Popkomm-Kommentar Harakiri-Happening

Nicht das Internet bedroht die Musikbranche. Viel gefährlicher ist es, wenn die Plattenfirmen angesichts des Internets ihre eigentlichen Aufgaben vernachlässigen.

Hamburg - Die Plattenfirmen-Manager schauen verdutzt aufs Web. Erst hatten sie es ignoriert, dann verdrängt, und jetzt ist es trotzdem da. Quicklebendig. Austauschdienste wie Napster oder Gnutella jagen millionenfach tönende Dateien durchs Netz, und die Plattenfirmen gucken in die Röhre.

Sicher, auch die Manager anderer Branchen haben das Internet lange verschlafen, die Autobauer, die Hosenfabrikanten, die Brenner von Schnaps, die Abfüller von Milch. Anders als Milch oder Autos lässt sich Musik aber in Form von Daten durch die weltweiten Netze schleusen – das Produkt "CD" könnte damit überflüssig werden.

Mittlerweile, das hat die Popkomm gezeigt, überschlagen sich Universal, Warner und Co. mit Projekten für die Verbreitung von Online-Musik. Einige bauen Webshops, andere brennen CDs nach den Wünschen der Kunden, wiederum andere installieren auf ihren Websites Läden für den CD-Versand. Die Aktionen und Aktiönchen wirken unkoordiniert, hilflos und mit der heissen Nadel gestrickt.

Doch Häme verbietet sich. Auch andere Produzenten digitalisierbaren "Contents" haben ihre Probleme. Allen voran die Printmedien. Die streben zwar, anders als die Plattenfirmen, schon seit geraumer Zeit ins Internet. Wie sie mit ihren digitalisierten Informationen Geld verdienen sollen, ist ihnen aber nach wie vor unklar. Ob manager magazin, "Welt" oder "Financial Times": Die Medien brauchen keine Napsters oder Gnutellas, die ihre hart recherchierten Informationen zum Nulltarif in die Welt hinausposaunen. Sie machen das selbst.

Online übermittelte Inhalte animieren zur Nutzung von Offline-Medien

Dies scheinbar unbefangene Treiben vermittelt auf den ersten Blick den Charme einer Harakiri-Happenings. Allerdings weist manches darauf hin, dass dieser Eindruck täuscht. Dass, im Gegenteil, der Konsum online übermittelter Inhalte zum Griff nach dem guten alten Offline-Medien animieren kann. Obwohl es vernünftig wäre, gar keine Zeitungen mehr zu kaufen und wie Boris Becker schon beim Frühstück in die Computerröhre zu gucken, greifen immer mehr Nutzer zu dem altbackenen Medium Papier.

Bei akustischen Inhalten ist es ähnlich. Obwohl es praktisch wäre, via Napster oder Gnutella Musikdaten auf die heimische Festplatte zu laden, sind die CD-Absätze des ersten Halbjahres in Deutschland angestiegen. Amerikanische Forschungsinstitute wollen bereits herausgefunden haben, dass die Austauschdienste CD-Kaufimpulse auslösen können. Warum auch immer.

Warum auch immer? Vielleicht liegt es ja an der Qualität des "Contents", der Musik, respektive der Informationen. Vielleicht sind bewährte Trägermedien ja tatsächlich nicht so einfach totzukriegen, sofern die Inhalte stimmen.

Über Inhalte, indes, hat auf der diesjährigen Popkomm keiner ein Wort geredet. "Die Veranstaltung", bemerkte ein Händler treffend, "hätte ebenso gut als Wurmfortsatz einer Computermesse laufen können."

Und genau darum hatte die Popkomm in der Tat den Charme eines Harakiri-Happenings.

Oliver Fischer