro auf ein Konto der Wölbern Group KG, 18,2 Millionen Euro auf ein Konto der Wölbern Invest KG sowie weitere 750.000 Euro auf ein Privatkonto Schultes geleitet worden sein.

Von dem Konto der Wölbern Group KG schließlich sollen laut Staatsanwaltschaft unter anderem 40 Millionen Euro ebenfalls auf ein Privatkonto des Fondshauschefs geflossen sein. Darüber hinaus soll Schulte von diesem Wölbern-Group-Konto "privat veranlasste Verfügungen" in Höhe von etwa zehn Millionen Euro vorgenommen haben. Sprich: Nach Ansicht der Staatsanwälte hat der Mediziner wohl in dieser Höhe private Rechnungen mit Fondsgeldern bezahlt.
Die Fonds
Die etwa 147 Millionen Euro, die Schulte zur Last gelegt werden, sollen laut Anklage im Einzelnen aus folgenden Fonds von Wölbern Invest stammen:

Holland 52: 11,9 Millionen Euro
Holland 54: 3,59 Millionen Euro
Holland 55: 2 Millionen Euro
Holland 56: 6,3 Millionen Euro
Holland 57: 3,35 Millionen Euro
Holland 58: 2,2 Millionen Euro
Holland 59: 3,57 Millionen Euro
Holland 61: 3,93 Millionen Euro
Holland 62: 4,15 Millionen Euro
Holland 63: 1,46 Millionen Euro
Holland 64: 4,2 Millionen Euro
Holland 65: 7,35 Millionen Euro
Holland 66: 1,75 Millionen Euro
Holland 67: 2,38 Millionen Euro
Holland 68: 2,99 Millionen Euro
Holland 69: 6,8 Millionen Euro
Holland 70: 2,73 Millionen Euro
Deutschland 01: 6 Millionen Euro
Deutschland 03: 0,85 Millionen Euro
Deutschland 04: 1,07 Millionen Euro
Deutschland 05: 0,74 Millionen Euro
Österreich 01: 6,3 Millionen Euro
Österreich 02: 0,83 Millionen Euro
Österreich 03: 5,2 Millionen Euro
Österreich 04: 11,2 Millionen Euro
Frankreich 01: 7,13 Millionen Euro
Frankreich 03: 0,49 Millionen Euro
Frankreich 04: 20,47 Millionen Euro
England 01: 0,13 Millionen Euro
Polen 01: 10,3 Millionen Euro

Darüber hinaus fehlen nach Informationen von manager magazin online Gelder in den Kassen weiterer Fonds, die in der Anklage der Staatsanwaltschaft nicht aufgeführt sind. Namentlich sind das (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):

Private Equity Futur 03 Environment: 5,8 Millionen Euro
Private Equity Fonds 01: 4,65 Millionen Euro
Private Equity Fonds 02: 750.000 Euro
Private Equity Fonds 03: 8,9 Millionen Euro
Real Estate Europa 01 Value Portfolio: 6,35 Millionen Euro

Das Geld leitete Schulte über die Tochtergesellschaft Wölbern Invest B.V. in Holland verschiedenen Konten zu. Einige Millionen wurden Heyen zufolge beispielsweise verwendet, um Anzahlungen für neue geschlossene Fonds zu leisten. Mindestens 50 Millionen Euro seien zudem im privaten Bereich Schultes gelandet, so der Staatsanwalt.

Das Geld soll zur Finanzierung von Schultes Unternehmungen im Medizinbereich wie der Firmengruppe Medivision sowie der Forschung an einem Blasenkrebsmedikament gedient haben.

Einige Millionen aus den Fonds wurden offenbar auch verwendet, um eine Zwangsvollstreckung über Wohnimmobilien Schultes auf Sylt und in Hamburg zu verhindern, die das Bankhaus Wölbern aufgrund einer offenen Forderung betrieb. Gegenüber manager magazin online hatte der seinerzeitige Wölbern-Chef dies explizit dementiert.

Ebenso finanzierte Schulte laut Staatsanwaltschaft seinen anspruchsvollen Lebensstil mit Geldern aus den Fonds,inklusive Kunstsammlung und Nutzung von Segelyacht und Privatflugzeug.

Weil der Angeklagte von Beginn an mit direktem Vorsatz gehandelt habe, so der Staatsanwalt, sei der Tatbestand der gewerbsmäßigen Untreue erfüllt.

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