Anlageprofi Robert Halver erklärt Droht der Wall Street die Trumpsche Moralkeule?

Von Robert Halver
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Außen- und innenpolitisch ist Donald Trump kein Ausbund an Regierungsfähigkeit. Der Vertrauensverlust in seine Politik stört Amerika selbst aber deutlich weniger als zum Beispiel Deutschland. Warum sollte ansonsten Wall Street das US-Polit-Chaos mit Rekordständen belohnen? Aber wenn die Sehkraft wieder zunimmt, kommt dann die Erkenntnis, dass die Trumpsche Aktienhausse auf Sand gebaut ist? Stehen demnach Dow Jones , S&P 500  und Nasdaq  vor einem Kurseinbruch oder sogar vor einem Crash?

Mit der zweiten Reihe regiert man besser

Robert Halver

Robert Halver ist Leiter der Kapitalmarkt-analyse der Baader Bank AG und bekannt durch regelmäßige Medienauftritte und als Kolumnist. Mit Wertpapieranalyse beschäftigt er sich seit über 20 Jahren.

In puncto Regierung sollte man jedoch den Washingtoner Polit-Apparat nicht unterschätzen. Trumps Ministerriege und die vielen Stabsstellen sind so etwas wie die ersten Offiziere der USS America. Sie sind durchaus in der Lage, selbst einen Captain "Donald" Ahab vom Kurs der unberechenbaren Verfolgung von Moby Dick abzubringen.

Diese smart guys setzen auf ökonomische Vernunft. Sie wollen eine Unternehmenssteuersenkung und eine geringe pauschale Einmalsteuer auf nach Amerika zurückgeführte Auslandsgewinne von US-Konzernen.

Sicher kommt die Steuersenkung nicht über Nacht und für sie ist die Zustimmung der Demokraten im US-Senat erforderlich. Doch auch sie wollen nicht als Konjunktur-Verräter gelten. Konsens ist es nämlich, dass die USA ein wettbewerbsunfreundliches Hochsteuerland sind. Die Chancen für eine Steuerreform stehen nicht schlecht.

Digitalisierung findet in Amerika einen fruchtbaren Nährboden

Steuersenkungsbedingte Rückführungen von im Ausland viele Billionen schwer gehaltenem Kapital der US-Konzerne treten dann einen amerikanischen Investitionsboom los und verbesserten den US-Arbeitsmarkt auch qualitativ. Die USA wären ein attraktiverer Standort nicht zuletzt für ausländische Investoren.

Amerika würde sich noch mehr als Standort für die Digitalisierung, also die industrielle Revolution 4.0 empfehlen. Mit dieser Waffe wollen die USA die klassischen Industrieländer wie Deutschland und Japan erfolgreich angreifen. Überhaupt, während die USA die Digitalisierungssprache bereits sprechen, wird bei uns leider noch über Sprachkurse gesprochen.

Steuerlich und digitalisierungsbedingt sind steigende Gewinne der US-Aktiengesellschaften zu erwarten, die damit ihre aktuell sportliche Bewertung entspannen. Die Stimmung in der amerikanischen Industrie als Frühindikator ist bereits vielversprechend.

Stimmung im Verarbeitenden Gewerbe und US-Gewinnwachstum

Stimmung im Verarbeitenden Gewerbe und US-Gewinnwachstum

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Die Angst der Fed vor der Zerschlagung der hässlichen Fliege

Vor diesem Hintergrund wird die US-Notenbank Fed nicht zum Aktien-Spielverderber. Der global harte Wettbewerb, damit fehlender Lohnkostendruck und angesichts der Alternativfördermethode Fracking ausbleibende Ölpreisschocks der Opec sprechen nicht für robuste Inflation und damit harte Zinssteigerungen.

Die USA sind bis Oberkante Unterlippe verschuldet. Die seit 2008 günstigen Kreditzinsen haben ebenso die US-Konsumenten wieder in eine schlimme Schuldensucht bei Hypotheken, Kreditkarten, Autos und Studentendarlehen getrieben. Gegenüber der Verschuldung von heute ist jene vor Ausbruch der Schuldenkrise 2008 ein Kindergeburtstag. Deren reibungslose Finanzierung insgesamt geht heutzutage erst Recht nur durch anhaltende Zinssubventionierung sponsored by Fed.

Diese stabilitätsunfreundliche Kreditsucht ist wie eine hässliche Fliege, die auf einer wertvollen Vase sitzt. Mit scharfen Zinserhöhungen müsste die Fed diesen Ungezieferbefall eigentlich beseitigen, d.h. die Fliege zerschlagen. Das hat sie schon einmal zwischen 2004 und 2006 gemacht. Leider hat sie damit 2008/2009 eine Schuldenkrise ausgelöst, die zuerst die Konjunktur und dann den Aktienmarkt ruinierte. Zwar war die Fliege dahin, aber die Vase eben auch.

Diesen Zinsschock kann sich die Fed nicht mehr erlauben. Sie ist gezwungenermaßen tierlieb geworden. Ihre Sympathie für Insekten zeigt sie ebenso in einem nur sanften Liquiditätsentzug. Im Übrigen lässt sich die Fed Hintertürchen für den Einstieg in den Ausstieg aus dem Einstieg in die geldpolitische Restriktion offen.

Mit dieser verhalten restriktiven Zinspolitik bremst die US-Notenbank zudem die Aufwertung des Dollars. Eine auch dem US-Außenhandel verpflichtete Fed betreibt keine Exportpolitik pro Eurozone oder Japan. Selbst für die US-Notenbanker gilt: America First. Die Aktien der amerikanischen Global Player wird es freuen.

Übrigens hat sich Trump mit dem Nachfolger von Frau Yellen an der Spitze der US-Notenbank keine wirtschaftsunfreundliche Laus in den Pelz gesetzt.

Die US-Volkswirtschaft bleibt gedopt wie Dow Jones & Co.

An Wall Street regiert Rendite, nicht die Heilsarmee

Allein wegen Trump als vermeintliche persona non grata sollten sich deutsche Anlegerinnen und Anleger nicht von US-Aktien abwenden. Moral- und Renditefragen sind strikt zu trennen. Im Tofu-Laden kauft ja auch niemand Leberwurst.

Rekordstände am US-Aktienmarkt sind per se kein Kurshemmnis, wenn die Aktien-Story weiter stimmig ist. Ich erinnere mich an 1991, als der Dow Jones erstmalig über 3.000 Punkte stieg. Damals hieß es, der Leitindex könne mit Blick auf die übertrieben hohen Kurse nicht weiter steigen. Heute liegt er fast auf dem Achtfachen seines damaligen Niveaus.

Eine höhere Schwankungsbreite am US-Aktienmarkt ist zwar einzukalkulieren. Nachhaltige Kurseinbrüche oder sogar ein Crash sind aber nicht zu befürchten.

Trump ist nicht Amerika und Amerika ist nicht Trump. Wall Street läuft trotz Trump.