Headhunter "Ich bin der Urologe"

Bei ihrer Jagd nach Kandidaten sind viele Kopfjäger nicht zimperlich. Selbst der angesehene Personalberater Baumgartner & Partner muss sich jetzt den Vorwurf gefallen lassen, gegen die guten Sitten zu verstoßen.

München/Hamburg - Zwei Jahre hatten die Personalberater der Münchener Baumgartner-Dependance für sein Unternehmen gearbeitet, erinnert sich Personalchef Jörg Reinhard von der Softwarefirma Atoss. Drei Kandidaten wurden zwischen 1998 und 2000 vermittelt. Die Berater kassierten dafür etwa 150.000 Mark.

Zum Jahresbeginn lief der Vertrag aus, sagt Reinhard im Gespräch mit manager magazin online, aber nach zwei Monaten kam es zu einem erneuten Kontakt. "Völlig unerwartet rief ein Researcher von Baumgartner an", erinnert sich der Atoss-Manager, "und fragte mich, ob ich mich verändern wolle". Bei einem japanischen Pharmaunternehmen sei gerade die Stelle eines Personalleiters frei geworden.

Reinhard wollte sich nicht verändern. Statt dessen verwies er den Anrufer auf eine Loyalitätsvereinbarung, die Atoss mit dem Beratungsunternehmen abgeschlossen hatte. Drei Jahre nach Beendigung des Mandats, so heißt es in der üblicherweise zwischen Klienten und Headhuntern getroffenen Vereinbarung, darf der Berater bei seinem Ex-Klienten keine Mitarbeiter abwerben.

Der Atoss-Manager liess überdies eine strafbewehrte Unterlassungserklärung an Baumgartner schicken, die die Berater auch prompt unterschrieben.

Headhunter schlagen aus Insiderwissen Kapital

Abwerbeversuche nach diesem Schema sind gar nicht so selten, erläutert der ehemalige Headhunter Stephan Weilandt. Immerhin sind Personalberater üblicherweise bestens über die internen Verhältnisse ihrer Klienten informiert. Sie haben die Organigramme studiert und kennen die Strukturen. Sie wissen, was die Manager und Angestellten verdienen. Die Versuchung ist groß, aus diesem Wissen auch nach Beendigung des Beratungsauftrags Kapital zu schlagen.

Weilandt schlägt seinerseits aus seinem Wissen über die Berater Kapital. Er hat die Fronten gewechselt und berät Unternehmen dabei, sich vor allzu aufdringlichen Kopfjägern zu schützen. In "Anti-Headhunting"-Seminaren informiert der Wiesbadener Consultant über typische Tricks und gibt Tipps zur Abwehr.

Der Boom der IT- und Telekommunikationsbranchen hat den Beratern einen Aufschwung beschert, sagt Weilandt. Immer mehr qualifizierte Mitarbeiter werden gesucht, und immer mehr sind bereit, häufiger ihren Job zu wechseln.

IT-Boom ruft dubiose Berater auf den Plan

Dadurch fühlen sich auch zunehmend dubiose Kopfjäger auf den Plan gerufen, die sich ihr zweifelhaftes Know-how oft im Schnellkurs angeeignet haben. Sie horchen unter Vorwänden Empfangsbedienstete und Sekretärinnen aus, und sie kaufen klammen Werkstudenten Telefon- und Email-Listen ab. Sie legen sich erfundene Identitäten zu ("ich bin der Urologe des Vorstandsvorsitzenden"), um von der Sekretärin direkt mit Top-Managern verbunden zu werden.

Wenn sie mir ihrem merkwürdigen Gebaren Erfolg haben, verursachen die schrägen Berater hohe Kosten. Pro abgeworbenem Mitarbeiter geht bei einem geprellten Unternehmen ein Jahresgehalt drauf, schätzt Weilandt. Die Nachfolgersuche per Anzeige oder - hoffentlich seriösem - Personalberater geht ebenso ins Geld, wie die spätere Schulung und Einarbeitung des Betriebsneulings. Dazu kommen Kosten, die sich nicht direkt in Geld ausdrücken lassen, wie beispielsweise verlorene Kundenbeziehungen oder verschlechterte Stimmung im Team.

Dummy-Hunter schleichen sich ins Unternehmen

Vor derlei Folgen will Weilandt seine Klienten bewahren, indem er deren Firmen per "dummy-hunting" ausspioniert. Gibt die Sekretärin einem Unbekannten die Handynummer des Vertriebsleiters preis? Verraten die Mitarbeiter freimütig die Kennwörter, mit denen sich Außenstehende den Zugang zum Intranet verschaffen können?

Die Gegenmaßnahmen sind oft simpel. Sekretärinnen werden angewiesen, an Unbekannte keine Listen zu verteilen, selbst wenn sich der Anrufer als Mitarbeiter des eigenen Unternehmens ausgibt. Abwerbegefährdete Manager lernen Kopfjäger richtig einzuschätzen. "Wenn der Headhunter klingelt, fühlen sich gerade junge Fachkräfte wie die Stars ihrer Branche" bemängelt Weilandt, "und gehen ihm bedingungslos auf den Leim."

Wer sich jedoch aus lauter Rührung einem dubiosen Kopfjäger hingibt, wird in seinem künftigen Job oft nicht glücklich. Denn ein unqualifizierter Berater kann schwerlich beurteilen, ob ein Kandidat auf die ausgeschriebene Stelle seines Mandanten wirklich passt.

Baumgartner-Panne war ein "absoluter Ausnahmefall"

Mit dubiosen Kopfjägern lassen sich die eingangs erwähnten Baumgartner-Consultants gewiss nicht gleichsetzen. Bei der Aktion habe es sich um "eine Panne, einen absoluten Ausnahmefall" gehandelt, versichert ein Baumgartner-Manager gegenüber manager magazin online. Das Unternehmen bemühe sich um langfristige Geschäftsbeziehungen und werde keinesfalls so unklug sein, seine Klienten gezielt zu verprellen.

Auch Atoss-Personalmanager Jörg Reinhard glaubt nicht, dass die Berater vorsätzlich gegen die Loyalitätsvereinbarung verstoßen haben. "Baumgartner ist ein großes Unternehmen", sagt Reinhard, "da wissen die Berater wohl nicht immer, was die Research-Abteilung tut".

Trotzdem hat der Atoss-Manager Konsequenzen gezogen. Vorsichtshalber lässt er seine Mitarbeiter von ehemaligen Headhuntern über die geläufigsten Tricks informieren.

Oliver Fischer

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