Schwarzgeld "In den USA gibt es mit die größten Steueroasen"

Ein globales Netz von über 100.000 Steuersündern, hunderte davon aus Deutschland - Hans-Lothar Merten überrascht das nicht. Der Schwarzgeldfachmann kündigt im Interview weitere spektakuläre Enthüllungen in der Zukunft an.
Skyline von Miami: Die Florida-Metropole gilt als Hort von Drogengeldern - und wohl auch deutschen Schwarzgeldes

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Foto: Corbis

mm: Herr Merten, die Medien sind voll mit dem Thema Steuerhinterziehung und Schwarzgeld. Offenbar sind mehr als 100.000 Fälle öffentlich geworden, in denen Reiche und teils auch Prominente in Steueroasen Geld versteckt haben sollen. Darunter auch hunderte deutsche Personen, wie es heißt. Überrascht Sie das?

Merten: Nein, das überrascht mich überhaupt nicht. Das Thema ist ja nicht neu, nur die Dimension ist eine neue. Das ist praktisch eine Steigerung der CD-Geschichten, die es in den vergangenen Jahren mehrfach gab.

mm: Sie meinen den Ankauf von CDs mit Daten möglicher Steuerhinterzieher durch deutsche Behörden, den es schon häufiger gab.

Merten: Richtig. Das was jetzt bekannt wird, überrascht auch insofern nicht, weil es sich um eine logische Folge der politischen Entwicklung handelt. Nehmen Sie beispielsweise Panama, woher ja offenbar ein Teil der aktuellen Daten stammt. Das ist kein Zufall, denn in Panama wurde vor Kurzem das Firmenregister geöffnet.

mm: Das heißt?

Merten: Dadurch werden die Leute, die dort vor Jahren entsprechende Gesellschaften gegründet haben, auf dem falschen Fuß erwischt. Die haben sich auf die Anonymität verlassen, die ihnen damals zugesichert wurde. Viele Unternehmer oder Manager haben deshalb nicht aufgepasst und sind persönlich mit ihrem Klarnamen in die Scheinfirmen gegangen. Sie haben einfach nicht damit gerechnet, dass das irgendwann auffliegt.

mm: Und jetzt fliegt es auf.

Merten: Genau. Dadurch hat man jetzt auch die Echtnamen der Betroffenen. Ähnliches könnte demnächst auf den Cayman Islands passieren. Dort geht man ebenfalls dazu über, das Firmenregister aufzumachen. Allerdings kommen auf diese Weise meist nur Fälle zum Vorschein, die schon länger zurückliegen.

mm: Weshalb?

Merten: Vor etwa zehn Jahren wurden die Leute vorsichtiger. Sie haben wohl gemerkt, dass sich etwas tut, und haben begonnen, Strohleute dazwischenzuschalten. So etwas haben die Reichen bis vor einem Jahrzehnt jedoch regelrecht verdrängt.

mm: Sie erwarten also weitere Enthüllungen?

"Wer Schwarzgeld hat, versucht, das schwarz zu halten"

Merten: Das wird wohl so kommen. Dazu trägt auch bei, dass die OECD und auch die Vereinigten Staaten in diese Richtung massiven Druck aufbauen, damit die Steueroasen ihre Register offen legen.

mm: In Deutschland ist Steuerhinterziehung spätestens seit dem Fall des ehemaligen Post-Chefs Klaus Zumwinkel ein großes Thema. Hat sich seither aus Ihrer Sicht an der Steuerzahlermentalität der Reichen hierzulande irgendetwas geändert?

Merten: Die Mentalität hat sich nicht verändert. Aber die Möglichkeiten zur Steuerhinterziehung werden immer mehr eingeschränkt. Allein durch die CD-Ankäufe hängt stets ein Damoklesschwert über dieser Klientel. Dadurch entsteht eine größere Vorsicht. Das heißt: Es gab zwar 40.000 oder 50.000 Selbstanzeigen in den vergangenen Jahren. Die kamen aber nur zustande, weil die Leute befürchten mussten, auf einer der CDs zu stehen. Ansonsten gilt: Wer irgendwo Schwarzgeld liegen hat, der versucht in der Regel auch, das schwarz zu halten.

mm: Auch die Gesetzgebung wurde verschärft ...

Merten: Die wurde verschärft, richtig. Ab einer verheimlichten Steuerschuld von einer Million Euro gehen sie heute ins Gefängnis.

mm: Hat das die Situation nicht verbessert?

Merten: Nicht unbedingt. Die Leute gehen dennoch das Risiko ein. Es ist ja bislang auch kaum jemand verurteilt worden. Das ist also ein Drohmittel, das nicht wirkt.

mm: Berichtet wird von einer regelrechten Steuerhinterziehungsindustrie, mit Dienstleistern, die sich beispielsweise auf die Gründung von Scheinfirmen und ähnliches spezialisiert haben. Wie sehen Sie das?

Merten: Allein in Liechtenstein gibt es etwa 400 Treuhänder und Treuhandgesellschaften, die in der Vergangenheit nichts anderes getan haben als Beihilfe zum Steuerbetrug. Auch das Bankensystem der Schweiz war in den vergangenen zehn bis 15 Jahren voll auf Steuerbetrug ausgerichtet.

mm: Die Schweiz ändert ihre Politik in dieser Hinsicht derzeit allerdings schon ein wenig.

Merten: Ja, die Schweiz propagiert jetzt offiziell die sogenannte Weißgeld-Strategie. Auch die Banken sind verpflichtet, keine steuerneutralen Gelder mehr anzunehmen. Das heißt, bei Verdachtsmomenten müssen die Banken das heute melden. Und das tun sie auch. Vielen Kunden bereitet das bereits Schwierigkeiten.

mm: Gelöst ist das Gesamtproblem damit aber noch längst nicht. Was müsste Ihrer Meinung nach geschehen, damit internationale Steuerhinterziehung noch stärker eingedämmt wird?

"Es gehen verstärkt Gelder von der Schweiz nach Miami"

Merten: Man müsste in Europa geschlossener auftreten. Schauen Sie sich nur den massiven Druck an, den beispielsweise die USA gegenüber Liechtenstein und der Schweiz aufgebaut haben. Das vermisst man bei der EU. Dort gibt es nur Einzelkämpfer, hier geht Deutschland voran, dort macht Frankreich etwas und dort Italien. Dabei könnte man ja mit einer geschlossenen Linie auch erheblichen wirtschaftlichen Druck ausüben, beispielsweise auf die Schweiz, um Daten zu bekommen. Auf der anderen Seite sind die Aktivitäten der USA allerdings auch scheinheilig.

mm: Wieso das?

Merten: In den Vereinigten Staaten gibt es mit die größten Steueroasen weltweit. Schauen Sie sich Delaware an. Oder Florida, für Privatpersonen. Dort liegen Billionen. Große Summen, die früher in der Schweiz waren, wandern heute nach Miami. Denn die Banken in Amerika sind nicht gezwungen, sich über die Herkunft des Geldes zu informieren. Versteuert werden nur die Erträge. Deshalb finden sie in Miami auch schon seit Jahren die Gelder der Drogenkartelle Südamerikas.

mm: Liegen dort auch deutsche Gelder?

Merten: Es gehen verstärkt Gelder von der Schweiz nach Miami. Darunter sind sicher auch etliche deutsche Gelder.

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