Stromausfall Geschäftsrisiko Blackout

Vor den Wintermonaten geht die Angst vor dem Blackout um. Ein großflächiger, lang anhaltender Stromausfall hätte dramatische Folgen - nicht zuletzt für produzierende Unternehmen. Wie die Industrie gegensteuert.
Horrorszenario: Für viele produzierende Unternehmen ist selbst ein kurzer Stromausfall katastrophal

Horrorszenario: Für viele produzierende Unternehmen ist selbst ein kurzer Stromausfall katastrophal

Foto: REUTERS

Hamburg - Einige Millisekunden ohne Strom - und schon steht im Kupferschmelzwerk des Hamburger Aurubis-Konzerns alles still. "Unsere Maschinen schalten sich sofort automatisch ab, damit keine Sicherheitsrisiken entstehen", erklärt Ulf Gehrckens, Senior Vice President für das Energiemanagement bei Europas größtem Kupferproduzenten. Bis die Produktion weitergehen kann, vergehen mehrere Stunden.

Das kostet den Konzern mehrere hunderttausend Euro, wenn es mal länger dauert auch mehr als eine Million. "Die Stromversorger zahlen in dem Fall Schadenersatz", sagt Gehrckens. "Allerdings maximal 2500 Euro." Das Unternehmen bleibt also auf den Kosten sitzen. "Das ist ärgerlich, aber mit diesem Risiko leben wir schon seit langem, darauf sind wir eingestellt", sagt der Energiemanager.

Inzwischen hat er allerdings ganz andere Sorgen: "Das Stromnetz ist seit dem Atomausstieg deutlich instabiler geworden, das berichten uns die Übertragungsnetzbetreiber", sagt Gehrckens.

"Für uns heißt das: Wir müssen uns auch auf das Risiko einstellen, dass der Strom nicht nur für Sekunden weg ist. Sondern gleich für mehrere Stunden, vielleicht Tage." Und das, betont der Manager, sei dann nicht mehr bloß ärgerlich. "Das wäre eine Katastrophe."

Schwankungen im Stromnetz

Eigentlich gilt das deutsche Stromnetz als eines der sichersten der Welt: Ein durchschnittlicher Stromausfall dauert hierzulande gerade einmal eine Viertelstunde. Ein Wert, von dem Menschen in Schwellenländern wie Indien oder Brasilien, aber auch in den USA mit ihrem veralteten, maroden Stromnetz nur träumen können. Doch seit der Atomausstieg beschlossene Sache ist und immer größere schwankende Strommengen aus erneuerbaren Energien ins Netz eingespeist werden, sorgt sich die deutsche Wirtschaft jedes Jahr vor dem Winter um die Sicherheit ihrer Stromversorgung.

Denn wenn es kalt wird und dunkel, wird besonders viel Strom gebraucht - das ohnehin schon strapazierte Netz, das mit dem Ausbau der Erneuerbaren nur mühsam Schritt hält, gerät an seine Grenzen, fürchten viele. Kurze Stromausfälle gab es schon immer - und ihre Ursachen sind in der Regel schnell zu beheben. Fällt ein Baum auf eine Stromleitung oder durchtrennt ein Bagger bei Bauarbeiten versehentlich ein Stromkabel, rücken spezielle Notfallteams der Stromversorger aus und reparieren den Schaden.

Das ist eingeübte Praxis. Aber was, wenn der Fehler im System liegt - und nicht ein Kabel, sondern gleich das ganze Netz schlapp macht? Was, wenn nicht nur einzelne Straßenzüge, sondern ganze Städte und Regionen ohne Strom dastehen - und das für Stunden, Tage oder gar Wochen? Selbst offizielle Stellen wie das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) und die Bundesnetzagentur warnen: Unsere Stromnetze sind anfälliger geworden für Störfälle.

Großflächige Stromausfälle wären dramatisch

Für viele produzierende Unternehmen wäre es ein Desaster. Würde etwa im Aurubis-Kupferschmelzwerk der Strom für mehrere Stunden ausfallen, hätte das dramatische Folgen: Das Kupfer in den Öfen würde erkalten, das Elektrolyt auskristallisieren. "Pumpen, Öfen, Wärmetausche, alles wäre zerstört", sagt Gehrckens. Das Kupfer müsste "bergmännisch abgebaut" werden, also gewissermaßen mit der Spitzhacke entfernt.

"Aber das würde Monate dauern. De facto müssten wir die Anlagen neu aufbauen." Und in diesem Fall würde sich eine ganz grundsätzliche Frage stellen: "Dann stünden wir vor der Entscheidung, an welchem Standort wir die Anlagen wieder aufbauen", konstatiert Gehrckens. Denn schon die hohen Energiekosten in Deutschland und die finanziellen Unsicherheiten, die EEG-Reform und Energiewende mit sich bringen, kann der Kupferproduzent aufgrund des weltweit einheitlich an der Börse gebildeten Kupferpreises nicht an seine Kunden weitergeben.

Kommt dann auch noch eine unsichere Stromversorgung dazu - dann sei womöglich nur noch eine Standortverlagerung ins Ausland eine Option. "Das wollen wir natürlich verhindern. Wir haben deshalb in den vergangenen beiden Wintern Gegenmaßnahmen ergriffen", sagt Gehrckens. Eine eigens installierte Notstrom-Anlage hätte notfalls zehn Prozent Leistung liefern können. "Damit könnten wir nicht produzieren. Aber wir würden mit dem Warmhalten des Kupfers zumindest verhindern, dass die Anlagen zerstört werden."

Dieselbetriebene Notstromanlagen

Ob bei einem großflächigen Stromausfall noch jemand ins Werk zur Arbeit käme, wäre ohnehin fraglich. "Das Schadensausmaß wäre bei einem großflächigen Stromausfall sehr schnell dramatisch. Denn wir sind heute in unserem Alltag sehr abhängig von elektrischem Strom", erklärt Wolfram Geier vom BBK. Schon bei einem Stromausfall von wenigen Minuten stehen nicht nur die Arbeiter in der Produktion vor stillgelegten Maschinen, auch der Büroalltag steht still. Denn die IT läuft nun einmal nicht ohne Strom. Auch der Weg zur Arbeit ist gefährlich. Denn Ampeln und Straßenbeleuchtung fallen aus.

Öffentliche Einrichtungen wie Polizei- und Feuerwehrstationen, Krankenhäuser und Rettungsdienste sind zwar gesetzlich verpflichtet, für den Fall der Fälle vorzusorgen: Hier laufen Notstromaggregate. Doch Arztpraxen, Schulen, Universitäten und die meisten Unternehmen müssen den Betrieb einstellen.

Schon nach wenigen Stunden bricht vielerorts auch die Wasserversorgung zusammen, denn Wasser wird mittels elektrischer Pumpen durch die Leitungen gepresst. Diese bleiben nun leer. Fernheizungen und Klimaanlagen fallen aus. Festnetztelefone funktionieren nicht mehr. Nach rund zwölf Stunden ist auch das Mobilfunknetz außer Gefecht. Züge und Straßenbahnen fahren nicht mehr, an Flughäfen und Häfen stocken die Abläufe. Im Supermarkt funktionieren weder die Kassen noch die Lebensmittelkühlung. Am Bankautomaten gibt es kein Geld mehr.

Wie weitreichend die Folgen eines Stromausfalls wären, musste auch Energiemanager Gehrckens feststellen: Die neue Notstromanlage wollte Gehrckens eigentlich mit Gas betreiben. "Allerdings stellte sich dann heraus, dass im Falle eines großflächigen Stromausfalls auch die Gasversorgung nicht mehr sichergestellt wäre", berichtet er.

In den Gasleitungen würden einige elektrisch betriebene Steuerungsklappen nicht mehr funktionieren. Daher kann die Notstromanlage nun alternativ auch mit Diesel betrieben werden. Sicher ist sicher.

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