Alibabas Pläne für die Zukunft des Einkaufens Die Zukunft des Konsums - was Alibaba in Deutschland plant

Alibaba: Der Chinesische Tech-Konzern will die Zukunft des Einkaufens gestalten

Alibaba: Der Chinesische Tech-Konzern will die Zukunft des Einkaufens gestalten

Foto: ddp/abaca press

Es ist noch früh auf der Messe "Kind und Jugend" in den Kölner Messehallen. Die Aussteller, Anbieter von Kinderwagen, Kinderzimmereinrichtungen und sonstigem Babybedarf legen noch einmal letzte Hand an, rücken zurecht und räumen die letzten Verpackungen weg, bevor Besucher und Einkäufer die Hallen strömen.

Auch Alibaba-Deutschland Chef Karl Wehner widmet sich den letzten Vorbereitungen. Und geht noch einmal schnell zu den Kollegen von Nestlé herüber, mit denen gleich noch eine "Zeremonie" geplant ist - der Alibaba-eigene TV-Sender wird darüber live für die Kunden nach China berichten.

Dass Handelsveteran Wehner, ein ehemaliger Amazon-Pionier, sich auf Babymessen herumtreibt, ist der hohen Nachfrage in China geschuldet. Babyprodukte aus Deutschland sind dort der Renner, erzählt er. Neben Kosmetik, Nahrungsmitteln und Haushaltsprodukten - und seit neuestem auch immer mehr Freizeit- und Sportartikeln.

Chinas wachsende Mittelschicht liebt Fissler und Floradix

Ob Fissler-Töpfe, Floradix-Eisenpräparate, deutsche Naturkosmetik oder Stan-Smith-Turnschuhe von Adidas - der chinesische Markt giert nach deutschen Produkten. Stehen diese doch für Qualität und Glaubwürdigkeit. Und die gewinnt in China, einem Markt, der von Produktfälschungen durchdrungen ist und in dem immer wieder Lebensmittelskandale für Furore sorgen, immer mehr an Bedeutung.

"Chinesische Kunden haben ein enormes Bedürfnis nach Sicherheit", erzählt Wehner im Gespräch mit manager-magazin.de. "Sie wollen wissen, wo ihre Produkte herkommen und wer sie wie herstellt." Im Durchschnitt surften sie zehn Minuten auf den Internetseiten ihnen unbekannter Hersteller, bevor sie etwas kauften. "Die schauen sich sogar die Bilder aus der Forschungs- und Entwicklungsabteilung an, um zu sehen, ob die Bilder echt und nicht gefaked sind."

Das Geschäft von Alibaba boomt. Rund eine halbe Milliarde Kunden  zählt Alibaba heute - bis Mai 2020 soll die Zahl nach dem Willen von Gründer Jack Ma auf zwei Milliarden steigen . In dem dann abgelaufenen Geschäftsjahr will Alibaba Waren im Wert von einer Billion Dollar über die Plattformen des Konzerns verkauft und 100 Millionen Jobs geschaffen haben. 

Was Alibaba in Deutschland will

Bis dahin ist es noch ein weiter Weg - auch wenn Alibaba in atemberaubendem Tempo wächst. Allein in dem im August abgelaufenen Geschäftsjahr legte der Umsatz um satte 61 Prozent auf rund 10,2 Milliarden Euro zu. Wegen der massiven Investitionen in Offline-Geschäfte, Logistik und Cloud-Geschäft stand allerdings "nur" ein Gewinn von umgerechnet 1,1 Milliarden Euro zu Buche - ein Minus von 41 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Im Gesamtjahr soll dann ein Umsatzplus von 45 bis 49 Prozent unter dem Strich stehen. Fast 1500 Euro gibt jeder Alibaba-Kunde , darunter viele Händler, pro Jahr rein rechnerisch mittlerweile aus - in durchschnittlich 123 Bestellungen.

Hierzulande warten viele, dass Alibaba endlich auch den deutschen Markt für den Absatz entdeckt - wie Amazon, Wish oder auch der chinesische Konkurrent J.D.com.

Doch bislang macht Alibaba keine Anstalten, den deutschen Markt wie im Sturm zu erobern. Zwar können Kunden auch hierzulande längst über Alibaba-Plattformen Waren bestellen. Der Umfang ist mit geschätzt 50.000 bis 100.000 Päckchen  aber noch vergleichsweise gering, wenn man bedenkt, dass Deutschland für Amazon hinter den USA der stärkste Markt ist. Und auch die Zahl der Mitarbeiter ist mit "ungefähr zwei Hand voll" wie Wehner es ausdrückt, bislang recht übersichtlich.

Warum Alibaba kein Händler ist

Gerüchten über eine bevorstehende Exportoffensive oder eines eigenen Logistikzentrums in Deutschland erteilt Wehner denn auch im Gespräch mit mm.de erst einmal eine klare Abfuhr.

"Die Nachfrage in China ist so groß, dass wir mit unseren Ressourcen natürlich auch haushalten müssen - und Prioritäten setzen, in welchen Märkten wir gehen."

Und da, so Wehner, spiele neben dem Anteil der Smartphone-Nutzer auch der bestehende Nutzungsgrad des Alibaba-Angebots eine Rolle. Messwerte, die Deutschland bei aller Kaufkraft nach dieser Logik nicht gerade zum ersten Expansions-Ziel machen würden. Und wohl auch weil Amazon hier mit einem E-Commerce-Anteil von mehr als 50 Prozent ein recht starker Wettbewerber wäre.

Lieber geht Alibaba da nach Russland, wo die Chinesen schon stark im Markt vertreten sind. Oder nach Südostasien, wo die Chinesen über den 2016 von Rocket Internet gekauften Onlinehändler Lazada schon eine gute Stellung im Markt haben.

Tatsächlich machen die klassische Handelsumsätze außerhalb Chinas bislang nur einen Bruchteil - zuletzt 6 Prozent - von Alibabas Kerngeschäft aus.

Schöner shoppen per Gesichtserkennung

Und auch Alibaba sieht sich selbst nicht als Händler, sondern als Tech-Konzern.  Neben dem klassischen Marktplatzgeschäft hat Alibaba, das anders als Amazon gar kein eigenes Inventar hat, sondern Händlern nur die technologische Handelsplattform bietet, in den vergangenen Jahren ein riesiges Ökosystem aufgebaut.

Wie Amazon betreiben die Chinesen ein Cloud-Geschäft, das zwar noch nicht profitabel ist, dafür aber in riesigen Schritten wächst . Weltweit haben sich die Chinesen hier hinter Amazon, Microsoft und Google-Mutter Alphabet - vorbei an IBM - bereits auf Platz vier der größten Public-Cloud-Anbieter  manövriert - mit Kunden wie Nestlé, Philips oder KPMG.

Und auch um den Handel herum, hat Alibaba ein riesiges Ökosystem errichtet - vom Bezahldienst Alipay, an dessen mit 150 Milliarden Dollar bewerteter Mutter Ant Financial Alibaba mit 33 Prozent beteiligt ist, über das Werbe- und Streaminggeschäft bis hin zu Logistik, dem Business mit Hardware, KI-Dienstleistungen und Chips und Internet-of-Things-Technologien. So will die Halbleitersparte des Konzerns im kommenden Jahr einen KI-Chip auf den Markt bringen, der in selbstfahrenden Autos und intelligenter Logistik eingesetzt werden soll.

Schon jetzt nutzt nach den Worten Wehners beispielsweise die Alibaba-Heimatstadt Hangzhou bereits intelligente Alibaba-Technologie, mit der sich Ampelsysteme so steuern lassen, dass Rettungsfahrzeuge schneller mit ihren Patienten schneller ins Krankenhaus kommen.

Ich weiß, was Du gestern gekauft hast

Und auch bei der Verschmelzung von Offline und Onlinekommerz - dem "New Retail",  wie Alibaba es nennt, wollen die Chinesen ganz weit vorne mitspielen. Dafür entwickelt der Konzern Technologien, die eine nahtlose Verbindung von on- und Offline-Erlebnissen ermöglichen soll: von Bildschirmen, die Kunden im Vorbeigehen erkennen und deren Geschlecht und Alter einschätzen über smarten Spiegel, die Kunden passende Artikel empfehlen bis hin zu Sensoren, die beim Anfassen der Ware auf benachbarten Displays passende Produktinformationen abrufen.

Warum Europa und Deutschland dennoch wichtig sind

Hier experimentieren die Chinesen fleißig - beispielsweise mit dem Schweizer Händler Intersport, in dessen im Mai eröffneten Pekinger "Tmall x Intersport Megastore" oder der eigenen smarten Supermarktkette Hema. 

Auch mit Bosch oder SAP arbeitet Alibaba zusammen. Entwickelt mit den Deutschen beispielsweise einen fahrerlosen Parkservice und arbeitet mit SAP im Cloudbereich zusammen. Und betreibt alleine in Deutschland zwei Datencenter.

Und auch für seinen Zahlungsabwickler Alipay, mit dem sich ebenso online und stationärer handel verbinden lassen - sucht Alibaba hierzulande - neben Pionieren wie Rossmann - stets neue Kunden.

Bei aller technischer Expertise braucht es dann aber doch Waren, für die einkaufsfreudigen chinesischen Mittelklassekunden ihr Geld ausgeben wollen. "Zeremonien" auf europäischen Baby- und Naturkosmetikmessen dürften Alibaba-Chef Karl Wehner daher wohl auch in Zukunft nicht erspart bleiben.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.