Amazon.com Träumt von lukrativer Web-Weihnacht

Der größte Web-Buchhändler will trotz seiner Milliardenverluste weiterhin expandieren und neue Produkte anbieten. Analysten kritisieren die hochtrabenden Pläne von Firmenchef Jeff Bezos, doch der läßt sich nicht beirren.

San Francisco - Der Aktienkurs des Unternehmens ist seit Dezember von 113 auf 36 Dollar gefallen, und am Montag gab das Papier noch einmal um 4,75 Prozent auf 30,06 Dollar nach.

Der jüngste Kurssturz wurde durch ein Interview von Bezos begünstigt, in dem er ankündigte, an der Strategie "Umsatzwachstum vor Gewinn" festzuhalten. Immer mehr Kritiker zweifeln an dieser Strategie - und an der Überlebensfähigkeit des in der Vergangenheit stets hochgepriesenen Unternehmens.

Wie Bezos im Gespräch mit einer Nachrichtenagentur ankündigte, will er in Kooperation mit dem Online-Fotoservice Ofoto einen Foto- und Kamerashop im Web starten. Anfang August hatte Amazon bereits eine Partnerschaft mit dem US-Spielzeugriesen Toys R Us vereinbart.

Mit Deals dieser Art will sich die Web-Company, die als E-Shop für Bücher, Musik und Videos startete, zu einer universalen Einkaufsplattform im Web entwickeln. "Unser langfristiges Ziel ist es, zu einer Anlaufstelle zu werden, über die alles zu finden ist, was man online kaufen kann", erklärte Amazon-CEO Bezos. "Und das ist ein Ziel mehrerer Dekaden."

Anlaufverluste belaufen sich auf 1,5 Milliarden Dollar

Amazon hat seine ursprüngliche Produktpalette zwischenzeitlich deutlich erweitert – bei fast jedem verkauften Produkt zahlt das Unternehmen drauf. In den vergangenen sechs Jahren sind bei dem Online-Händler Verluste von 1,5 Milliarden Dollar aufgelaufen.

Bezos setzt nun vor allem in das anstehende Weihnachtsgeschäft große Erwartungen und rechnet mit guten Umsätzen für sein Unternehmen und den gesamten E-Commerce-Sektor. "Ich glaube, wir werden eine Web-Weihnacht haben", verkündete der Amazon-Boss optimistisch. Im vergangen Jahr erzielte Amazon immerhin gut 40 Prozent seines Umsatzes im vierten Quartal.

Lieferprobleme soll es in diesem Jahr nicht mehr geben

Allerdings hatte der Web-Shop nur unter extremen Schwierigkeiten alle Bestellungen noch vor den Weihnachtsfeiertagen abwickeln können. Einem Bericht des "Wall Street Journal" zufolge sollen während des Weihnachtsgeschäfts 1999 chaotisches Lagermanagement und der Einsatz völlig unqualifizierter Leiharbeiter zu sehr teuren Pannen geführt haben.

Ob es dem Webhändler in diesem Jahr gelingen wird, die Logistik-Probleme in den Griff zu bekommen, bleibt abzuwarten. Pannen wie im vergangenen Jahr dürften die zunehmend ungeduldiger werdenden Amazon-Investoren in diesem Jahr kaum verzeihen.

Zumindest kann der defizitäre Internet-Händler in diesem Jahr im Spielzeug-Geschäftsbereich auf die Unterstützung seines neuen Partners Toys R Us bauen. Der ist Marktführer in diesem Segment.

Im kniffligen Bereich der Logistik dürfte Toys R Us allerdings keine große Hilfe sein: Die Spielzeugfirma hatte es im vergangenen Jahr selber nicht geschafft, alle ihre Tretroller, Bäller und Videogames pünktlich zum Weihnachtsfest zu den Kunden zu transportieren.

Jochen A. Siegle, San Francisco