Musikindustrie Sucht nach Verkaufswegen im Internet

Napster, Gnutella und MP3.com haben der Musikindustrie das Fürchten gelernt. Die Unternehmen suchen nun ihrerseits nach Wegen, im Internet Musik zu verkaufen. Music-on-Demand steht dabei hoch im Kurs.

Hamburg - Musik nicht mehr im Plattenladen, sondern aus dem Internet zu besorgen, ist längst ganz alltäglich. Bislang war die Möglichkeit, Songs als MP3-Dateien online auszutauschen, der Plattenindustrie zwar eher unheimlich. Schließlich boten Tauschbörsen wie Napster die Möglichkeit, an Musikstücke heranzukommen, ohne dafür zu bezahlen und ohne sich um die Urheberrechte zu kümmern.

Inzwischen aber gehen die Unternehmen der Branche dazu über, das Prinzip selbst zu nutzen. Music on Demand heißt das neue Schlagwort - Musik auf Abruf aus dem Internet. Was bisher in einer rechtlichen Grauzone kostenfrei üblich war, soll gegen Bezahlung nun legal werden.

Kostenlose Downloads sind Krebsgeschwüre

Angetrieben wird die Musikindustrie durch die hohen finanziellen Verluste, die ihr nach eigenen Aussagen durch die unautorisierten und kostenlosen Downloads ihrer Stücke widerfahren sind. Von einem "schnell wachsenden Krebsgeschwür" wird beim Bundesverband der Phonographischen Wirtschaft in Hamburg gesprochen. Bei vielen Angeboten entgeht Plattenfirmen und Künstlern die ihnen zustehende Lizenzgebühr. Allein für den deutschen Markt beziffert der Verband die Einbußen für 1999 auf 140 Millionen Mark.

Selbstkritisch merkte Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff auf der diesjährigen Musikmesse Popkomm in Köln an, die Musikwirtschaft habe die Bedeutung des Internets zu lange unterschätzt. Sie müsse den legalen Download von Musikstücken aus dem Internet als wichtigen Vertriebskanal für sich erkennen. Dabei sehe sich die Branche jedoch zahlreichen Schwierigkeiten gegenüber, erklärt Dietmar Schlumbohm vom Bundesverband der Phonographischen Wirtschaft.

Technische Probleme müssen noch gelöst werden

Da seien zum einen technische Probleme zu bewältigen, so Schlumbohm. Denn die Plattenfirmen wollen ihre Produkte so zuverlässig sichern, dass die Dateien nicht gleich wieder als illegale Kopien im Internet auftauchen. Zum anderen ist noch nicht geklärt, wie Kunden, von kostenlosen Musik-Angeboten im Netz verwöhnt, dazu gebracht werden könnten, kostenpflichtige Angebote zu nutzen. "Die Industrie experimentiert zurzeit", sagt Schlumbohm.

Um einen zuverlässigen Kopierschutz bemüht sich die Musikindustrie schon lange - nicht nur, um Angeboten wie die der kostenlosen Musik-Tauschbörse Napster das Wasser abzugraben. Die Entwicklung kommt aber nur in kleinen Schritten voran.

Die internationale Initiative für sichere digitale Musik SDMI - Secure Digital Music Initiative -, zu der Plattenproduzenten, HiFi-Firmen und Computerhersteller gehören, hat sich inzwischen darauf geeinigt, Musikdateien künftig durch spezielle digitale Wasserzeichen zu schützen. Doch US-Wissenschaftler haben den Code inzwischen schon geknackt - die Technologie erweist sich als wirkungslos.

BMG bei Music-on-Demand vorn

Unter den im Music-on-Demand-Geschäft tätigen deutschen Unternehmen hat derzeit der Bertelsmann-Konzern die Nase vorn. Die Bertelsmann-Tochter BMG Entertainment in München testet zur Zeit ihr Projekt www.musicdownload24.de. Die Testteilnehmer können unter bis zu 300 Titeln wählen.

Dabei erprobt BMG Entertainment zwei Verkaufsmodelle: In der "Play Forever"-Variante bekommt der Kunde für drei bis fünf Mark pro Lied außer der dauerhaften Lizenz zum Hören auch noch Texte, Fotos oder Biografien. Für rund 50 Pfennig darf der Käufer einen Song ein einziges Mal herunterladen und hören. Auch die Zusatzinformationen fallen weg.

EMI überlässt Händlern den Verkauf der Musikdateien

Einen anderen Weg will EMI Electrola in Köln beschreiten: Hier wird nicht auf den Direktvertrieb gesetzt, sondern auf Händlerseiten. Seit Juli 2000 laufe bereits ein Test in Nordamerika, sagt Dirk Ewald von EMI. Über die Internetseiten großer Musikhändler wie www.virginjamcast.com oder www.hmv.com können zunächst Titel von 100 Alben und Singles aus der EMI-Produktion heruntergeladen werden. Nach einer Auswertung der Probephase sei das Angebot auch für Deutschland geplant.

Ob Music on Demand als kostenpflichtiges Modell erfolgreich sein wird, vermag noch niemand zu prognostizieren. Bis der Anteil kommerzieller Downloads am Umsatz der Musikindustrie überhaupt nur die "wahrnehmbare Größenordnung" von zwei oder drei Prozent erreiche, werde es noch mindestens zwei bis drei Jahre dauern, sagt Schlumbohm. Sicher ist daher auch, dass der Verkauf per Download die CD noch lange nicht ersetzen wird. "Der Vertrieb physischer Tonträger wird auf absehbare Zeit das bestimmende Element des Musikmarktes sein", ist sich EMI-Mitarbeiter Ewald sicher.