Euro Fällt zum G-20-Treffen auf Rekordtief

Die Gemeinschaftswährung stürzt immer tiefer. Hinweise auf eine Intervention zugunsten des Euro bleiben aus. Devisenexperten erwarten den Absturz auf unter 80 Cent.

Frankfurt am Main - Der Euro findet keinen Boden. Am Mittwoch sackte die Währung erstmals seit ihrem Start vor 21 Monaten unter die Marke von 0,83 Dollar. Am Abend lag der Euro bei 0,8252 Dollar.

Der Markt reagiere enttäuscht darauf, dass auf dem Treffen der 20 führenden Industrie- und Schwellenländer in Kanada nichts zur Stützung der Gemeinschaftswährung unternommen worden war, berichteten Händler.

Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte den Referenzkurs auf 0,8307 (Dienstag: 0,8386) Dollar festgesetzt und damit so niedrig wie nie zuvor. Der Dollar kostete 2,3544 (2,3323) Mark.

USA halten am starken Dollar fest

Zusätzlich zu dem G-20-Treffen in Montreal laste ein Interview von US-Finanzminister Larry Summers auf der Gemeinschaftswährung, erklärten Händler von HSBC Trinkaus & Burkhardt. "Ich habe den Grundsatz der Vereinigten Staaten, dass ein starker Dollar in unseren Interessen liegt, viele Male erklärt", hatte Summers am Dienstag gesagt.

Die negative Grundstimmung für die Gemeinschaftswährung sowie die am Dienstag unerwartet schwach ausgefallenen Daten zur Industrieproduktion im Euro-Raum verschärften den Abwärtstrend noch, erklärten die HSBC-Volkswirte. Im Euro-Raum war die Industrieproduktion im August gegenüber dem Vormonat nur um 0,2 Prozent gestiegen, obwohl 0,6 Prozent erwartet worden waren.

Zu anderen wichtigen Währungen legte die EZB die Referenzkurse für einen Euro auf 0,5771 (0,5770) britische Pfund, 89,80 (90,76) japanische Yen und 1,5015 (1,5016) Schweizer Franken fest.

EU-Vertreter bleiben stumm

Ein EU-Kommissionsvertreter erklärte am Mittwoch in Brüssel, die Haltung der Euro-Gruppe zur Gemeinschaftswährung sei unverändert, ohne jedoch auf die Talfahrt des Euro einzugehen.

"Die Position ist die gleiche, wie sie (EU-Währungskommissar Pedro) Solbes und (Frankreichs Finanzminister Laurent) Fabius nach dem letzten Treffen der Euro-Gruppe vorgetragen haben." Dort hatten die Finanzminister der Euro-Zone erklärt, sie seien einstimmig der Auffassung, dass der Euro deutlich unterbewertet sei.

Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD) und sein italienischer Amtskollege Vicente Visco lehnten unterdessen am Rande des G20-Treffen in Montreal jeglichen Kommentar zum Euro ab. Mitglieder der deutschen Delegation sagten, es werde keine Aussagen zum Euro geben.

EZB-Chef Wim Duisenberg hatte bereits am Dienstag in Montreal eine Stellungnahme abgelehnt. Marktteilnehmer sagten, diese Zurückhaltung mache konkrete, den Euro stützende Aussagen vor Ende des Treffens immer unwahrscheinlicher. Weitere deutliche Kursverluste bis auf unter 80 US-Cents seien daher nicht ausgeschlossen.

Devisenexperten befürchten einen Rutsch unter 80 Cent

"Soweit wir das sehen, ist der Euro sehr stark bedrängt", sagte David Brown, Europa-Chefvolkswirt beim Investmenhaus Bear Stearns in London. In den kommenden Wochen werde der Markt nun die Marke von 79 US-Cents anvisieren.

Zudem hatten Händlern zufolge massive Euro-Verkäufe eingesetzt, nachdem am Mittwochmorgen bekannt geworden war, dass eine niederländische Bank im Zusammenhang mit einer Fusion einen großen Betrag an Euro verkauft habe. "Interventionen stellen immer eine Gefahr dar, aber wenn eine Bank einen großen Verkaufsauftrag hat, heißt das, dass die Leute keine große Angst mehr davor haben", sagte ein Händler.

Probleme in Japan verschlimmern die Situation

Die Kursverluste des Euro zum Dollar seien außerdem durch die Schwäche der Gemeinschaftswährung zum Yen verstärkt worden, hieß es weiter. Diese führten die Akteure auf Spekulationen über den möglichen Verkauf von Währungsreserven durch japanische Versicherungskonzerne zurück.

Nach dem Konkurs der Versicherungsgruppe Chiyoda Mutual Life Insurance Co. Anfang des Monats hatte in der vergangenen Woche auch der elfgrößte Lebensversicherer Kyoei Life Insurance Co. Gläubigerschutz beantragt und sei eventuell gezwungen, seine in Euro gehaltenen Währungsreserven zu verkaufen.

Auch die Stärke des Dollar zum Schweizer Franken habe den Euro geschwächt, sagten Händler. Der Dollar war am Dienstagvormittag gegen den Schweizer Franken auf ein 14-Jahres-Hoch von 1,81 sfr gestiegen.

Äußerungen des EZB-Chefvolkswirts, wonach die Debatte um die Osterweiterung der Europäischen Union dem Euro nicht schade, schlugen sich Händlern zufolge zunächst nicht in der Entwicklung des Euro-Kurses nieder.

Der Eintritt der EU-Beitrittskandidaten in die Wirtschafts- und Währungsunion liege noch in weiter Ferne, deshalb könne sie den Außenwert des Euro nicht beeinträchtigen, sagte Issing in einem am Mittwoch vorab veröffentlichten Interview mit dem Magazin "Wirtschaftswoche".