Deutsche Börse Fusion mit London Stock Exchange geplatzt

Nach wochenlangem Hin und Her ist die neue Superbörse iX geplatzt. Die London Stock Exchange hat die Fusionspläne aufgegeben und will sich auf die Abwehr des feindlichen Übernahmeangebotes der schwedischen OM konzentrieren.

London/Frankfurt am Main - Die Deutsche Börse bedauerte die Entscheidung der London Stock Exchange (LSE). Börsenchef Werner Seifert erklärte: "Die Deutsche Börse wird Handlungsalternativen prüfen." Nähere Einzelheiten wurden dazu zunächst nicht bekannt gegeben.

Der LSE-Vorstand will sich zunächst darauf konzentrieren, die LSE-Aktionäre über die "Unzulänglichkeiten" des schwedischen Angebots aufzuklären. London wolle ein Zusammenrücken der europäischen Börsen vorantreiben. Auch eine Kooperation mit der US-Technologiebörse Nasdaq werde weiterverfolgt.

Die Nasdaq ihrerseits will nach wie vor mit Frankfurt und London kooperieren. "Wir werden weiterhin mit beiden Börsen zusammenarbeiten, während wir eine weltweite Handelsplattform aufbauen", sagte ein Sprecher in New York.

Plant die Deutsche Börse nun die Übernahme?

Nach Informationen der englischen Zeitung "Independent" planen die Frankfurter nun selbst die Übernahme der Londoner Börse. Schon "im Laufe der nächsten Tage" werde ein Gegenangebot in Höhe von einer Milliarde Pfund (knapp 1,7 Milliarden Euro/3,3 Milliarden Mark) vorgelegt, berichtete das Blatt.

Die schwedische OM-Offerte beläuft sich auf 1,3 Milliarden Euro. Auch die Gruppe Euronext - die Börsen Paris, Brüssel und Amsterdam - sowie die Reuters-Tochter Instinet erwägen angeblich die Übernahme der LSE.

Fusionsabbruch überrascht in Frankfurt nicht

Schon am Montag schien die Fusion von Deutscher Börse und London Stock Exchange zur europäischen Superbörse iX in weite Ferne gerückt. Der Aufsichtsrat der Deutschen Börse verschob die für kommenden Donnerstag geplante Abstimmung der Anteilseigner auf unbestimmte Zeit.

Davor sagten die Briten ihre für den 14. September geplante endgültige Entscheidung über den Zusammenschluss ab. Zuvor hatte es vor allem unter den Londoner Aktionären immer wieder Stimmen gegeben, die die Fusion mit den Deutschen ablehnten. Während von den Aktionären der Deutschen Börse eine Zustimmung von etwa 80 Prozent erwartet worden war, galt das Abstimmungsergebnis in London als offen.

Am Frankfurter Bankenplatz wurde die Nachricht aus London ohne Überraschung aufgenommen. "Jetzt fällt niemand mehr vom Stuhl", sagte Commerzbank-Sprecher Peter Pietsch. Seit Tagen sei klar gewesen, dass der Zug in diese Richtung fahre.

Seiferts Börsenfusion kam "zu früh"

Nach Einschätzung der DG Bank zeigt das Scheitern von iX, dass die Zeit für große Börsenfusionen in Europa noch nicht reif ist. Frankfurts Börsenchef Seifert sei mit seiner Vision vom Aufbau einer Europabörse den Möglichkeiten auf dem Kontinent zu weit voraus, sagte ihr Leiter Aktienhandel, Kurt Bürkin.

"Seifert kam offensichtlich zu früh. Die Befindlichkeiten an den einzelnen Handelsplätzen scheinen doch zu groß", sagte er. "Wir sind auf den Start zurückgefallen. Neues Spiel, neues Glück - jetzt spricht wieder jeder mit jedem."

Bürkin plädierte dafür, dass die Deutsche Börse auf der Suche nach Partnern auch wieder auf Paris und die schweizerische Börse zugeht. "Das müsste jetzt unbedingt nochmal aufgegriffen werden", sagte er. London habe mit seiner Entscheidung dagegen an Einfluss in Europa verloren. "Die LSE ist jetzt ganz klar zum Übernahmeobjekt geworden."

Deutsche Börse "aller Optionen verlustig" gegangen

Die plötzliche Entscheidung führt nach Ansicht von Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) dazu, dass die Frankfurter Börse "aller Optionen verlustig" gegangen sei. Es gebe kaum noch Börsen in der Größenordnung, die noch nicht verbandelt seien.

Reinhild Keitel von der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre sprach von einer wieder einmal äußerst schlecht vorbereiteten Fusion. Dies spreche nicht für den Chef der Deutschen Börse und auch nicht für Aufsichtsratschef Rolf Breuer, der bereits Erfahrungen mit schlecht vorbereiteten Zusammenschlüssen gemacht habe.

Nach Einschätzung der Aktionärsschützer wird sich nach der geplatzten Fusion der Druck der so genannten ECN (Electronic Communication-Network, zu deutsch elektronischer Handelsplatz) wie Tradepoint auf die Deutsche Börse noch erhöhen. iX sei letztlich die Reaktion der Börsen auf die zunehmende Konkurrenz durch die ECN gewesen, sagt Keitel. Banken und institutionelle Anleger drängten zunehmend auf ein einheitliches elektronisches Handelssystem, argumentiert Kurz.

Als weiteres Szenario hält es Kurz nicht für völlig ausgeschlossen, dass die Deutsche Börse bei einer Übernahme der LSE durch OM-Gruppen in die Rolle eines Juniorpartners geraten könnte. Dies hieße wahrscheinlich, dass auch der Neue Markt nach London verlagert werde. Ein Ausbluten der deutschen Börsenlandschaft sei die Folge.

Grundsätzlich beurteilt Kurz die Folgen der geplatzten Fusion für die deutschen Privatanleger als wenig gravierend. Von dem Zusammenschluss hätten vor allem die institutionellen Anleger profitiert. Die Hoffnung auf mögliche Gebührensenkungen als Folge des Zusammenschlusses sei allerdings erst einmal vom Tisch.