Die Wirtschaftsglosse Bekenntnisse einer Spießerin

Den ach so schlauen Steuerhinterziehern scheint es ja jetzt wirklich ans beiseite Geschaffte zu gehen. Blöd eigentlich, denn dann können wir Steuerzahler uns am Ende des Tages nicht einmal mehr moralisch überlegen fühlen.
Liebesbrief an den Staat: Es soll Leute geben, die die Einkommensteuererklärung gerne ausfüllen

Liebesbrief an den Staat: Es soll Leute geben, die die Einkommensteuererklärung gerne ausfüllen

Foto: Armin Weigel/ picture alliance / dpa

Heute will ich ein Geständnis ablegen. Ja, ich gestehe, es geht um Steuern. Und zum Thema Abgaben an den Staat habe ich Ungeheuerliches zuzugeben. Obwohl es mich als langjährige Feministin unbändig ärgert, daß mit meinem hart zusammengetippten Geld die Herdpauschale, oh pardon, ich meine natürlich das Erziehungsgeld finanziert wird, sage ich es endlich einmal klipp und klar: Ich zahle gerne Steuern!

Und zwar nicht nur die Einkommenssteuer, die ohnehin praktischerweise niemals auf meinem Girokonto landet sondern gleich von der Personalabteilung direkt ans Finanzamt überwiesen wird. Ich entrichte auch brav die Kapitalertragssteuer. Und das besonders gerne seit es diese wunderbare Einrichtung der Abschlagssteuer gibt.

Davor, da bekenne ich freimütig Schwäche, fiel mir die Steuerehrlichkeit wirklich äußerst schwer. Schließlich mußten für die Anlage Kap der Steuererklärung unsäglich viele Belege zusammen gesammelt und wohl geordnet werden - sprich in einen alten Schuhkarton geworfen. So viel Arbeit, nur um dann dafür auch noch zahlen zu müssen, das war schon wirklich hart und ging an die Grenzen meiner Leidensfähigkeit.

Wenn diese entsetzliche Aufgabe nicht mein wundervoller Gatte - tausend Dank dafür mein geliebter Klaus (das mußte jetzt auch mal geschrieben werden) - übernommen hätte, wer weiß? Vielleicht hätte ich dann den lockenden Anrufen jener Anlageberater nachgegeben, die mir mindestens einmal die Woche unglaublich steuersparende Investments offerierten. Aber dank der tatkräftigen Unterstützung durch diesen traumhaften Mann, der noch viel ehrlicher und wahrheitsliebender ist als ich (wo ich schon beim Gestehen bin, kann ich es ja mal sagen: Manchmal schöne ich die Wirklichkeit ein wenig, damit sich eine eigentlich ziemlich langweilige Story aufregend und amüsant anhört) konnte ich deren unmoralische Angebote souverän kontern.

Im Brustton der Überzeugung antwortete ich auf die suggestive Frage: "Wollen Sie nicht auch Steuern sparen - vielleicht mit einem Konto in Luxemburg oder in der Schweiz?" mit dem schönen Satz: "Nein danke, ich zahle gerne Steuern." Allein das verdutzte Schweigen und das zusammenhanglose Stotteren, das diese Verkaufstalente auf meine radikale Äußerung zu Besten gaben, war jeden Cent der entgangenen Steuerersparnis wert.

Ach ja, dieses wunderbare Gefühl der moralischen Überlegenheit. Heute will ich es noch einmal voll auskosten. Mir vorstellen, wie Sie, meine hochverehrten Leser, anerkennend mit der Zunge schnalzen. Sieh da, eine mit allen Wasser gewaschene Wirtschaftsjournalistin und zahlt trotzdem brav ihre Steuern. Dabei müßte die doch wirklich wissen wie das so geht mit den Steuertricks.

Wie schade, daß ich mich nicht mehr lange an dieser göttlichen Empfindung erfreuen kann, ein wirklich guter Mensch zu sein, nur weil ich Steuern zahle. Denn es scheinen ja jetzt wirklich bald alle Steueroasen ausgetrocknet zu werden. Und wahrscheinlich werden auch alle Schwarzgeld-im-Koffer-über-die Grenze-Träger entweder reumütig zahlen oder ins Gefängnis wandern. Und die anderen Hinterzieher werden aus Angst vor dem Knast ehrlich werden.

Die erschütternden Berichte der prominenten Gesinnungsgenossen von ihren grauenhaften Erlebnissen hinter Gitter werden bestimmt jedes noch so kalte Gierschlund-Herz erweichen und zu sofortiger Ehrlichkeit bekehren. Tja und dann sind am Ende des Tages alle ehrlich und geben dem König, sorry, der Kanzlerin, was der Kanzlerin ist.

Und wir, die bislang so simpel als Gutmenschen hervorgehobenen Steuerehrlichen, wir müssen uns etwas anderes suchen: Ich sollte schon mal anfangen, mich zur Charity-Lady weiterzubilden.

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