ABB Überraschender Wechsel in der Führungsspitze

Nach vier Jahren an der Spitze des größten Elektrokonzerns der Welt hört Chef Göran Lindahl auf. Nachfolger Jörgen Centerman soll ABB für den E-Commerce fit machen. An der Börse kommt die Nachricht nicht gut an.

Zürich - Göran Lindahl wird ABB nach vier Jahren zum Jahreswechsel verlassen. An der Börse gaben die Aktien des Elektronik-Konzerns um über fünf Prozent nach. Für die Analysten kam der Schritt überraschend.

Die Entscheidung des 55-Jährigen kommt nur wenige Tage nach der Nachricht, dass General Electric den ABB-Konkurrenten Honeywell übernimmt und zur neuen Marktgröße in der Automatisierungstechnik aufsteigt.

In diesem Feld macht ABB rund ein Drittel seines Umsatzes. Lindahl setzte noch größere Hoffnungen darauf: Er entschied im Frühjahr, dass ABB das Kraftwerk-Geschäft abgibt und dafür in der Automation weiter expandieren sollte.

Zugleich sollte die Aktie in den USA gelistet werden, um die Nachfrage nach dem Papier zu erhöhen. Mit dem Antritt des neuen Chefs Jörgen Centerman verzögert sich das Listing auf das nächste Jahr.

Centerman leitet derzeit die Automatisierungstechnik bei ABB. Der 48-Jährige Schwede gilt, zur Beruhigung der Analysten, als Unternehmensveteran.

Den Mischkonzern strategisch neu ausgerichtet

ABB ging vor zwölf Jahren aus der Fusion der Schweizer Brown Boveri und der schwedischen Asea hervor. Das Unternehmen beschäftigt heute rund 165.000 Mitarbeiter in mehr als 100 Ländern.

Lindahl bemühte sich, ABB aus einem zusammengewürfelten, konjunktur-anfälligen Konglomerat zu einem klar ausgerichteten Konzern umzubauen. ABB sollte sich vor allem auf den Geschäftsfeldern Automation, Elektronik und Finanzdienstleistungen profilieren.

Gewinnwarnungen der Konkurrenz

Diese Strategie wurde von der Börse jedoch in den vergangenen Monaten zunehmend in Frage gestellt. Konkurrenten wie Rockwell und Invensys meldeten eine nachlassende Nachfrage in diesem Geschäftsfeld.

Die Gewinnwarnungen der Konkurrenz drückten auch das ABB-Papier. Die Aktie gab seit Januar um 17 Prozent nach, während Konkurrenten wie Siemens oder General Electric leicht zulegen konnten. Auch der Aktienmarkt allgemein - für ABB maßgebend ist die Schweizer Börse - machte in dieser Zeit ein Plus.

Dennoch soll diese Strategie von Nachfolger Centerman fortgesetzt werden. Der Schwede hatte eine wichtige Rolle, als ABB 1998 den Konkurrenten Elsag Bailey Automation für rund 2,1 Milliarden Dollar übernahm und damit zum größten Anbieter für Automatisierungssysteme aufstieg.

In diesem Monat kaufte ABB noch den US-Wettbewerber Base Ten Systems, einen Spezialisten für Automatisierungssoftware für die Pharma-Industrie.

Mit dem Stabwechsel an der Unternehmensspitze gab ABB auch neue Zahlen bekannt. Danach ist der Gewinn im dritten Quartal um vier Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen.

Der Umsatz dagegen - und da ist ABB auch nicht besser als die Konkurrenz - habe um zwölf Prozent nachgegeben.

In Centerman "einen IT-Profi gewonnen"

"Jörgen Centerman tritt dieses Amt zu einem Zeitpunkt an, da sich ABB für die nächste Phase des von der IT-Revolution ausgelösten Wandlungsprozesses vorbereitet, der sowohl den Konzern selber als auch seine Kunden beeinflussen wird", heißt es in einer Mitteilung von ABB.

Lindahl sagte, dass nach 30 Jahren bei ABB, 15 Jahren in der Geschäftsleitung und vier Jahren als Vorsitzender der Geschäftsleitung, für ihn der richtige Zeitpunkt gekommen sei, sein Amt an eine junge Führungskraft mit einem echten IT-Profil zu übergeben.

"Die ersten Schritte für die Neuausrichtung des Konzerns sind getan. Unser Unternehmen hat dies gut verarbeitet. Daraus hat sich jetzt eine von unten kommende Dynamik für einen noch schnelleren Wandel ergeben", sagte Lindahl.

Percy Barnevik, Vorsitzender des Verwaltungsrats von ABB, sagte, dass Centerman über den richtigen Hintergrund verfüge, den Vorstoß von ABB in IT-gestützte Innovationen sowie in Wissens- und Service-basierte Bereiche weiter zu fördern.

Lindahl bleibt im Verwaltungsrat

In den vergangenen 15 Jahren war Centerman in fünf Ländern auf drei Kontinenten tätig – in Singapur, Schweden, Deutschland, den USA und in der Schweiz. Centerman hält ein Master of Science Degree in Electrotechnical Engineering der University of Technology, Lund, Schweden. Er ist seit 1976 bei ABB.

Sein Vorgänger Lindahl wird im Verwaltungsrat von ABB bleiben und das neue Management mit seinem breit gefächerten internationalen Netzwerk unterstützen.

Verwaltungsrats-Vorsitzender Barnevik fügte hinzu: "Wenn Lindahl sein Amt nun an Centerman übergibt, kann er auf eine äußerst erfolgreiche Laufbahn bei ABB zurückblicken. Als Vorsitzender der Geschäftsleitung der vergangenen vier Jahre hat er das Unternehmen in eine neue strategische Richtung geführt, mit einem umgestalteten Geschäftsportefeuille sowie größeren Investitionen in die neue digitale Wirtschaft."

Nachfolger Automatisierung festgelegt

Der 43-jährige Jouko Karvinen, derzeit Leiter des Unternehmensbereichs Automation Power Products wird die Nachfolge von Centerman als Leiter der Konzernsparte Automatisierungstechnik antreten und per 1. Januar 2001 der Geschäftsleitung von ABB als Executive Vice President angehören, teilte ABB mit.

Karvinen ist seit 1993 in der Schweiz tätig. Seine internationale Erfahrung eignete er sich während seiner Arbeit bei ABB in den USA an. Er hatte sein Studium 1982 an der Tampere University of Technology in Finnland mit einem Masters of Science Degree in Power Electronics, Applied Electronics und Industrial Economics abgeschlossen.