Börse Wende in US-Zinspolitik trifft Asien hart

Wird die US-Notenbank im September beginnen, die Geldschleusen langsam zu schließen? Am Abend wird das Protokoll der jüngsten US-Notenbanksitzung veröffentlicht. Investoren ziehen vorsorglich Geld ab - die Kapitalflucht aus den Schwellenländern hat bereits begonnen.
Fed-Chef Ben Bernanke: Derzeit pumpt die Fed 85 Milliarden US-Dollar pro Monat in den Markt. Diese Summe könnte schon im Herbst um rund 20 Milliarden Dollar verringert werden, schätzen Volkswirte.

Fed-Chef Ben Bernanke: Derzeit pumpt die Fed 85 Milliarden US-Dollar pro Monat in den Markt. Diese Summe könnte schon im Herbst um rund 20 Milliarden Dollar verringert werden, schätzen Volkswirte.

Foto: AP/ DPA

New York/Frankfurt am Main - Das Ende des billigen Zentralbankgeldes rückt langsam näher - und wirft große Schatten auf Asien. Fast schon panikartig ziehen Investoren derzeit dort ihr Geld ab. Sie fürchten, dass die US-Notenbank Fed im September das Tempo ihrer Staatsanleihen-Käufe drosseln könnte und damit weniger als bisher die Konjunktur stützt.

Kurz vor der Veröffentlichung des jüngsten FOMC-Protokolls am Mittwoch Abend gingen Beobachter davon aus, dass das Volumen der Fed-Käufe von derzeit 85 Milliarden Dollar im Monat ab September um bis zu 20 Milliarden Dollar verringert werden könnte.

Die Kapitalflucht aus den Schwellenländern hat Folgen: Das aus den Schwellenländern abziehende Geld setzt die dortigen Währungen massiv unter Druck. Indien und Indonesien leiden schon jetzt darunter. Malaysia, Thailand und die Philippinen gelten als gefährdet.

"Der Rückenwind, den Asien in den vergangenen fünf bis zehn Jahren verspürt hat, verliert an Kraft und wird in manchen Fällen sogar zum Gegenwind", sagt Andrew Swan vom weltgrößten Vermögensverwalter BlackRock. Denn nun rächt sich, dass Länder wie Indien oder China die Jahre mit hohen Wachstumsraten nicht für dringend nötige Strukturreformen genutzt haben.

Verschuldung der Unternehmen ist hochgeschnellt

Viele Staaten haben sich in der Vergangenheit auf billige Kredite verlassen, um ihr Wachstum zu befeuern. Das hinterlässt Spuren: Die Verschuldung der Privatwirtschaft in Asien schnellte nach Berechnungen der Investmentbank Nomura auf 165 Prozent der Wirtschaftsleistung hoch, vor der asiatischen Finanzkrise Ende der 1990er Jahre waren es 127 Prozent.

Das Geld ist nicht immer gut angelegt. So schaffte China zwar ein Spitzentempo beim Wachstum, doch leerstehende Gebäude und ganze Geisterstädte sind ein Anzeichen für zu hohe Investitionen im Bau. Dazu sind viele Branchen im Land, wie etwa der Schiffsbau, von Überkapazitäten geprägt.

Indien macht es Investoren schwer

In anderen Ländern wurde das Geld erst gar nicht investiert. Beispiel Indien: Dort gehen die Investitionen - mit Ausnahme von Immobilien - nach Berechnungen der Weltbank seit 2007 zurück. Investoren haben es hier besonders schwer - und daran hat die Regierung von Manmohan Singh seit ihrem Amtsantritt 2009 nichts geändert. In der Leistungsbilanz, die den Handel mit Waren sowie Dienstleistungen umfasst, klafft ein Loch von fast fünf Prozent der Wirtschaftsleistung. Indien ist auf ausländische Investitionen angewiesen, um diese Differenz auszugleichen.

Auch Indonesien und Hongkong liegen inzwischen bei der Leistungsbilanz im Minus. Nach Nomura-Berechnungen hatten die elf größten asiatischen Volkswirtschaften 2007 einen Überschuss von 6,3 Prozent des Bruttoinlandsproduktes geschafft, 2012 waren es nur noch 1,6 Prozent.

Einige Volkswirte sehen aber auch Gutes in dieser Entwicklung: "In vielen Ländern, die in der Vergangenheit überwiegend von Exporten an Industrieländer abhängig waren, hat nun die Binnennachfrage eine wichtigere Rolle", erklärt Anoop Singh, beim Internationalen Währungsfonds in Washington zuständig für Asien. Allerdings ist der Beitrag des privaten Konsums zur Wirtschaftsleistung in den vergangenen Jahren vielerorts kaum gestiegen.

Währungsverfall verschärft das Problem

Der durch die Kapitalflucht ausgelöste Währungsverfall verschärft das Problem. Besonders stark unter Druck steht etwa die indische Rupie, die zeitweise auf ein Rekordtief gefallen ist. Dadurch werden Einfuhren teurer.

Um Straßen, Strom- und Telekommunikationsnetze sowie die Wasserversorgung auszubauen, sind nach Schätzungen der Asiatischen Entwicklungsbank in den kommenden zehn Jahren 8,3 Billionen Dollar nötig - das entspricht der jährlichen Wirtschaftsleistung Chinas.

Sollte Geld weltweit knapper und teurer werden, kommt das für Asien zu einem schlechten Zeitpunkt. Werden jetzt Strukturreformen in Angriff genommen und wie etwa in China Branchen mit Überkapazitäten der Geldhahn zugedreht, könnte das zunächst einmal die Wirtschaft belasten.

Für Experten führt daran kein Weg vorbei, denn allein mit dem Einsatz Devisen-Reserven lässt sich der Verfall der Währungen nicht dauerhaft stoppen. "Es ist entscheidend, strukturelle Wachstumshemmnisse zu beseitigen", sagt Wai Ho Leong, Regionalexperte bei der Barclays-Bank in Singapur. "Wenn der Wind wieder zunimmt, müssen die Segel groß genug sein, um das Schiff in Fahrt zu bringen."

Fotostrecke

Überblick: So nutzen Sie die neuen Börsenseiten

Von Wayne Arnold und Tomasz Janowski, Reuters
Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.