RWE/E.ON Weniger produzieren - teurer verkaufen

Den beiden Energieriesen wird der Strom zu billig. Sie schalten erstmals in großem Stil Kraftwerke ab, um die Kapazitäten zu verknappen und Kosten zu sparen. Und sie kaufen Strom im Osten ein.

München/Essen - E.ON will ein Sechstel der Kapazitäten, rund 4.800 Megawatt Kraftwerk-Leistung, abschalten. Beim Konkurrenten RWE stehen sogar 5.000 Megawatt zur Disposition.

Den Stromerzeugern wird ihre Ware zu billig. Seit der Freigabe des Energiemarktes kämpfen sie mit einem Verfall ihrer Erlöse bei Industrie- und Haushaltsstrom.

Der soll allein E.ON im laufenden Geschäftsjahr fast 30 Prozent des Betriebsgewinns kosten, erwartet Vorstandschef Hans-Dieter Harig. Nun sollen die ersten Kraftwerke dran glauben.

Schon ab dem nächsten Jahr will E.ON Kohle-, Öl- und Gaskraftwerke in ganz Deutschland schließen. Einen Terminplan gibt es nicht. Aber fest steht: Der Gas-befeuerte Block Vier des Kraftwerks Emden mit 430 Megawatt wird konserviert.

Er kann bei steigendem Strombedarf mittelfristig wieder in Betrieb genommen werden, so eine Sprecherin. Das Braunkohlekraftwerk Offleben bei Helmstedt mit 280 Megawatt Leistung solle stillgelegt werden.

Anlass der Schließungspläne für diese Anlage seien aber nicht nur die Überkapazitäten bei der Stromproduktion. In Offleben gingen die Braunkohlevorräte ohnehin zu Ende. Bis zum Jahr 2003 wird auch das Atomkraftwerk Stade bei Hamburg still gelegt.

Der Energiekonzern erwartet von den Maßnahmen per saldo eine Verbesserung des Betriebsergebnisses um rund 1,4 Milliarden Mark über einen Zeitraum von zehn Jahren.

Von den Stilllegungen sind rund 1.500 Arbeitsplätze betroffen. Der Aufsichtsrat des zweitgrößten deutschen Energiekonzerns, der aus Veba und Viag entstand, muss den Plänen seines Vorstandes noch zustimmen.

Konkurrent RWE reduziert seine Kraftwerks-Kapazität bis 2004 um über 5000 Megawatt. Die Essener wollen ebenfalls Kraftwerke stillegen, aber auch Strom-Einkäufe aus anderen Ländern reduzieren.

Den durch die Einsparungen betroffenen Mitarbeitern will RWE an anderen Konzernstandorten neue Arbeitsplätze anbieten. Insgesamt seien 180 Mitarbeiter betroffen, teilte das Unternehmen mit.

E.On-Vorstandschef Harig will die Entscheidung, das Atomkraftwerk Stade abzuschalten, nicht als politisches Signal gewertet wissen. "Es ist kein Bauernopfer", betonte er.

Die Stilllegungen werden E.ON in diesem Jahr rund 400 Millionen Mark kosten. Davon sind etwa 300 Millionen Mark Personalkosten.

Die wegfallenden Strommengen will E.ON in den eigenen wirtschaftlich arbeitenden Kraftwerken produzieren oder zukaufen. Dabei kämen auch Lieferungen aus dem Ausland in Frage, falls dies billiger sei, erklärte Harig.

Der Konzern werde möglicherweise auch Strom aus der Tschechischen Republik einkaufen, produziert von den umstrittenen Atomkraftwerken an der Grenze zu Österreich.

Der Abbau des Atomkraftwerks Stade wird nach Angaben von E.ON mehr als 1,3 Milliarden Mark kosten und dürfte sich über zwölf bis 14 Jahre hinziehen. Die gesamte Summe sei durch Rückstellungen gedeckt, erklärte Harig.

Stade bei Hamburg sollte ohnehin als erstes deutsches Atomkraftwerk nach den Energiekonsensgesprächen vom Netz genommen werden. Die politisch vereinbarte Frist bis 2004 wird nun von E.ON nicht ausgenutzt.