Samstag, 7. Dezember 2019

Altersvorsorge Die "gefühlte" Rentenlücke

Andere Aufgaben: Wer mit der Arbeit länger aussetzt, etwa für Kindererziehung, zahlt keine Beiträge in die Rentenkasse und wird im Alter weniger Rente beziehen

2. Teil: "Standardrenter" fehlen 350 Euro zusätzlich - Was Berufstätige tun sollten

Der idealtypische "Standardrentner" hat 45 Jahre lang von seinem Lohn Beiträge in die gesetzliche Rentenkasse abgeführt. Seine gesetzliche Rente ersetzte derzeit etwa 60 Prozent seines letzten Nettoeinkommens. Da ein Arbeitsleben oft unterbrochen ist und damit im Ergebnis weniger Rentebeiträge fließen, fällt auf Basis aktueller Daten die Nettorente nach Abzug von Kranken- und Pflegeversicherung auf rund 55 Prozent des letzten Nettoeinkommens, sagt Werding.

"Damit beträgt die Vorsorgelücke statt der bisher angenommenen 10 Prozentpunkte ganze 32 Prozentpunkte", rechnet der Wissenschaftler vor. Dem Standardrentner fehlten damit selbst bei lückenloser Erwerbsbiografie netto rund 650 Euro in der Tasche und damit 350 Euro mehr als bislang gedacht - vorausgesetzt wohlgemerkt, der Rentner benötigte besagte 87 Prozent seines letzten Nettoeinkommens um zufrieden durch seinen Lebensabend zu kommen.

Was müsste ein Berufstätiger nun sparen, um bei Renteneintrittsalter die "Lücke" zwischen seinem voraussichtlichen Rentenniveau nach Steuern und dem angenommen Niveau von 87 Prozent zu schließen? Eine Modellrechnung Werdings dazu sieht wie folgt aus:

Der 1970 geborene, verheiratete Facharbeiter mit einem Kind und 2950 Euro Monatsbruttoverdienst müsste dafür bis zum Rentenalter zusätzlich 93.300 Euro ansparen. Um diese Summe zu aufzubauen, müsste der Mann ab Berufsstart monatlich rund 95 Euro, also etwa 4,5 Prozent seines Nettoeinkommens, in einen Sparplan einzahlen, der Jahr für Jahr eine Nettorendite von 2 Prozent abwirft.

Was Berufstätige zusätzlich sparen müssten

Würde der Facharbeiter erst jetzt damit beginnen, also im Alter von 43 Jahren, die unterstellte zusätzliche Lücke schließen zu wollen, hätte er 24 Jahre lang sogar 170 Euro monatlich und damit 8 Prozent seines Nettogehalts in einen Sparplan einzahlen, erläutert ein Sprecher von Fidelity auf Nachfrage. Das ist viel Geld, um die wohlgemerkt zusätzlich festgestellte Lücke zu schließen.

Der im selben Jahr geborene gut verdienende Single mit 4553 Euro Monatbruttolohn müsste zusätzlich rund 122.000 Euro ansparen, um besagte Lücke zu schließen. Begänne er ebenfalls erst jetzt damit, müsste er 228 Euro oder 9 Prozent seines Nettoeinkommens monatlich dafür auf die hohe Kante legen, sieht eine andere Musterrechnung vor.

Ein verheirateter Geringverdiener mit einem Kind wiederum, der ein Bruttomonatseinkommen von lediglich 1326 Euro erzielt und ebenfalls erst jetzt mit dem Sparen beginnt, käme mit 57 Euro oder 7 Prozent seines Nettoeinkommens im Monat aus, um die Lücke auf 87 Prozent zu schließen.

Diese Rechnungen sind selbstverständlich "nur" Musterrechnungen. Doch dürfte es gerade einem Geringverdiener - etwa jeder fünfte Beschäftigte in Deutschland arbeitet für einen Niedriglohn - sich von seinem geringen Nettoverdienst auch noch 57 Euro abzuknapsen.

Die meisten Geringverdiener in Deutschland legen überhaupt kein Geld für das Alter zur Seite, weil sie es sich schlicht nicht leisten können. Selbst wenn sie es täten, werden sie auch mit 87 Prozent ihres letzten Nettoeinkommens im Rentenalter kaum über die Runden kommen und auf staatliche Unterstützung angewiesen sein.

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