Dienstag, 19. November 2019

EU-Reform Alle warten auf Deutschland

Angela Merkel (CDU) im Konrad-Adenauer-Haus: Die dritte Amtszeit wird keine leichte sein

Die künftige Bundesregierung muss die Euro-Zone einen großen Schritt nach vorn bringen. Die Erwartungen bei unseren Nachbarn sind enorm. Ein Report aus Europas Südstaaten.

Barcelona - Von der Terrasse des Hauptgebäudes der Internationalen Business School IESE hat der Besucher einen phantatischen Blick über Barcelona. Hinten glitzert das Meer. Doch Professor Pankaj Ghemawat ignoriert das Panorama vor seinem Büro. Der weltweit anerkannte Globalisierungsexperte konzentriert sich auf die Zahlenreihen auf seinem Laptop: Die geringe Produktivität Spaniens, die absurd hohe private Verschuldung seiner Wahlheimat bereiten dem in Harvard ausgebildeten Inder spürbare Bauchschmerzen.

Mit echter Besorgnis in den dunklen Augen ringt er seine schlanken Hände: "Die wahren Probleme Europas hat die Gemeinschaft bisher kaum angerührt", beklagt Ghemawat und fordert: "Wir brauchen dringend mehr ökonomische Integration. Die Banken- und Fiskalunion kann nur der Anfang sein."

Mehr Europa. Geteilte Risiken und gemeinsame Haftung. Neue Wachstumsimpulse. Die Wirtschaftsfachleute in den Euro-Krisenstaaten haben klare Vorstellungen davon, wie sich der Kontinent dauerhaft aus seiner Misere befreien könnte. Und ihre Blicke wenden sich dieser Tage vor allem nach Deutschland:

• Im Wahljahr hat Deutschland den europäischen Fortschritt auf Schritttempo gedrosselt. Aber so geht es nicht weiter. Die künftige Bundesregierung wird sich nicht mehr verstecken können. Sie muss eine aktive Rolle dabei spielen, die Euro-Zone zu einer eigenen Einheit mit superstaatlichen Elementen zu führen -oder Europa insgesamt wird auf Dauer nicht zusammenhalten.

• Yves Mersch, luxemburgisches Mitglied des EZB-Direktoriums, warnt im aktuellen manager magazin, es gebe keine Zeit zu verlieren: "Wir brauchen eine föderalere Euro-Zone, um die Krise zu überwinden und Europa dauerhaft zu stabilisieren. In seiner bisherigen Form funktioniert die Konstruktion nicht."

Im aktuellen Heft zeichnet manager magazin einen detaillierten Euro-Fahrplan für die kommenden Jahre vor. Basierend auf Gesprächen mit Dutzenden Akteuren und Experten sowie auf einer Studie der Thinktanks Bruegel und Stiftung Wissenschaft und Politik, die manager magazin exklusiv vorlag, ergibt sich das Bild eines Wirtschaftsraums am Wendepunkt: mehr Integration der Euro-Zone - oder ein allmählicher Zerfall der Währungsunion.

Wer sich bei Wirtschaftsleuten in Südeuropa umhört, erlebt eine Europa-Debatte mit eigenem Akzent. Während in Deutschland die Idee einer stärkeren staatlichen Integration Europas teils auf erbitterte Gegenwehr trifft, ist in Spanien, Frankreich oder Italien der Euro-Enthusiasmus weit stärker ausgeprägt.

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