Atomkonsens Stade ist der Anfang vom Ende

Den Worten folgen Taten. Zäh war in diesem Sommer das Ringen von Bundesregierung und Stromindustrie um den Atomkonsens. Auf einmal geht alles ganz schnell: Die ersten Meiler gehen vom Netz.

Berlin/Stade - Die Kernkraftwerke Stade und Mülheim-Kärlich sind die ersten Atommeiler, die nach dem Energiekonsens im Sommer 2000 endgültig stillgelegt werden.

Der Atomausstieg war 1998 einer der Kernpunkte des rot-grünen Koalitionsvertrags. Nach langen Auseinandersetzungen einigten sich Bundesregierung und Stromindustrie schließlich im Juni 2000 auf eine Restlaufzeit für die 19 aktiven deutschen Atomkraftwerke von im Durchschnitt 32 Jahren.

Produziert werden sollen noch rund 2.600 Terawattstunden Strom. Wann das letzte Kernkraftwerk vom Netz geht, wurde nicht genau festgelegt.

Nach Abschaltung des Kraftwerks Stade werden in der Bundesrepublik noch 18 Kernkraftwerke am Netz sein, die insgesamt etwa ein Drittel des Stroms in Deutschland erzeugen.

Frage der Entsorgung noch ungeklärt

Der Atomkonsens sieht vor, dass das 1968 in Betrieb gegangene älteste Kraftwerk Obrigheim bis Ende 2002 laufen kann. Das jüngste Kraftwerk, das 1989 eröffnete Neckarwestheim II, darf noch mindestens bis 2021 Energie produzieren.

Ungeklärt ist weiterhin die Frage der Entsorgung: Für das geplante Endlager Gorleben einigten sich Regierung und Stromindustrie auf ein Moratorium der untertägigen Erkundung für einen Zeitraum von drei bis zehn Jahren. Stade ist der zweitälteste kommerziell genutzte Atomreaktor in der Bundesrepublik und der älteste in Norddeutschland.

Der 640-Megawatt-Druckwasserreaktor ging im Januar 1972 ans Netz. Er wird von dem Stromkonzern E.ON Energie betrieben, zu dem sich in diesem Jahr PreussenElektra (Hannover) und Bayernwerk (München) zusammengeschlossen haben.

Stillegung im Einklang mit Atomkonsens

Ein Drittel der Anteile am Kraftwerk Stade halten die Hamburgischen Electricitäts-Werke AG (HEW). Mit Zulieferern hängen rund 700 Arbeitsplätze an dem Kraftwerk, die jedoch zum Teil vorläufig erhalten bleiben sollen.

Gegen das Kraftwerk hatte es in der Vergangenheit Geschichte wiederholt Demonstrationen gegeben. Der Sicherheitsstandard wurde von Atomkraftgegnern immer wieder angezweifelt.

Für den Weiterbetrieb des Atommeilers hatten sich im Januar Kommunalpolitiker und Anwohner ausgesprochen, weil ein schnelles Abschalten Arbeitsplätze gefährde.

Das angekündigte Aus im Jahr 2003 kommt nun schneller als erwartet. Eine Sprecherin des Wirtschaftsministerium teilte mit, dass das Abschalten allein "betriebswirtschaftlichen Kriterien" folge.

Die geplante Stilllegung entspreche den Vereinbarungen im Energiekonsens zwischen der rot-grünen Bundesregierung und der Stromwirtschaft vom vergangenen Juni. Die Betreiber können selber entscheiden, ob sie einen Reaktor aus betriebswirtschaftlichen Gründen früher vom Netz nehmen. Sie haben dann die Möglichkeit, die verbleibenden Reststrommengen flexibel auf andere Kernkraftwerke verteilen.

Die Sprecherin stellte klar, dass die Kraftwerksbetreiber bei einer früheren Abschaltung eines Reaktors keine Schadensersatzforderungen stellen können.