Siemens Kampfansage an Lucent, Cisco und Co.

Vorstand Roland Koch forciert die Neuausrichtung. Sein Konzernbereich Information and Communication Networks (ICN) beteiligt sich an dem US-Softwarehaus Quintus. Gemeinsam will man an die Weltspitze.

München - Siemens will sein Geschäft mit Kommunikations-Netzwerken innerhalb weniger Jahre fast vollständig auf internetbasierte Technologien umstellen.

Weltspitze im Visier

Ein erster Schritt hierzu sei der Einstieg bei Quintus, das Lösungen für das elektronische Management von Kundenbeziehungen (eCRM) anbiete, erklärte Koch, der zugleich ICN-Chef ist.

Siemens kauft den Angaben zufolge für 72 Millionen Dollar in bar acht Millionen Aktien des Softwarehauses aus dem kalifornischen Fremont. Das entspricht einem Anteil von 19,9 Prozent. Quintus ist seit November 1999 an der Nasdaq notierten.

Gemeinsame Produktentwicklung

Paul Bartlett, Chief Operating Officer von Quintus, sagte, sein Unternehmen werde vom weltweiten Vertriebsnetz von Siemens und von deren Stärke im Mobilfunk profitieren. Die nächste Generation von Produkten, die Internet, Mobilfunk und Sprachkommunikation vereinen soll, werde gemeinsam mit Siemens entwickelt. Im ersten Quartal 2001 sollten die ersten Produkte verfügbar sein.

Das 1995 aus einem Management-Buyout entstandene Softwarehaus hat laut Bartlett im vergangenen Jahr 50 Millionen Dollar umgesetzt, im abgelaufenen Quartal allein 21 Millionen Dollar. Quintus sei "nur einige Millionen Dollar von der Gewinnschwelle entfernt", die spätestens Anfang 2001 erreicht werden soll.

Unisphere-Börsengang soll Währung schaffen für weitere Zukäufe

Erst am vergangenen Wochenende hatte Siemens über seine US-Netzwerk-Tochter Unisphere das Software-Startup Broadsoft aus Gaithersburg/Maryland übernommen, das sich auf Lösungen für das Telefonieren über das Internet-Protokoll (Voice over IP) spezialisiert hat.

Zehn Prozent von Unisphere sollen nach Kochs Worten möglichst noch in diesem Jahr, spätestens jedoch Anfang 2001 an die Nasdaq gebracht werden. Der Termin hänge von der Entscheidung der US-Börsenaufsicht SEC ab. Damit verfüge Siemens dann über Aktien als Akquisitionswährung, betonte Koch.

Konzentration aufs Netzwerk-Geschäft

Die Zukäufe sind Teil eines Strategieprogramms unter dem Titel "ICN 4P", mit dem der Bereich sein Portfolio im Geschäft mit Kommunikationsnetzwerken stärker auf Internet-Technologien ausrichten will. Binnen drei Jahren könnten 70 bis 80 Prozent des Bereichsumsatzes auf die Übertragung von Sprache und Daten über das weltweite Netz entfallen, sagte Koch.

Im abgelaufenen Geschäftsjahr 1999/2000 (zum 30. September) seien es 20 Prozent gewesen, im kommenden soll der Anteil von ICN auf den rasant wachsenden Märkten auf ein Drittel steigen. Der Bereich wolle sich konzentrieren auf das Geschäft mit Internet-Routern, mit optischen Transportnetzen sowie Softwarelösungen für Netzbetreiber und Firmenkunden.

Trennung von alten Technologien

Zur Konzentration auf IP gehöre auch die Trennung von veralteten Technologien, sagte Koch weiter. "Wir werden das Portfolio kontinuierlich auf den Prüfstand stellen", so Koch. Damit wolle er Siemens von der sechsten Position auf dem Weltmarkt im Wettbewerb mit Lucent, Cisco, Nortel und Alcatel unter die drei größten Anbieter bringen.

ICN ist nach der Abspaltung der Halbleiterhersteller Infineon und Epcos der größte Siemens-Konzernbereich mit rund zehn Milliarden Euro Jahresumsatz und 51.500 Mitarbeitern.