EU-Reform Alle warten auf Deutschland

Die künftige Bundesregierung muss die Euro-Zone einen großen Schritt nach vorn bringen. Die Erwartungen bei unseren Nachbarn sind enorm. Ein Report aus Europas Südstaaten.
Angela Merkel (CDU) im Konrad-Adenauer-Haus: Die dritte Amtszeit wird keine leichte sein

Angela Merkel (CDU) im Konrad-Adenauer-Haus: Die dritte Amtszeit wird keine leichte sein

Foto: DPA

Barcelona - Von der Terrasse des Hauptgebäudes der Internationalen Business School IESE hat der Besucher einen phantatischen Blick über Barcelona. Hinten glitzert das Meer. Doch Professor Pankaj Ghemawat ignoriert das Panorama vor seinem Büro. Der weltweit anerkannte Globalisierungsexperte konzentriert sich auf die Zahlenreihen auf seinem Laptop: Die geringe Produktivität Spaniens, die absurd hohe private Verschuldung seiner Wahlheimat bereiten dem in Harvard ausgebildeten Inder spürbare Bauchschmerzen.

Mit echter Besorgnis in den dunklen Augen ringt er seine schlanken Hände: "Die wahren Probleme Europas hat die Gemeinschaft bisher kaum angerührt", beklagt Ghemawat und fordert: "Wir brauchen dringend mehr ökonomische Integration. Die Banken- und Fiskalunion kann nur der Anfang sein."

Mehr Europa. Geteilte Risiken und gemeinsame Haftung. Neue Wachstumsimpulse. Die Wirtschaftsfachleute in den Euro-Krisenstaaten haben klare Vorstellungen davon, wie sich der Kontinent dauerhaft aus seiner Misere befreien könnte. Und ihre Blicke wenden sich dieser Tage vor allem nach Deutschland:

• Im Wahljahr hat Deutschland den europäischen Fortschritt auf Schritttempo gedrosselt. Aber so geht es nicht weiter. Die künftige Bundesregierung wird sich nicht mehr verstecken können. Sie muss eine aktive Rolle dabei spielen, die Euro-Zone zu einer eigenen Einheit mit superstaatlichen Elementen zu führen -oder Europa insgesamt wird auf Dauer nicht zusammenhalten.

• Yves Mersch, luxemburgisches Mitglied des EZB-Direktoriums, warnt im aktuellen manager magazin, es gebe keine Zeit zu verlieren: "Wir brauchen eine föderalere Euro-Zone, um die Krise zu überwinden und Europa dauerhaft zu stabilisieren. In seiner bisherigen Form funktioniert die Konstruktion nicht."

Im aktuellen Heft zeichnet manager magazin einen detaillierten Euro-Fahrplan für die kommenden Jahre vor. Basierend auf Gesprächen mit Dutzenden Akteuren und Experten sowie auf einer Studie der Thinktanks Bruegel und Stiftung Wissenschaft und Politik, die manager magazin exklusiv vorlag, ergibt sich das Bild eines Wirtschaftsraums am Wendepunkt: mehr Integration der Euro-Zone - oder ein allmählicher Zerfall der Währungsunion.

Wer sich bei Wirtschaftsleuten in Südeuropa umhört, erlebt eine Europa-Debatte mit eigenem Akzent. Während in Deutschland die Idee einer stärkeren staatlichen Integration Europas teils auf erbitterte Gegenwehr trifft, ist in Spanien, Frankreich oder Italien der Euro-Enthusiasmus weit stärker ausgeprägt.

Finanzhilfen in einem Fass ohne Boden?

Unter den gegenwärtigen Bedingungen, so ihre Befürchtung, werden sich ihre Länder kaum aus der Misere befreien könen. Denn immer noch steigt dort die Arbeitslosigkeit, trotz leichter konjunktureller Aufwärtstendenz. Weil in Spanien oder Griechenland mehr als die Hälfte der 16- bis 24jährigen keinen Einstieg ins Berufsleben finden, droht eine ganze Generation verloren zu gehen. In Portugal, Italien und Zypern liegt die Jugendarbeitslosigkeit zwischen 35 bis 42 Prozent.

In Griechenland sterben inzwischen sogar Menschen, weil vielerorts die Gesundheitsversorgung nicht mehr gewährleistet ist. Streiks und Proteste sind in vielen Ländern an der Tagesordnung. Das prägt das Europa-Bild der Manager und Ökonomen, die manager magazin befragt hat.

Besonders prekär ist die Lage in der äußersten Peripherie Europas: auf Zypern. Dort ist die Wirtschaft im ersten Halbjahr 2013 um 5 Prozent geschrumpft. Das ist insofern ein positives Signal, als Fachleute mit einem Minus von 15 Prozent gerechnet hatten. Immerhin, es gibt diese Flecken von Grau in einem Meer von Düsternis

Ohne Reformen versickern die Hilfen

Fiona Mullen, Gründerin des in Nikosia ansässigen Wirtschaftsforschungsunternehmens Sapienta Economics, sieht in der Südostecke Europas "Zeichen, dass es wenigstens nicht mehr ganz so steil abwärts geht". Wichtiger als die aktuellen Zahlen aber sei, dass die Regierung tatsächlich Ernst mache mit Veränderungen: "Hier gehen jetzt reihenweise Leute wegen Bestechung ins Gefängnis."

Das Beispiel Griechenland habe allen Südländern gezeigt, dass sie die strukturellen Probleme in ihren Ländern beseitigen müssen. "Sie wissen, ohne Reformen versickern alle Finanzhilfen in einem Fass ohne Boden", sagt die Ökonomin trocken.

Soweit, so deutsch. Aber die kleinen Erfolge der jüngsten Zeit reichen bei weitem nicht für eine dauerhafte Stabilisierung Europas aus.

Eine weitere Integration Europas müsse massiv vorangetrieben werden, das ist die Haltung im Süden.

"Wir brauchen die Vereinigten Staaten von Europa"

Zum Beispiel Loïc Armand, Präsident von L'Oréal Frankreich, der die Europa-Kommission der Medef (Frankreichs Pendant zum BDI) leitet. Er proklamiert: "Wir brauchen die Vereinigten Staaten von Europa." Deren gemeinsame Politik solle die Rahmenbedingungen für eine bessere Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Firmen zu Ziel haben.

Drei Punkte umfasst sein Aktionsprogramm: Endlich den gemeinsamen Markt für die 500 Millionen Europäer vollenden - und zwar mit klaren und einfachen Regeln: "Der Alptraum aus nationaler und europäischer Regulierung bis ins letzte Detail muss aufhören." Zweitens eine Harmonisierung der Steuern zumindest in Bezug auf die Quellen der Staatseinnahmen. Und drittens eine gemeinsame Strategie bei Energie, Transportinfrastruktur, Forschung und Entwicklung.

Weitgehende Forderungen, die den Nationalstaaten einen teilweisen Verzicht von Souveränität abverlangen. Aber der tiefbraun-gebrannte Grandseigneur mit dem schlohweißen Haar gibt sich kämpferisch: "Wir Unternehmer müssen unseren Politikern ein Schubs verpassen. Wir wollen Wohlstand und Arbeitsplätze schaffen, und dafür brauchen wir eine gemeinsame Grundlage in Europa."

Nicht nur Konzernlenker machen Druck

Nicht nur die Topmanager etablierter Konzerne, auch Startup-Gründer suchen eine starkes europäisches Fundament für ihren Unternehmungsgeist. Augustin Paluel-Marmot, der 2009 als Student die Keks-Kette "Michel et Augustin" in Frankreich eröffnete und mittlerweile 25 Millionen Euro mit Süßigkeiten umsetzt, formuliert seine Sehnsucht nach einem "föderalen Europa und einer echten Wirtschaftsgemeinschaft".

Es könne doch einfach nicht sein, sagt er und rauft sich theatralisch das lockige Haar, dass "ich meine Idee leichter in die USA und nach China exportieren kann als nach Deuschland".

Um ihrer Forderung nach wirtschaftlicher Einheit mehr Nachdruck zu verleihen, wollen sich die in der Medef organisierten Unternehmen jetzt mit ihren Kollegen in den anderen EU-Staaten zusammenrotten - zunächst mit den "deutschen Cousins" (Armand) beim BDI und BDA. Zuerst wollen sie gemeinsam die Werbetrommel für die Europawahl im kommenden Mai rühren, damit die EU eine tragfähigere demokratische Legitimation erhält. "Dann bieten uns das neue Parlament und die neue Kommission die einmalige Gelegenheit für einen Neustart", gibt Armand den weiteren Zeitplan vor.

Für das Gebäude Europa gibt es keine simplen Regeln

Doch auch wenn die EU-Institutionen im kommenden Sommer mit frischer Kraft und mehr Macht loslegen können: Einfach wird es nicht, die sensible Balance zwischen europäischer Harmonisierung und nationaler Subsidiarität zu halten. Wie die Dinge liegen, ist dieses feinfühlige Austarieren aber der einzige Weg, die fragile Föderation der Nationen zu steuern.

"Europa ist ein komplexes Gebilde, und dafür kann es keine simplen Regeln geben", wischt Professor Jerome Duval-Hamel Bedenken vom Tisch, ein wirklich integriertes Europa sei bei so viel Unterschiedlichkeit der Nationen doch gar nicht umsetzbar.

Der Mitbegründer des französischen Mobilfunkanbieter SFR Cegetel sitzt an der Place de la Bastille im Café Français. Im Art-Deco-Ambiente lässt sich der Topmanager, der heute an der Law- and Management School Panthéon Assas-Sorbonne lehrt, einen Tonic servieren. Der Franzose mit deutscher Mutter will den Populismus der nationalen Regierungen beendet sehen und plädiert für ein Bekenntnis zur Komplexität: "Europas Stärke besteht doch gerade aus seiner Palette unterschiedlichster Talente".

Den aufwändigen und konfliktreichen Weg zu mehr Integration könnten die EU-Staaten nur dann erfolgreich gehen, wenn sie eine große Vision verbände. Doch genau daran mangle es der derzeitigen Europa-Politik. "Alle Beteiligten kaprizieren sich in typischem Managementdenken an Budgets und technischen Details", kritisiert Duval-Hamel: "Solche Kleinkrämerei begeistert natürlich niemanden."

Es klingt wie leise Kritik an der bisherigen Bundesregierung.

Den Fahrplan für die nächsten Jahre der Euro-Zone lesen Sie im aktuellen manager magazin .

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