Dax-Pensionspläne Die 156-Milliarden-Euro-Lücke

Das Zinstief schlägt voll auf die Bilanzen der Dax-Konzerne durch. Zwischen ihren Pensionszusagen und dafür reserviertem Vermögen klafft eine Lücke von 156 Milliarden Euro. Verfechter der Betriebsrente sehen keinen Grund zur Sorge. Beschäftigte und Aktionäre sollten dagegen genau hinschauen.
Betriebsrente: Die Pensionsverpflichtungen allein der 30 Dax-Konzerne sind 2012 auf 317 Milliarden Euro in die Höhe geschnellt.

Betriebsrente: Die Pensionsverpflichtungen allein der 30 Dax-Konzerne sind 2012 auf 317 Milliarden Euro in die Höhe geschnellt.

Foto: Arno Burgi/ dpa

Hamburg - Die Deckungslücken in den Pensionsplänen von Dax- und MDax-Konzernen haben sich zum Ende 2012 drastisch vergrößert. Der Grund: Der historisch niedrige Rechnungszins ließ den Wert laufender und künftiger Betriebsrenten deutlich anschwellen.

Zwar legten wegen der guten Kursentwicklung an den Anlagemärkten die Pensionsvermögen deutlich zu. So erzielten die Anlagestrategen mit dem für Betriebsrenten zurückgelegten Vermögen Anlagerenditen von knapp 12 Prozent. Doch der Vermögenszuwachs reichte bei weitem nicht aus, um den Deckungsgrad der Ansprüche zu halten geschweige zu erhöhen, berichten die Berater von Towers Watson in ihrem jüngsten "German Pension Finance Watch".

Nach Hochrechnungen der Spezialisten für die betriebliche Altersvorsorge schnellten die Pensionsverpflichtungen der Dax-30-Konzerne um fast ein Viertel auf 317 Milliarden Euro in die Höhe. Den Verpflichtungen standen Vermögenswerte von 184 Milliarden Euro gegenüber, so dass in den Pensionsplänen eine Deckungslücke von 133 Milliarden Euro klaffte und die Ansprüche nur noch zu 57,9 Prozent (2011: 65,6) gedeckt waren.

In den Pensionsplänen der MDax-Gesellschaften kletterten die Verpflichtungen auf 41 Milliarden Euro (2011: 34). Dem standen 18 Milliarden Euro pensionsspezifische Vermögenswerte gegenüber, so dass der Deckungsgrad im Vergleich zum Vorjahr um 5 Prozentpunkte auf 43,9 Prozent absackte.

Towers Watson führt die drastisch vergrößerten Deckungslücken in den Pensionsplänen der Konzerne primär auf den deutlich gefallenen Rechnungszins zurück. Zum Stichtag 31. Dezember 2012 habe er bei 3,35 Prozent gelegen und damit 140 Basispunkte niedriger als ein Jahr zuvor.

Niedriger Rechnungszins treibt die Verpflichtungen nach oben

Zum Hintergrund: Die Pensionsverpflichtungen erfassen den Wert laufender und künftiger Betriebsrenten. Künftige Leistungen erfassen die Konzerne in ihren Bilanzen mit dem Gegenwarts- oder sogenannten Barwert. Der Gegenwartswert einer Rentenverpflichtung errechnet sich durch Abzinsung, so genannte Diskontierung - zudem fließen statistische Größen wie Lebenserwartung mit in die Berechnung ein.

Der verwendete Rechnungszins orientiert sich an der Umlaufrendite von Anleihen guter Bonität. Diese schwankt laufend, damit auch der für die Berechnung des Barwerts verwendete Zinssatz und in letzter Konsequenz der in der Bilanz anzusetzende Gegenwert der Pensionsverpflichtungen. Das heißt, er steigt, wenn der Rechnungszins sinkt. Er sinkt, wenn der Rechnungszins steigt.

Folglich kann die marktnahe Bewertung der Pensionsverpflichtungen erhebliche Unruhe in die Unternehmensbilanzen bringen, betont Experte Thomas Jasper von Towers Watson. So habe der Rechnungszins Ende Januar bereits wieder bei 3,7 Prozent gelegen. Hätte man dieses Niveau Ende 2012 zugrunde gelegt, wären die Pensionsverpflichtungen rechnerisch niedriger ausgefallen. Der Ausfinanzierungsgrad der Dax-Pensionspläne hätte dann bei rund 60 Prozent gelegt.

"Das historische Zinstief wurde ausgerechnet zum Bilanzierungsstichtag 31. Dezember 2012 erreicht", betont der Experte. Den leichten Zinsanstieg bewertet Jasper vorsichtig optimistisch. Bliebe es dabei, würde sich damit das angespannte Umfeld für die Pensionswerke entspannen.

Richtig ist aber auch, dass der Rechnungszins in den vergangenen Jahren kontinuierlich gesunken ist. Pensionskassen und andere betriebliche Vorsorgeträger sind dabei großen Herausforderungen ausgesetzt. Das gilt vor allem dann, wenn Unternehmen in der Vergangenheit ihren Beschäftigten hohe Rentenzusagen mit festen Zinsgarantien - teilsweise bis zu 7 Prozent - gemacht haben.

Konzerne versuchen Gefahr von Pensionslasten zu entschärfen

Belastbare Erhebungen über die genaue Höhe der Zusagen gibt es nicht, das Volumen soll aber für die betroffenen Unternehmen nicht bedrohlich sein, betonten unlängst die Berater von Mercer im Gespräch mit manager magazin online. Zudem gingen große Unternehmen zusehends dazu über, ihre Pensionszusagen stärker an die Entwicklung der Kapitalmarktzinsen zu koppeln. Das heißt, der Beschäftigte und künftige Betriebsrentner trägt das Anlagerisiko stärker mit. Towers-Watson-Experte Jasper spricht in diesem Kontext von "modernen Pensionszusagen", deren Deckungsgrad auch bei nervösen Kapitalmärkten eher stabil bleibe.

Dahinter steht die Erkenntnis, dass Investoren mittlerweile viel genauer als früher auf Pensionsverpflichtungen von Unternehmen schauen, denn diese stellen im Kern nichts anderes als Schulden dar.

Jeder Investor wird sich überlegen, ob´er in ein Unternehmen investiert, dessen Verschuldung im Vergleich zum Gewinn hoch ist und dessen Erträge noch mit dem Konjunkturzyklus stark schwanken können. Pensionsverpflichtungen stellen aus Investorensicht auch deshalb ein Risiko dar, weil diese Verpflichtungen trotz aller Schwankungen beim Rechnungszins durch anhaltend niedrige Zinsen tendenziell steigen.

Dabei steht es einem Unternehmen frei, ob es seine Verpflichtungen aus dem operativen Cashflow bezahlt und dafür Rückstellungen in der Bilanz bildet oder ob es das Geld lieber einem externen Versorgungsträger - etwa einer Pensionskasse - überweist, der es dann zur Finanzierung der Betriebsrenten möglichst gewinnbringend am Kapitalmarkt anlegt. Im ersten Fall sind die Verpflichtungen durch das Betriebsvermögen "gedeckt", im zweiten Fall durch das bereits erwähnte zweckgebundene Planvermögen, betonen die Unternehmensberater von Towers Watson.

Finanzierung aus dem laufenden Cashflow eher nachteilig für Aktionäre

Die Deutsche Telekom  zum Beispiel finanziert im Gegensatz zu anderen Dax-Konzernen die Betriebsrenten(ansprüche) ihrer Beschäftigten zu einem Großteil aus dem operativen Cashflow. Laut Towers Watson deckte gebildetes Planvermögen im Jahr 2011 die Pensionszusagen der Telekom lediglich zu 12 Prozent ab. Andere Konzerne wie Deutsche Bank , Commerzbank , SAP  oder Linde  wiesen im selben Jahr dagegen einen Deckungsgrad von 90 Prozent und mehr aus.

Ein wichtiger Unterschied: Fließen die Zahlungen an die Pensionäre aus dem operativen Cashflow, schränkt das die Liquidität des Unternehmens ein und für die Aktionäre steht womöglich weniger zur Verfügung. Andererseits stehen Unternehmen aber auch in der Pflicht, wenn ihr Vorsorgeträger nicht mehr die für die Zusagen erforderlichen Renditen erwirtschaftet, entsprechend Geld nachzuschießen.

Kritisch sehen es Investoren, wenn sich die Pensionsverpflichtungen eines Unternehmens seinem Börsenwert nähern oder ihn sogar deutlich übersteigen, wie zuletzt bei der Lufthansa . Dies gilt um so mehr, wenn die Verpflichtungen dann auch noch zu einem geringen Teil durch Planvermögen gedeckt sind.

Ob der Arbeitgeber die Pensionszusagen nun intern oder extern finanziert, im Insolvenzfall sind die Zusagen durch den Pensionssicherungsverein oder den Protektor gesichert, wie die Protagonisten der Betriebsrente immer wieder betonen. Auch deshalb erfreue sich die betriebliche Altersversorgung zunehmender Beliebtheit, setzten die Unternehmen sie als wichtigen Vergütungsbaustein im Wettbewerb um talentierte Mitarbeiter ein.

Allzu großzügigen Versprechen sollte der potentielle Mitarbeiter aber mit Skepsis begegnen. Denn auch in der betrieblichen Altersversorgung wachsen die Bäume nicht in den Himmel. Viel mehr als 4 Prozent werfen die überwiegend konservativen Portfolien von Pensionsfonds, Pensionskassen und der Direktversicherung nicht ab. Rentenprognosen, die mit einem höheren Marktzins kalkuliert wurden, sehen unabhängige Experten mittlerweile als gefährdet an.